Fußballerinnen trotzen Misere mit Moral

Erstellt: 31. Oktober 2008, 00:00 Uhr
Fußballerinnen trotzen Misere mit Moral Beeindrucken jeden Gegner mit ihrer positiven Einstellung: die Frauen des TSV Großglattbach, die vor einer nasskalten Trainingseinheit nicht zurückschrecken. Foto: Tilo Keller

Null Punkte und 3:69 Tore: Der TSV Großglattbach steckt den Kopf nicht in den Sand und greift weiter an

Mühlacker-Großglattbach – Verkehrte Fußball-Welt in Großglattbach: Die Frauenmannschaft kassiert eine Niederlage nach der anderen, doch die Stimmung im TSV-Team ist spitze. Sogar die Fans halten den Verliererinnen die Treue und feiern sie wie Heldinnen.

VON MAIK DISSELHOFF

Der TSV Großglattbach wurde in der Bezirksliga vier bereits von vielen Gegnern eiskalt abgefertigt. Die Bilanz der Fußballerinnen spricht eine deutliche Sprache. Sieben Spiele, sieben Niederlagen und ein Toreverhältnis von 3:69. Bei den Frauen müsste die Stimmung angesichts des letzten Tabellenplatzes im Keller sein. Doch nach einem Trainingsbesuch bei nasskaltem Wetter am Mittwochabend in Großglattbach reibt sich der Beobachter verwundert die Augen. Rund ein Dutzend Spielerinnen rennt vergnügt über den Platz, alle sind mit Feuereifer bei den Zweikampfübungen dabei. Gebe es einen Talent-Scout in Sachen gute Laune, er hätte die komplette Mannschaft aus Großglattbach auf seiner Liste.

 Der Trainer des Teams, Frank Schumacher, versucht, die entspannte und gute Atmosphäre beim TSV Großglattbach zu erklären: „Die motivieren sich dermaßen selber, das ist einfach unglaublich.“ Selbst wenn die Mannschaft weit hinten liege, kämpfe sie bis zur letzten Sekunde und gebe sich niemals auf. Zickenterror und Grüppchenbildung, wovor Schumacher bei seinem Amtsantritt ein wenig Bammel hatte, seien kein Thema.

 Nach einer 2:8-Niederlage gegen die Spvgg Bad Teinach-Zavelstein hätten sich seine Fußballerinnen riesig gefreut. Der Grund für den Jubel waren die beiden Tore. Schnell wird klar: Der Frauenmannschaft geht es um den Spaß am Spiel. Die positive Einstellung des Teams, von der viele Trainer nur träumen können, überträgt sich offenbar auch auf die Zuschauer. „Bei Heimspielen kommen immer viele Fans, die uns anfeuern und unterstützen“, berichtet der 30-jährige Schumacher, der in Großglattbach schon seit zwölf Jahren als Jugendtrainer arbeitet. Mit den Frauen hat er fußballerisches Neuland betreten. „80 Prozent meiner Spielerinnen sind absolute Neulinge in dem Sport.“ Alles habe damit angefangen, dass ein paar Großglattbacher Spielerfrauen, die ihren Männern bei den Heimspielen die Daumen drückten, sagten: „Das können wir auch.“ Wenig später nahm Schumacher die Arbeit mit den Einsteigerinnen auf.

 Vor dem Debüt in der Bezirksliga stand ein hartes Vorbereitungsjahr, das eine Herausforderung für den erfahrenen Coach war: „Es ging unter anderem darum, den Frauen die Angst vor dem Fußball zu nehmen und sie in die Schusstechnik einzuweisen“, erinnert sich der 30-Jährige und fügt hinzu: „Ich musste erstmal eine Mannschaft formen und einigen erklären, wie Fußball funktioniert.“

Mannschaft hat eine rasante Entwicklung durchgemacht

Als die Saison begann, war der TSV Großglattbach eigentlich noch nicht reif für den Kampf um Punkte. „Die Mannschaft wollte unbedingt in die Runde einsteigen“, sagt Schumacher. Jetzt sammelt die tapfere Elf Wochenende für Wochenende reichlich Spielpraxis. Mit allem, was dazugehört. Auch wenn Schumacher unter manch einer Niederlage stärker leiden dürfte als seine Spielerinnen, sieht er hauptsächlich die Früchte der gemeinsamen Arbeit: „Das Team hat eine rasante Entwicklung durchgemacht.“ So stark wie er am Spielfeldrand leide, so groß sei der Spaß, der ihn am Ende immer wieder einfange, gewährt Schumacher einen Einblick in sein Seelenleben als Trainer eines ganz besonderen Teams.

 Wie sehen die Männer des TSV Großglattbach sein Engagement? Am Anfang habe es Stimmen gegeben, die meinten, der Frauenfußball sei nicht ästhetisch. Doch das ist Schnee von gestern. Die unglaubliche Moral der jungen Mannschaft – im Schnitt sind die Fußballerinnen 24 Jahre alt – hat die Zauderer verstummen lassen. „Die Frauen sind voll integriert in den TSV“, betont Schumacher. Die größte Baustelle des Trainers ist das Stellungsspiel. Die Kickerinnen müssten noch lernen, richtig an die Gegner heranzurücken.

 Was ihre zehn Mitspielerinnen nicht in den Griff kriegen, badet Torfrau Bettina Adam am Ende immer aus. 69-mal hat sie in dieser Saison schon hinter sich greifen müssen. „Unsere Torfrau ist die ärmste Sau auf dem ganzen Platz“, sagt Schumacher mit einem Schmunzeln und merkt sogleich an: „Bettina ist richtig gut. Ohne sie hätten wir schon so manches Mal zweistellig verloren. Sie hält, was zu halten ist.“

 Am Sonntag treffen die Heldinnen der Bezirksliga Württemberg vor heimischem Publikum um 10.30 Uhr auf den SC Neubulach II. Egal wie die Partie endet, für die vielen treuen Fans sind die TSV-Frauen bereits jetzt wieder die Sieger der Herzen.

 Die 18-jährige Spielführerin Julia Schüle betont: „Wir stehen nicht unter Druck. Für uns ist es schon ein Erfolg, wenn wir nicht so hoch verlieren.“ Wichtiger als Punkte sei der Fortschritt, den die Mannschaft mit jedem Spiel erreiche. Das Ziel für Sonntag ist klar umrissen: „Wir wollen den Kasten zumindest 30 Minuten lang sauber halten.“

 Egal, wie der TSV Großglattbach die Saison abschließt, fest steht: Der 18 Frauen starke Kader will auch in Zukunft angreifen. Absteigen könne man in der Bezirksliga vier ohnehin nicht, sagt Schüle. Und allein mit Zuschauen werden sich die leidenschaftlichen Fußballerinnen wohl nicht mehr begnügen.

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