Gnadenfrist für die Hausarztversorgung

Erstellt: 30. März 2009, 00:00 Uhr
Gnadenfrist für die Hausarztversorgung Dr. Udo Beller praktiziert seit 30 Jahren in Illingen und ist für seine Patienten ein verlässlicher Partner. Aber in ein paar Jahren geht er in den Ruhestand. Foto: Hansen

Illinger Allgemeinmediziner nähern sich dem Ruhestand – Nachfolger sind rar gesät – Statistiken trügen

Illingen – Zwei-Klassen-Medizin oder Unterversorgung – Unkenrufen zum Trotz hat sich das Angebot in Illingen positiv entwickelt. Bereits vor Jahren haben sich die Allgemeinärzte um Verstärkung bemüht. Mit Dr. Christiane Jaiser und Dr. Gabriele Böhm wurde das Leistungsspektrum um Ultraschall und Schmerztherapie erweitert. Doch der schöne Schein könnte trügen.

VON ISABEL HANSEN

Die drei altgedienten Illinger Allgemeinmediziner nähern sich dem Ruhestand. Praxis-Nachfolger sind Mangelware. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung schließen rund 150 Absolventen jährlich in Baden-Württemberg die Facharztausbildung für Allgemeinmedizin ab, etwa 250 Arztpraxen werden jährlich frei. 60 Arztpraxen, die bis Ende März schließen, sind derzeit ohne Nachfolger.

 Dr. Udo Beller, Dr. Friedrich Lichtenfeld, Dr. Detlef Engelmann – jeder Facharzt für Allgemeinmedizin aus Illingen hat seinen 60. Geburtstag bereits gefeiert. „Rückzug aus dem Berufsleben und Nachfolge-Regelung stehen bei uns in den kommenden Jahren nicht zur Debatte“, betont Dr. Lichtenfeld. Auch Dr. Beller, der am 1. April vor 30 Jahren seine Praxis in Illingen eröffnet hat, will das Handtuch noch nicht werfen: „Bis ich 65 Jahre alt bin, möchte ich arbeiten, dann schaue ich, ob ich noch ein oder zwei Jahre dranhänge. Ich gehe gern in die Praxis“, erklärt der 61-Jährige.

 Ob drei oder fünf Jahre – bei der derzeitigen Situation im Gesundheitswesen handelt es sich dabei höchstens um eine Gnadenfrist für die wohnortnahe Hausarztversorgung. „Als ich die Praxis in Illingen übernommen habe, war es üblich, die Einrichtung des Vorgängers zu kaufen und zusätzlich einen Goodwill-Betrag für Patientenkartei und Praxisstruktur zu bezahlen. Bei mir waren das damals 50000 Mark. Heute können Allgemeinärzte schon froh sein, wenn jemand eine Praxis geschenkt nimmt“, berichtet Dr. Beller.

 „Für einen Patienten im Alter zwischen sechs und 59 Jahren bekommen wir pro Quartal eine Kostenpauschale von 31 Euro. Gespräch, EKG, Blutdruckmessung – alles inklusive“, sagt Dr. Gabriele Böhm, die sich Ende 2005 in der Praxisgemeinschaft bei Dr. Engelmann niedergelassen hat. Die klassische Rechnung „viele Kunden, viel Einkommen“ geht in der Medizin nicht auf. „Bis zu einer Grenze von 1200 Patienten wird die volle Pauschale abgerechnet, danach wird rigoros abgestaffelt. Wer mehr arbeitet, hat also mehr Kosten, aber nicht mehr Einkommen“, erläutert Praxismitarbeiterin Monika Lichtenfeld, dass Fleiß in diesem Fall keinen Preis hat.
 Laut Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg steht der Enzkreis allerdings gut da. Mit 122 Hausärzten liegt er sogar noch über dem rein rechnerischen 100-Prozent-Bedarf von einen Hausarzt pro 1659 Einwohner (118 Hausärzten).
 Einen direkten Rückschluss auf die tatsächliche Versorgungsleistung geben diese Zahlen allerdings nur bedingt wieder. So werden auch Ärztinnen wie Dr. Böhm und Dr. Jaiser „voll“ gezählt, tatsächlich nutzen beide Familienmütter noch die Möglichkeit, „Teilzeit“ in ihrer Praxis zu arbeiten. Selbst bei einer Aufstockung auf „Vollzeit“ könnten sie allein einen Praxis-Exodus in Illingen nicht auffangen.

 Einen Vorgeschmack auf Ärztemangel in Illingen bietet die Urlaubszeit: „Wenn Sie zwei Ärzte vertreten, wissen sie nach einem Arbeitstag von 7.30 Uhr morgens bis abends 21 Uhr nicht mehr, wo Ihnen der Kopf steht. Das hält kein Mensch auf Dauer durch“, berichtet Dr. Jaiser.

 „Wir brauchen mindestens noch ein oder zwei weitere Ärzte in Illingen. Wenn wir alle ohne Nachfolger in den Ruhestand gehen müssten, wäre das eine Katastrophe“, sagt Dr. Beller. „Die Patienten müssten auf andere Ärzte ausweichen. Die Frage ist nur, wohin“, ergänzt Dr. Lichtenfeld. „Denn woanders wird es sich ähnlich entwickeln. Die Konzentration auf Zentren ist politisch gewollt. Die langfristige Beziehung zum Hausarzt am Wohnort und die individuelle Betreuung des Patienten wird dabei auf der Strecke bleiben“, warnt er.

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