Iptinger schreibt Geschichte in Amerika

Erstellt: 31. März 2008, 00:00 Uhr
Iptinger schreibt Geschichte in Amerika John Ruch, Präsident von Historic Harrmony, überreicht Kirchenbilder an Pfarrer Friedemann Glaser. Foto: Hansen

US-Bürger aus Harmony und Economy besuchen Geburtsort ihres Stadtgründers Johann Georg Rapp.

Wiernsheim – In Iptingen war er ein Ärgernis für die Kirchenobrigkeit, in den USA schrieb er Geschichte. Der radikale Pietist Johann Georg Rapp, wanderte vor 200 Jahre nach Pennsylvania aus, gründete die Glaubengemeinde Harmony und drei Siedlungen. Eine zehnköpfige Delegation aus Harmony und Economy wandelt derzeit im Enzkreis auf Rapps Spuren. Bei ihrer Rückkehr wollen sie für eine weitergehende Verbindung zwischen Wiernsheim und Harmony werben.

VON ISABEL HANSEN

Ungewohnte Klänge waren am Sonntagmorgen beim Gottesdienst in der Iptinger Kirche zu hören. „In Jesus Christ we are brothers and sisters all over the World“, begrüßte Pfarrer Friedemann Glaser die US-amerikanischen Gäste aus Harmony und Economy (heute Ambridge) auf englisch und hielt sogar den Gottesdienst zweisprachig. Ironie der Geschichte: Verweigerte doch der Separatistenführer Rapp aus Protest demonstrativ Abendmahl und Gottesdienst in Iptingen und zog sich damit den Unmut der kirchlichen Obrigkeit zu. Heute verbindet seine Geschichte Menschen aus USA und Deutschland statt sie zu trennen.

 Unter ihnen beispielsweise John Ruch, Präsident der Gesellschaft Historic Harmony. „Wenn man Iptingen sieht, wird klar, warum Rapp sich in Harmony in Pennsylvania niedergelassen hat. Er muss sich dort sofort heimisch gefühlt haben. Die Ähnlichkeit der Landschaft ist erstaunlich. Auch Harmony liegt in einem Tal, durch das sich ein Fluss zieht. Die Umgebung ist von Wald und Landwirtschaft geprägt. Beide Orte, Iptingen und Harmony, liegen in Nachbarschaft zu wichtigen, industriell geprägten Städten: Pittsburgh und Stuttgart“, nennt Ruch Gemeinsamkeiten.

 Noch heute leben Nachfahren ehemaliger Harmonisten aus dem Enzkreis im Umkreis von Harmony und Economy, weiß Dr. Eileen Aikinenglish, die ehrenamtlich für das Old-Economy-Museum arbeitet. „Die Mutter von Jacob Wagner hieß Huber und kam aus Iptingen, Johann Trompeter, Phillip Bentel, Jacob Dürr und die Zundels“, zählt Dr. Aikinenglisch US-Bürger mit typisch deutschen Namen auf. Am letzten Wochenende im Juni findet in Old Economy sogar ein Treffen der Familien-Nachfahren der Harmony-Gesellschaft statt.

 Die Familien-Linie von Johann Georg Rapp hingegen ist in den USA ausgestorben: Neben Gemeinschaftseigentum gehörte das Zölibat zu den Grundsätzen nach denen die Mitglieder der Harmony-Gesellschaft lebten. In Deutschland ist der Name Rapp dagegen weit verbreitet: „Mein Vater hat neun Rapp-Familien in alten Kirchenbüchern gefunden, auf die sich auch Georg zurückführen lässt“, berichtet Kurt Rapp aus Nußdorf. „Manch ein Rapp hat deshalb immer auf das große Erbe aus den USA gehofft“, weiß seine Frau Ruth. „Aber als die Gesellschaft im Jahr 1905 aufgelöst wurde, hatten die letzten Mitglieder den größten Teil des früheren Millionenvermögens aufgebraucht.“ Das noch verbliebene Restvermögen ging an den Staat. Damit wurden die Museen finanziert.

 Das Erbe Rapps wird in den USA hoch gehalten. „Für Amerikaner war Rapp ein Held, der es aus eigener Kraft zu etwas gebracht hat“, glaubt Kurt Rapp, der umgekehrt schon Harmony besucht hat. Dabei öffnet schon der Name Rapp Türen. „Ich bin zwar nur eine angeheiratete Rapp, habe allerdings bei meinen USA-Besuch alle Vornehmlichkeiten genießen können, die der Name mit sich bringt“, erzählt Dora Rapp. Schade findet sie deshalb, dass sich an dem Platz an der Hinteren Gasse in Iptingen, an dem sich einst das Geburtshaus des Kirchenrebells befand, nicht einmal ein Hinweisschild befindet. „Da muss man sich ja fast ein bißchen schämen vor unseren Gästen.“ Auch Geschichtsprofessor Joseph White von der Universität Pittsburgh wundert sich. „Warum markieren in Deutschland keine Hinweisschilder historisch wichtige Orte?“ Es bleibt bei dem Hauch einer Kritik. Ansonsten sind die Besucher voll des Lobes. „Es ist sehr schön hier, wunderbar erhaltene Gebäude, alles ist so ordentlich und organisiert, die Menschen sind freundlich, der zweisprachige Gottesdienst war einmalig. Deutschland wirkt wie ein prosperierendes Land“, so die positiven Eindrücke der Besucher.

 Ist die Zeit also reif für eine Partnerschaft zwischen den Gemeinden Wiernsheim und Harmony? „Eine Verbindung – wie auch immer – ist bestimmt sinnvoll. Ich werde zu Hause dafür werben. Den Rest müssen die Stadtväter direkt klären.“ Die notwendigen Englisch-Kenntnisse für Verhandlungen bringt der Wiernsheimer Bürgermeister Karlheinz Oehler auf jeden Fall mit. „Das meiste habe ich von US-Soldaten, die in Schwäbisch Hall stationiert waren, gelernt. Ich spreche einen geflegten Südstaaten-Slang“, erklärt Oehler. An Gesprächsstoff mangelte es ihm am Sonntagmorgen nicht. „Ich war auch schon in Harmony, da gibt es genug zu erzählen.“

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