Klaviervirtuose und Unterhaltungskünstler

Erstellt: 31. Oktober 2006, 00:00 Uhr
Klaviervirtuose und Unterhaltungskünstler Der Schalk sitzt im Nacken – und in den Fingern: Pianist Joja Wendt bearbeitet seinen Mini-Flügel. Foto: Stahlfeld

Hamburger Pianist Joja Wendt begeistert treue und neue Fans im Mühlacker Mühlehof

Man müsste Klavier spielen können“, stapelt Joja Wendt nicht nur beim Titel seines Programms tief. Selbst der türkische Putzmann und die Visagistin spielen scheinbar den „Türkischen Marsch“ von Mozart besser als der Hamburger Pianist, wie dieser am Freitagabend die rund 550 Gästen im Gottlob-Frick-Saal im Mühlehof glauben machen will. Ein Scherz! Der Klavier-Virtuose aber konnte sich getrost selbst auf die Schippe nehmen, denn nur wenige Minuten später zeigte er seine wahre Klasse.

 Joja Wendt ist Klavierspieler und Unterhalter zugleich. Bei seinem Auftritt in der Senderstadt spielte er nicht nur behände auf den schwarzen und weißen Tasten seines Flügels, sondern nicht weniger talentiert mit dem Publikum. Und der aus Funk und Fernsehen bekannte Künstler beherrschte wahrlich jede Klaviatur.

 George Gershwin habe seine „Rhapsody in Blue“ sogar rückwärts gespielt, erzählte er im lockeren Plauderton: „Das ist natürlich sehr schwer.“ Er für seinen Teil könne es nur mal versuchen, stapelte er ein weiteres Mal tief, um es dann seinem Vorbild gleich zu tun. Das Publikum amüsierte sich köstlich, als Wendt dem Flügel den Rücken zukehrte und loslegte.

 Doch der Tastenteufel entpuppte sich auch als Meister der stillen Töne. Spätestens bei einer seiner gefühlvollen Eigenkompositionen war es mucksmäuschenstill im Saal. Aber bitte nicht daran gewöhnen. „Let’s have fun tonight“, gab sich Wendt umgehend rockig und feierte mit dem Publikum ausgelassen eine Party.

 Es war in Hamburg, während seiner Studienzeit, als Wendt im „Sperl“ Joe Cocker begegnete, in dessen Vorprogramm er später spielte. „Das Blut gefror mir in den Adern“, zeichnete er die Szene nach. „Nur in der Ferne heulte ein Hund. Ein Cockerspaniel wahrscheinlich…“

 Wendt spielt seit seinem sechsten Lebensjahr Klavier. Wie das wohl ausgesehen haben mag? Die Zuschauer brauchten ihre Fantasie nicht zu bemühen. Der Entertainer packte den Mini-Flügel von Steinway & Sons aus, setzte sich lässig auf den Boden und bearbeitete das kleine Instrument.

 Er schien den Schalk aber nicht nur im Nacken zu haben, sondern auch in den Fingern. Launig spielte er sich in einer Art Gratwanderung durch die unterschiedlichsten Stile. Jazz, Blues, Boogie, Rock, Pop und Klassik – Wendt kannte keine Tabus und animierte, wenn’s sein musste, seine Zuhörer auch noch zum Mitsingen: „Das muss laut sein, nicht schön.“
 Die hingegen fanden sein Gastspiel im Mühlehof nicht nur schön. Sie waren restlos begeistert.

Ulrike Stahlfeld

Weiterlesen
Fußgänger fühlen sich „wie in Schilda“

Fußgänger fühlen sich „wie in Schilda“

Mühlacker. Die Passanten sind wie vor den Kopf gestoßen, um denselbigen im nächsten Augenblick ungläubig zu schütteln. „Wie in Schilda!“, sagt ein verärgerter Fußgänger, als er am Dienstagmorgen auf dem… »