Kammerchor baut eine Kathedrale aus Tönen

Erstellt: 15. Dezember 2011, 00:30 Uhr
Kammerchor baut eine Kathedrale aus Tönen Beeindruckendes Zusammenspiel: Kirchenmusikdirektor Professor Jürgen Budday, Thomas Meyer an der Orgel und der Maulbronner Kammerchor machen das Weihnachtskonzert des Mühlacker Tagblatt zu einem Ereignis.

Mühlacker. Die Adventskonzerte des Mühlacker Tagblatt sind in fast zwei Jahrzehnten nicht nur eine Tradition geworden, sondern auch eine Herzensangelegenheit für die Gastgeber. Geschäftsführer Ulrich Wetzel begrüßte die Gäste in der voll besetzten Kirche. „In diesem Jahr mussten die Künstler nicht von weither anreisen“, hieß er den Maulbronner Kammerchor und seinen Dirigenten, Kirchenmusikdirektor Professor Jürgen Budday, willkommen.

„Dass dieses Ensemble, seit 28 Jahren einer der Spitzenchöre in Deutschland, hier auftritt, passiert nicht alle Tage. Sie prägen das Kulturleben der Region – wir fühlen uns geehrt“, bekundete der Hausherr, Dekan Claus Schmidt. „Wir haben den alten Brauch der Herbergssuche aufgegriffen, die der Chor musikalisch von Nazareth bis nach Bethlehem begleitet“ wandte er sich an die Zuhörer und erinnerte daran, dass das Konzert nicht in einer profanen Halle stattfinde, sondern in einem Gotteshaus – in Gegenwart Gottes und zur Freude des Menschen. „Sie werden Musik hören, die berührt. Applaudieren Sie bitte erst am Schluss des Konzertes. Wenn die Glocken läuten, werden Sie still und offen für das, was uns geschenkt wird“, versprach Schmidt.

Vom ersten bis zum letzten Takt war dieser Konzertabend ein einziges Geschenk. Unter dem mal sehr behutsamen Dirigat, dann wieder mit weit ausholenden Gesten, als ob er das gesamte musikalische Universum umarmen wollte, löste Jürgen Budday die kunstvolle Verpackung und ließ insgesamt 17 Vorträge erklingen, darunter vier- bis achtstimmige Motetten und Chorsätze, Chorsätze für Frauen-, Männer- und gemischten Chor, ein Magnifikat und eine Chaconne für Soloorgel. Vertraute Weisen wie „Maria durch ein Dornwald ging“, „O Jesulein süß“, „Vom Himmel hoch, o Englein kommt“ wurden himmlisch intoniert, jedoch nicht als schlichte Volksweise, sondern jeweils für mehrstimmigen Chor arrangiert und mit großer Musizierfreude zu Gehör gebracht.

In drei Themen gliederte sich der Weg nach Bethlehem, der mit Maria begann. Zu Beginn trug der Chor die achtstimmige Motette „Great Love of God“ von Robert L. de Pearsall (1795-1856) vor. Eine Uraufführung erlebten die Zuhörer mit „Es blühen drei Rosen“, arrangiert von Volker Hempfling. Es zeigte sich, dass der Dirigent nicht nur auf die oft dominierenden strahlenden Soprane zurückgreifen kann, sondern ebenso auf ein festes tragendes Fundament an wohlklingenden Bässen.

Zwei fünf- und sechsstimmige Motetten von Johann Eccard (1533-1611), dann achtstimmig gesetzt „Maria durch ein Dornwald ging“, und ehe das „Magnificat noni toni“ von Samuel Scheidt (1687-1654) mit Solist Thomas Meyer an der Orgel diesen Teil des Konzertes abrundete, erklang das „Ave Maria“ von Franz Biebl (1906-2001). Wie aus fernen Geistwelten schien der Zwiegesang zwischen den Solisten auf der Empore und dem Chor zu tönen, so inbrünstig flehentlich mit beschwörenden Crescendi und ersterbenden Pianissimos erklang diese Motette für siebenstimmigen gemischten Chor.

Der zweite Teil, überschrieben mit „O großes Geheimnis“, brachte drei Motetten aus den „Sechs Sprüchen“ op. 79 von Mendelssohn-Bartholdy, einem Zyklus über das Kirchenjahr. Das erschütternde Halleluja war zugleich eine machtvolle Demonstration, zu welchen fast schwindelerregenden Höhen sich Chorgesang aufschwingen kann, wird er mit Kunst und Können dargeboten. Wem unter den Komponisten und Interpretationen die Krone des Abends gehörte, mag jeder Zuhörer entsprechend seinen Neigungen entscheiden. Oder war es vielleicht doch das „O magnum Mysterium“ des zeitgenössischen Komponisten Morten Lauridsen? Vermittelte dieser Chorsatz nicht Wärme und Geborgenheit, sich aufgehoben fühlen, eingebettet in das Wunder, und wurde der Zuhörer nicht Teil dieses Mysteriums?

Ein Halleluja, von den Bässen angestimmt, wanderte durch alle Stimmen, bis nur noch ein Hauch von Stimme irgendwohin entschwebte. Und dann das dazugehörende, heller klingende „O nata Lux“. „Licht von Licht geboren“, nach Worten aus dem Johannes-Evangelium, umfasst nochmals die ganze Wandlungs- und Ausdrucksfähigkeit der menschlichen Stimme. Andächtige Stille im Kirchenraum, die Thomas Meyer mit einer eindrucksvollen Wiedergabe einer Pachelbel-Chaconne beendete.

„Ein Stern strahlt hell“ im dritten Teil des Konzertes – Christus ist geboren, die Menschen jubeln. So auch in dem bekannten „Transeamus usque Bethlehem“ in der Bearbeitung von Joseph Gruber, in zwei Liedern aus dem „Kölner Gesangbuch“ von 1623, einem vier- bis sechsstimmigen Chorsatz aus der Ukraine. Aus Polen erklang „Star in the South“, arrangiert von Malcom Sargent, und in einem voluminösen Jubelakkord setzte Mendelssohn-Bartholdy in einem Arrangement von David Willcocks „Hark! The Herald Angels sing“ die letzte Fermate unter einen wahrhaft großen Konzertabend.

Ganz langsam ließ der Dirigent die Hände sinken, nichts regte sich im Publikum, niemand wagte den ersten Applaus; so lange, bis die Glocken erklangen. Dann war der Bann gebrochen, begeisterter, nicht endenwollender Beifall belohnte die Akteure. Noch einmal beglückte der Chor sein Publikum. „Bleib bei uns Herr, es will Abend werden“, gaben Jürgen Budday und seine Sänger den Menschen mit auf den Heimweg, auf dem sie auch der Segen von Dekan Claus Schmidt begleitete. Mit stehenden Ovationen bedankten sich die Zuhörer, teils sichtlich ergriffen, für die vorweihnachtliche musikalische Sternstunde.

„Wir bemühen uns, jedes Jahr etwas Besonderes zu bieten“, sagte Verlegerin Brigitte Wetzel und fügte hinzu: „Noch nie habe ich das Ave Maria so schön gehört wie heute Abend.“ Und eine Zuhörerin lobte euphorisch den Meister ohne Taktstock, aber mit den gebieterischen Händen: „Sie haben heute eine Kathedrale aus Tönen gebaut und schöpften und schöpften aus schier unendlichen Tiefen …“ Mehr der Worte bedarf es nun wirklich nicht.

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