Kaiser gewinnt gegen König

Erstellt: 31. Mai 2006, 00:00 Uhr
Kaiser gewinnt gegen König Wandkalender und Broschüre: Reminiszenzen an die WM vor 32 Jahren. Foto: Franz

MT-Redakteur Thomas Sadler erinnert sich an die Fußball-Weltmeisterschaft 1974

Anno 1974 schmückten noch dunkle Locken das Haupt von Kaiser Franz, während sich die strahlende Lichtgestalt des deutschen Fußballs, damals Spielführer der ruhmreichen deutschen Elf, in der Zwischenzeit zu einem in jeder Hinsicht zunehmend hellen Köpfchen und einem Weltreisenden in Sachen Fußball entwickelt hat. Seither ist ja auch viel Zeit vergangen: genau 32 Jahre.

 Damals, während der Weltmeisterschaft 1974, als die Discos in Mode kamen, zählte ich zarte 14 Jahre. Ein Teenie, ein Jugendlicher, der noch etliche Jahre Schule vor sich hatte. Aber was soll’s, während der WM, die auch damals in Deutschland stattfand, spielte das keine Rolle. Hausaufgaben, Ärger mit Lehrern oder Mitschülern und Stress wegen schlechter Noten waren für vier Wochen (fast) Wurscht. In die Defensive gedrängt, sozusagen. Schau’n mer mal, würde der Franz heute sagen.

 Geschaut habe ich logischerweise in erster Linie, wie die WM-Teams, deren Aktive Mitte der Siebzigerjahre späthippieartige Langhaarmähnen trugen, versuchten, das Runde auf der richtigen Seite ins Eckige zu schießen. Nicht in der Kneipe freilich, sondern, dem Alter entsprechend, brav daheim mit den Eltern. Klar, dass die Spiele mit ihren Toren Thema Nummer eins im Freundeskreis waren. Das nötige Detailwissen samt dem Werdegang der internationalen Sportlerschar bezogen wir Hobbykicker – damals gab es im Dorf noch Wiesen, auf denen gebolzt werden durfte – aus Sonderheften zur WM.

  Am Ende hieß es zwar nicht „Wir sind Papst“, aber dafür „Wir sind Weltmeister“. Was mir ohnehin wichtiger war. Dabei erwies es sich keineswegs als einfach, das ultimative Ziel zu erreichen. Eigentlich – das kommt einem irgendwie bekannt vor – spielten gleich mehrere andere Nationen besseren Fußball. Zum Beispiel die Polen mit einem Starstürmer namens Lato – auch wenn sie in einem Match gegen Deutschland, das eher Wasserball als Fußball glich, dann doch baden gingen. Oder die Schweden. Die konnten laufen, kämpfen und außerdem ansehnlich spielen.

 Favorit waren, wenn man’s auch nie laut ausgesprochen hätte, die Niederlande. Ausgerechnet die, der Erzfeind auf dem Rasen. Aus heutiger Sicht kann ich’s ja sagen: Damals waren die fliegenden Holländer rund um ihren genialen Kapitän Johan Cruyff stärker als „wir“. Günter Netzer, der seinerzeit die harte Ersatzbank drücken musste, würde als nunmehriger Co-Kommentator von „Spielkultur“ sprechen, und König Johan (Cruyff) – Spielmacher und Vollstrecker in Personalunion – begeisterte mich mehr als der betulich-souverän wirkende Libero Kaiser Franz (Beckenbauer).
 Aber ein Kaiser steht halt doch über einem König. Und so musste Deutschland einfach das Finale gegen die Oranje-Nachbarn gewinnen. Nicht zuletzt dank einer Flugeinlage von Bernd Hölzenbein, die zu einem vom damals blutjungen Paul Breitner verwandelten Elfmeter führte, den man nicht unbedingt hätte pfeifen müssen. Holländische Anhänger würden wohl von einer Schwalbe sprechen. Ausgleichende Gerechtigkeit: Als Hölzenbein tatsächlich gefoult wurde, ertönte kein Pfiff. Egal: Am Ende schoss Gerd Müller, der Bomber der Nation, „uns“ aus der Drehung ja sowieso zum hart umkämpften 2:1-Sieg.

 War dem WM-Sieg nicht noch eine Schmach der unvergesslichen Art vorausgegangen? Klar, ausgerechnet gegen die DDR bekam Helmut Schön, der in Dresden geborene westdeutsche Trainer, eins auf die Schiebermütze. Dank eines Stürmers namens Sparwasser. Der konnte nun wirklich ein Wässerchen trüben. Deutsche Einheit hin, Wiedervereinigung her – das 0:1 tut heute noch weh. Einziger und nicht mal schwacher Trost: Ohne diese Blamage hätten sich die westdeutschen Balltreter vermutlich gar nicht zu weltmeisterlichen Leistungen aufgerafft. Und auf dem Bolzplatz nebenan waren wir nach dem Finale sowieso alle Bomber Müller.   Thomas Sadler

Weiterlesen
Musikalisches Feuerwerk im Mühlehof

Musikalisches Feuerwerk im Mühlehof

Musikverein Enzberg begeistert das Publikum beim Neujahrskonzert im ausverkauften Gottlob-Frick-Saal. Die Erwartungen waren groß – welche Überraschungen würde das Konzert zum neuen Jahr bringen? Ausgerichtet wurde das musikalische Ereignis diesmal… »