Integration nach Rezept

Erstellt: 30. Dezember 2009, 00:00 Uhr
Integration nach Rezept Alles fertig: Nurhanim Aygün (li.) und die freiwilligen Helferinnen in der Küche. Foto: Becker

Alevitische Gemeinde Mühlacker lädt zum gemeinsamen Essen ein.

Von Carolin Becker

Mühlacker. Genau zwölf Zutaten gehören in die Asure-Suppe – je nach Geschmack beispielsweise Weizen, Bohnen, Saubohnen, Kichererbsen, Kastanien, Haselnüsse, Pistazien, Mandeln, Sultaninen, Feigen, Aprikosen und Walnüsse. Eine unwillkommene 13., Regenwasser nämlich, wäre gestern beinahe dazugekommen, hätte die Alevitische Gemeinde Mühlacker nicht ihr Fest zum Ende der zwölftägigen Muharrem-Fastenzeit vom Kelterplatz ins Gemeindehaus im Kißlingweg verlegt.

 Ein wenig haderten Devran Baskaya, Vorsitzender des im Jahr 2006 gegründeten, rund 200 Mitglieder zählenden eingetragenen Vereins, und Vorstandsmitglied Nurhanim Aygün mit dem Wetter: Gern hätten sie ihre Mitbürger, die sie per Zeitungsannonce, via E-Mail, SMS und per Mundpropaganda zum gemeinsamen Essen eingeladen hatten, mitten in der Stadt an der von vier Frauen der Gemeinde zubereiteten traditionellen Köstlichkeit teilhaben lassen. Doch um 13 Uhr stand fest: „Wir ziehen um.“ Die Nachricht verbreitete sich rasch, sodass bald mehr als 100 Gäste im Gemeindehaus Platz nahmen – darunter viele Gemeindemitglieder, aber auch Vertreter von Vereinen, politischen Parteien und der Bürgerstiftung Mühlacker. Ihnen wurde nach einer kurzen Ansprache des Geistlichen nicht nur Asure serviert, sondern auch Informationen über die Aleviten.

 „Wir möchten unseren Mitbürgern zeigen, dass es uns gibt, dass wir anders sind“, erläuterte Nurhanim Aygün den Hintergrund der Einladung. Häufig würden alle Muslime in einen Topf geworfen, stellte Devran Baskaya fest. Damit niemand mehr die Rechnung „Moslem gleich Taliban“ aufmache, gelte es, Vorurteile abzubauen. Ganz unkompliziert könne es beim gemeinsamen Feiern und Essen gelingen, auf Kultur und Ziele der Aleviten, einer eigenständigen Glaubensrichtung, aufmerksam zu machen. „Wir sind sehr liberal, tolerant und stellen den Menschen, nicht seine Herkunft in den Mittelpunkt“, verwies Nurhanim Aygün auf Religionsfreiheit und Gleichberechtigung von Mann und Frau. Offenheit anderen Kulturen gegenüber lebe sie in ihrer eigenen Familie vor. „Bei uns steht ein künstlicher Weihnachtsbaum, und zu Nikolaus stellen meine Kinder ihren Stiefel raus“, berichtete sie.

 Großen Wert lege die Alevitische Gemeinde daher auf die Integration. „Wir wollen uns in die Mühlacker Gemeinschaft einbringen, aber auch respektiert und anerkannt werden“, betonte Devran Baskaya. Das Bemühen müsse von beiden Seiten ausgehen, verwies Nurhanim Aygün auf die Teilnahme der Gemeinde an der Stadtputzete und auf die Mitarbeit im Integrationsbeirat. Schade sei es indes, wenn Angebote, die den Bürgern ausländischer Herkunft gemacht würden, nicht genutzt würden.

 „Es wäre schön, wenn andere Gruppen auch so aktiv wären“, zollte Klaus Bernhardt von der Bürgerstiftung Mühlacker der Alevitischen Gemeinde Respekt. „Das Asurefest, das Teilen der Suppe mit dem Nachbarn, ist eine tolle Sache“, erkannte Bundestagsabgeordneter Memet Kilic in der Einladung der Mühlacker Aleviten eine Initiative mit Symbolcharakter: zwölf Zutaten – ein Rezept für Völkerverständigung.

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