Ich möchte einen Wiederanfang

Erstellt: 16. Oktober 2007, 00:00 Uhr
Ich möchte einen Wiederanfang Die Eltern von Stefan Neuberger stammen aus Janossomorja. Fotos: Goertz

Dr. Karoly Kurunci, Bürgermeister von Janossomorja, will die Wunden der Vergangenheit heilen

Janossomorja / Illingen – Dr. Karoly Kurunci ist kein Mann der große Worte. Der Bürgermeister der ungarischen Stadt Janossomorja bringt die Dinge eher leise, dafür aber um so eindringlicher auf den Punkt. Etwa auf die Frage, was er sich von den anbahnenden partnerschaftlichen Kontakten zwischen Illingen und Janossomorja verspricht. Seine Antwort hat die Illinger Delegation, die von Donnerstag bis Sonntag in Ungarn weilte, tief beeindruckt und das letzte Eis gebrochen.

VON FRANK GOERTZ

„Auf unserem Ort lastet die Geschichte“, sagt Kurunci. Dabei schwingt ein nachdenklicher Ton in seiner Stimme. Ein Satz, den er nicht aus leeren Worthülsen gedrechselt hat. „Hier lebten 4500 Deutsche, die nach dem Krieg vertrieben worden sind. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs haben wir die Chance, die Menschen wieder einzuladen“, erklärt Kurunci. Er empfinde es als belastend, dass früher Deutsche in Janossomorja gelebt haben, die weg mussten. Denn: „Die Deutschen und die Ungarn haben sich doch verstanden. Ich möchte einen Wiederanfang.“

 Heute leben offiziell noch etwa 100 Menschen mit deutscher Vergangenheit in der 6100-Seelen-Stadt Janossomorja. „Wahrscheinlich sind es aber mehr als doppelt so viel“, berichtet Vize-Bürgermeister Janos Gotsch. „Viele ältere Leute, die sich noch an die Deportationen 1946 erinnern, geben aus Angst bei Volkszählungen an, dass sie ungarischer Abstammung sind.“

 Dabei hat die kleine Stadt, die einst direkt hinter dem Eisernen Vorhang lag, die Fesseln der Geschichte schon längst abgestreift. Bis auf ein Denkmal im Stile des Sozialistischen Realismus, an dem die Menschen achtlos vorbeigehen, erinnert nichts mehr an die kommunistische Zeit.

 Nach den Vertreibungen 1946 wurden Ungarn in dem plötzlich menschenleer gewordenen Landstrich angesiedelt. Nach dem Ende des Kommunismus haben sie und ihre Nachfahren die Stadt Janossomorja, die sich aus drei Dörfern zusammensetzt, in eine Kommune mit einer beachtenswerten Infrastruktur und regem gesellschaftlichen Leben verwandelt.

 „Wir leiden keinen Mangel“, sagt Kulturreferent György Lörincz bei der Präsentation des Ortes. In allen drei Teilorten gibt es einen Kindergarten, ferner sind zwei Schulen am Ort. Größter Stolz ist die Schwimmhalle mit vier 25-Meter-Bahnen. Sie wird vormittags von den Schulen und nachmittags von den Vereinen genutzt. Janossomorja ist eine Stadt im Wandel. Die Lage an einer Eisenbahnlinie hat schon Ende des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung begünstigt. Nach der Wende 1989 haben sich viele Konzerne angesiedelt, die vor allem das niedrige Lohnniveau und die nach deutschen Maßstäben lockeren Kündigungsschutzbestimmungen schätzen. „Etwa 1000 Einpendler kommen täglich nach Janossomorja, um bei Dr. Oetker, Hipp, dem Betonteileproduzenten Leier oder dem Automobilzulieferer AMB Hungary Components zu arbeiten“, erklärt Lörincz. Ein Facharbeiter verdiene etwa 300 Euro im Monat. Da das Preisniveau inzwischen auch schon beträchtlich ist – ein Liter Benzin kostet 1,10 Euro, ein Brot etwa einen Euro, das Kilo Fleisch vier bis fünf Euro – blüht die Schattenwirtschaft. Viele Menschen bringen es durch Zweit- und Drittjobs zu bescheidenem Wohlstand.

 Während in den umliegenden größeren Städten inzwischen Discounter-Ketten das Einzelhandelsgeschäft prägen, sorgen in Janossomorja noch zahlreiche kleine Geschäfte für die Nahversorgung. „Wir haben aber schon Anfragen von großen Filialbetrieben“, sagt Vize-Bürgermeister Gotsch. Der Gemeinderat muss sich also mit ähnlichen Themen beschäftigen wie sein Pendant in Illingen. Wobei ein gravierender Unterschied besteht: „Wir haben keine Parteien im Gemeinderat. Sie haben bei uns noch nicht Fuß gefasst“, sagt Gotsch und bedauert: „Das wird aber wohl nicht mehr lange so sein.“

 Eine Besonderheit zeichnet Janossomorja auf dem Mediensektor aus: Zwar ist die Zeitungslandschaft nicht so vielfältig, dafür hat die kleine Stadt einen eigenen Fernsehsender – Janossomorja TV –, der mittlerweile sogar schon zehn Jahre besteht und dessen Sendungen ins Kabelnetz eingespeist werden. Finanziert wird das Programm durch Zuschüsse von der Stadt und Werbeeinnahmen. Studenten, Lehrer der örtlichen Schulen und Ehrenamtliche berichten regelmäßig von allen wichtigen lokalpolitischen und kulturellen Ereignissen. Natürlich „verfolgte“ auch ein Kamerateam den Besuch der Illinger Delegation auf Schritt und Tritt. Verständigungsschwierigkeiten bei Interviews und der Recherche ? Keine Spur ! So wie viele Einwohner Janossomorjas sprechen auch die jungen Reporter hervorragend Deutsch, so dass Bürgermeister Harald Eiberger im Gespräch mit Viktoria Jakab weder einen Simultandolmetscher benötigte noch vorher Ungarisch lernen musste. Die 22-jährige Studentin spricht definitiv besser Deutsch als Harald Eiberger Ungarisch. Sprachbarrieren stehen der Freundschaft und möglichen Partnerschaft zwischen Janossomorja und Illingen also nicht im Weg.

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