Kein Job für Menschen mit schwachen Nerven

Erstellt: 31. August 2012, 23:30 Uhr
Kein Job für Menschen mit schwachen Nerven Von Kopf bis Fuß eingehüllt: Benjamin Gutjahr ist als Tatortreiniger tätig.

Pforzheim. Wenn Benjamin Gutjahr (25) seine Freunde trifft, dann gibt es genau ein Tabu-Thema: seinen Job. „Da rede ich nicht drüber. Wenn es meine Oma wäre, dann wollte ich es auch nicht.“ Würde der Huchenfelder noch seinen ursprünglich erlernten Beruf des Landschaftsgärtners ausüben, hätte er wohl weniger Probleme, darüber zu sprechen. Doch mit dem Vergleich in Richtung Großmutter meint er nicht etwa das Umgraben von Gärten bei alten Menschen: Benjamin Gutjahr ist Tatortreiniger, und als solcher wird er auch zu Wohnungen gerufen, in denen alte und einsame Menschen seit Tagen tot liegen.

Und vor kurzem wurde der junge Mann nach Stuttgart gerufen, wo sich ein Mann am Türbalken erhängt hatte. Wenn er ankommt, sind aber in jedem Fall die Leichen bereits abtransportiert. Was er dann noch vorfindet, ist sicherlich nichts für schwache Nerven und empfindliche Mägen: Der Mann, der sich erhängte, wurde nach fünf Tagen gefunden – da war die Leichenflüssigkeit auf den Parkettboden gesickert, der Geruch auch entsprechend. Wenn sich jemand die Pulsadern aufgeschnitten hat, dann kann es auch sein, dass die ganze Wohnung mit Blut besudelt ist.

„Das macht mir nichts aus, es ist meine Arbeit“, sagt Benjamin Gutjahr lediglich. Zudem trage er einen Mundschutz, der einiges abhalte. Und nicht nur das: Bevor er sich an die Arbeit macht, zieht er einen Ganzkörper-Schutzanzug an. Dazu Füßlinge und Gummihandschuhe. Mit einem Koffer voller Reinigungs- und Desinfektionsmittel ist er außerdem ausgerüstet. „Manche, die meinen, sie könnten das selbst machen, wissen gar nicht, was sie sich da holen können“, so Gutjahr, der unter anderem gegen Hepatitis geimpft ist.

Der 25-Jährige kennt sich aus mit Bakterien, Leichengift, Reinigungsmitteln, Desinfektion, Geruchsneutralisation und dergleichen mehr. Und er ist handwerklich geschickt. Denn im Fall des kontaminierten Parketts musste er auch in der Lage sein, dieses neu zu verlegen. Meist reißt er auch die Tapeten runter, denn der Geruch setzt sich überall fest. „Das kriegt man nicht mehr raus“, weiß auch seine Mutter Annette, die ihm ab und zu hilft. Ein oder zwei Tage braucht Benjamin Gutjahr, bis er den Ort „nackt und gereinigt“ übergeben kann, das beinhaltet auch die Entsorgung von Möbeln. „Da kommt komplett alles raus.“ Da sich der Tatortreiniger auch mit Entrümpelungen und dem Ausräumen von Messie-Wohnungen seinen Lebensunterhalt verdient, ist er außerdem mit einem Lastwagen ausgerüstet.

Seit etwa zwei Jahren ist Benjamin Gutjahr, der eine Prüfung als staatlich geprüfter Desinfektor ablegte, selbstständig. Weil er beherzt an die Arbeit geht, heißt das nicht, dass er sich keine Gedanken über die Menschen macht, deren Umfeld er betritt. „Man sieht alles, wie sie gelebt haben.“ Kein Alltagsjob und auch keiner, über den er spricht. Er wolle den Menschen ihre Würde lassen. Wenn er doch mal reden muss, tut er dies mit einem Kollegen. Der nächste sitzt in Frankfurt.

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