Jeder ist seines Glückes Schmied

Erstellt: 31. Januar 2011, 00:00 Uhr
Jeder ist seines Glückes Schmied Anschaulich: Die Auszubildende im Friseurhandwerk Annika Meiser (li.) demonstriert den Besuchern in der Faust-Schule, wie gekonnt Zöpfchen geflochten werden.

Ausbildungsstellenbörse in der Faust-Schule zeigt berufliche Chancen auf – vorausgesetzt, die Motivation stimmt

Nach Schätzungen mehr als 300 Schüler und ihre Eltern haben die zwölfte Ausbildungsbörse in der Dr. Johannes-Faust-Schule in Knittlingen besucht. 30 Ausbildungsbetriebe und Institutionen stellten ihre Angebote vor.

Von Eva Filitz

Knittlingen. Veranstalter waren die Faust-Schule, die Stadt Knittlingen, der Gewerbeverein Knittlingen und die Agentur für Arbeit Pforzheim. Die Lehrstellenbörse soll vor allem den Schulabgängern Informationen über verschiedene Berufsfelder vermitteln und ihnen dazu dienen, erste Kontakte zu Firmen zu knüpfen.

 Schon wenige Minuten nach der Eröffnung herrschte dichtes Gedränge auf den zwei Etagen des „Ausstellungsgeländes“ im Neubau der Schule, wo die Stadt Knittlingen, zwei Handwerksbetriebe aus dem Ort, elf produzierende Betriebe aus Knittlingen und Umgebung, neun Dienstleister wie die Agentur für Arbeit, Banken, Versicherungen und Krankenkassen, vier Schulen und Bildungsträger aus Bretten, Mühlacker und Pforzheim, ein Betrieb der Abfallwirtschaft aus Knittlingen, die Polizeidirektion Pforzheim und die Bundeswehr Karlsruhe ihre Ausbildungs- und Karrierechancen vorstellten. Am Rande der Veranstaltung unterstrich Bürgermeister Heinz-Peter Hopp, wie wichtig die Schule am Ort und ein gutes Ausbildungsplatzangebot seien, um insbesondere junge Familien nach Knittlingen zu ziehen. „Trotz knapper Kassen wird im schulischen Bereich nicht gespart.“ Die meisten Aussteller hatten attraktive Stände mit zahlreichen Mustern aus ihrer Produktion aufgebaut, und je nach Größe des Unternehmens betreute Fachpersonal, zusammen mit den aktuellen Auszubildenden, die Schüler und Eltern in ausführlichen Beratungsgesprächen.

 Produktionsabläufe sind für Christian Gienger, Realschüler der neunten Klasse, nicht mehr fremd, hatte er doch in einem Praktikum in einer Lomersheimer Firma schon Erfahrungen für seinen Wunschberuf Mechatroniker sammeln können. „Ich könnte mir vorstellen, dort zu arbeiten, ich bin gut aufgenommen worden“, erzählte er. Pascal Schenk, ebenfalls Realschüler in Klasse neun, schaut sich mit seinen Eltern am Stand der Oberderdinger Firma Blanco um, die von der Fachkraft für Lagerlogistik bis zum Bachelor of Engeneering ausbildet. Die Schenks bekamen ausführliches Infomaterial und fühlten sich, wie die Mutter Karin Schenk sagte, von Blanco-Mitarbeiter Muhammed Pinarci gut beraten.

 Der 21-Jährige, der als Säugling mit den Eltern aus der Türkei nach Oberderdingen kam, kann eine nachahmenswerte Laufbahn vorweisen. „Ich war ein miserabler Hauptschüler“ erzählte er freimütig, „kein Interesse für die Schule.“ Die BBQ, ein Tochterunternehmen des gemeinnützigen Bildungswerks Baden-Württemberg, habe ihm dann ein einjähriges Praktikum bei Blanco vermittelt. „Da hat mich der Ehrgeiz gepackt, ich wurde strebsam, trotz des miesen Zeugnisses wurde das anerkannt. Schon nach zwei Monaten bekam ich einen Ausbildungsvertrag. Die Prüfung als Maschinen- und Anlagenführer habe ich mit 1,8 bestanden. Jetzt mache ich eine zweite Ausbildung als Konstruktionsmechaniker, dann sollen der Meister und der Techniker folgen.“ Fazit Pinarcis, der auch als Fertigungsmeister des „Blanco-Junior-Shops“ für die Produktion von Buchstützen, Kleiderbügeln, Grillzangen und Brieföffnern verantwortlich ist: Die Motivation macht’s. „Jeder ist seines Glückes Schmied.“

 Nachwuchssorgen plagen das Bäckerhandwerk. Am Stand der Knittlinger Bäckerei Reinhardt holt Bäckerin Melanie Blume gerade ein Blech Minipizzas aus dem Ofen, die anschließend Tatiana Vasquez, sie lernt Bäckereifachverkäuferin, freundlich über die Theke reicht. „Niemand will mehr zwischen 2 und 3 Uhr morgens aufstehen“, erklärt Bäcker-Lehrling Blume, die ihren Beruf gerne ausübt und bereitwillig Fragen dazu beantwortet.

 Annika Meiser, im dritten Lehrjahr Auszubildende im Friseurhandwerk, kann zwar etwas länger ausschlafen als die Bäcker-Kollegen, muss aber ansonsten in ihrem Beruf hellwach sein. Die Ausbildung ist breit gefächert und verlangt einiges ab, nicht nur beim Zöpfchenflechten, das sie gerade erklärt. „Nachwuchs mit der richtigen Persönlichkeit zu bekommen, ist schwierig“, beklagte Stefan Hein, Chef der Haupthaus-Frisöre, seien doch ein gepflegtes Äußeres und tadellose Umgangsformen im Dienstleistungsberuf ein Muss. „Seit die Mädchen verstärkt in Technikberufe gehen, sind wir in der Berufschulklasse weniger“ hat Annika Meiser festgestellt.

 „Wenn sie technisch begabt sind und auch sonst die Voraussetzungen stimmen, haben Mädchen bei uns in den bisherigen ‚Männerberufen‘ durchaus Chancen“, bestätigt Ausbilder Dieter Epple von der Firma Schlosser Medizintechnik. Unter 30 männlichen Bewerbern auf eine Stelle habe einmal ein Mädchen das Rennen gemacht.

 „Die Börse erfreut sich steigender Beliebtheit bei Eltern, Schülern und Lehrern“, stellte Schulleiterin Heidi Bopp fest. Sie halte es für wichtig, Handwerksbetriebe einzubinden, um zu demonstrieren, dass es auch ohne höheren Schulabschluss gute Berufschancen gebe. „85 Schüler schließen die Realschule ab, 30 die Hauptschule, die zukünftig in der Werkrealschule aufgeht. Wer bis jetzt noch keinen Ausbildungsplatz hat, hat die Chance, auf der Börse einen zu finden“, erklärte Bopp.

 „Viele Aussteller haben sich sehr positiv über unsere Schüler geäußert, sie hätten sehr gezielt gefragt und sich vor allem nach Praktika erkundigt“, berichtete Konrektorin Kirsten Knoll nach einem abschließenden Rundgang durch die Börse.

Mühlacker Tagblatt online
Lebendige Eindrücke von der erfolgreichen Ausbildungsbörse in der Dr. Johannes-Faust-Schule in Knittlingen vermittelt ein Videobeitrag im
Internet unter www.muehlacker-tagblatt.de
 

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