Führungskraft, Dirigent, Pädagoge

Erstellt: 30. Juli 2009, 00:00 Uhr
Führungskraft, Dirigent, Pädagoge Namhaft besetztes Podium im Pforzheimer CongressCentrum: Junioren-Bundestrainer Horst Hrubesch, Nürnberg-Coach Michael Oenning, Ex-Schalke-Trainer Mirko Slomka, Moderator Marcus Jung, DFB-Sportdirektor Matthias Sammer sowie Frank Wormuth von der Hennes-Weisweiler-Trainerakademie (v.li.) zeichnen ein Bild ihrer Zunft. Foto: Eigner

Bundesligaerfahrene Fußball-Lehrer diskutieren über die Anforderungen an einen modernen Trainer.

Über die Anforderungen an moderne Fußballer und Trainer haben namhafte Vertreter der Zunft gestern in Pforzheim debattiert. Die Podiumsdiskussion vor mehreren hundert Kollegen aus dem In- und Ausland bildete den Abschluss des dreitägigen Trainerkongresses des Fußballlehrer-Bundes.

Von Steffen-Michael Eigner
und Claudia Keller

Pforzheim. Mehr Zuckerbrot? Oder mehr Peitsche? – Die Meinungen auf dem Podium gehen da ein wenig auseinander. Einig aber sind sich die Trainerprofis in einem zentralen Punkt: Der moderne Coach ist im Profifußball eine Führungskraft, Chef eines ganzen Stabes von Mitarbeitern. „Früher musste der Trainer eines Bundesligisten alles machen. Heute ist er der Leiter eines Spezialistenteams, der Dirigent des Orchesters“, bringt es Matthias Sammer, der Sportdirektor des Deutschen Fußballbundes (DFB) auf den Punkt.

 Aber eines Spitzen-Orchesters, wie Michael Oenning beipflichtet: „Ich musste als Cheftrainer lernen, über den eigenen Schatten zu springen und Aufgaben zu delegieren“, so Oenning, der jüngst den 1. FC Nürnberg zurück in die 1. Bundesliga geführt hat. „Ich brauche einfach die Sicherheit, dass der Laden auch ohne mich laufen könnte. Und ich brauche starke Mitarbeiter, keine schwachen. Sonst entwickle ich mich als Trainer ja nie weiter.“ Oenning wies außerdem darauf hin, dass ein starker Trainer nur Erfolg haben könne, wenn die Vereinsstrukturen stimmten.

 Ein wenig auseinander die Meinungen indes, welche Methoden aus jungen Talenten gestandene Spieler und Führungspersönlichkeiten machen. „Anerkennung“, heißt das Zauberwort für Mirko Slomka. „Das ist die größte Droge. Etwas, das jeden antreibt“, findet Slomka, von 2006 bis 2008 Cheftrainer bei Schalke 04. Sammer, der 2003 Borussia Dortmund zur Deutschen Meisterschaft führte, widerspricht.

 „Die wirklich Guten werden erst stark, wenn sie ausgepfiffen werden und so richtig im Dreck liegen“, ist Sammer überzeugt. „Typen wie Oliver Kahn und Lothar Matthäus waren nur deshalb so erfolgreich, weil sie dieses Gen der Beklopptheit hatten“, so Sammer, der den Begriff Beklopptheit in Bezug auf Ehrgeiz verstanden wissen will. Sich selbst hätte er da wohl ebenfalls als Beispiel nennen dürfen. Solche Antreiber vermisse er in den vergangenen Jahren im deutschen Fußball, weswegen der DFB schon in seinen Jugendkadern derartige Spieler mit angeboren Führungsqualitäten entsprechend fördere. In Torhüter Marc-André ter Stegen aus Mönchengladbach, unlängst U19-Europameister geworden, hat Sammer so einen Typ erkannt. „Der ist mit seinen 17 Jahren weiter als Oli Kahn in dem Alter war.“

 Einig sind sich die Trainer auf dem Podium, dass ein Trainer seiner Mannschaft eine klare Richtung vorzugeben habe. Horst Hrubesch nennt seinen eigenen Lehrmeister als bestes Beispiel. „Als Ernst Happel zum Hamburger SV kam, hat er erst mal einig altgediente Spieler ausgemustert, fünf neue aus der zweiten Liga geholt und ist mit denen Meister geworden. Weil er einfach Ordnung hineingebracht hat“, so der U21-Bundestrainer Hrubesch über den „Grantler“ aus Österreich. Und: „Auch ältere Spieler wollen geführt werden. Während meiner Zeit als Trainer von Dynamo Dresden wollte auch Peter Pacult mit seinen schon 45 Jahren noch genaue Anweisungen von mir.“ Deutliche Zustimmung erntet Hrubesch da von Seiten Slomkas: „Ein Mladen Krstajic, gestandener vierfacher Vater von 34 Jahren, und ein Mesut Özil, der mit 17 Jahren bei mir sein erstes Bundesligaspiel gemacht hat – beide brauchen einen klaren Weg, den der Trainer ihnen aufzeigen muss.“ Insofern seien vor allem Jugendtrainer auch als Pädagoge gefragt, der erzieherisch auf die unterschiedlichen Charaktere und Mentalitäten in der Mannschaft einzugehen habe. „Wir müssen bereit sein, den Individualisten Individualist sein zu lassen. Aber ihm trotzdem klar machen, was seine Aufgaben sind“, fordert Matthias Sammer. Angesichts von Spielern unterschiedlicher Nationalitäten kein einfaches Unterfangen.

 „Bei einigen Bundesligisten wollte ich nicht Trainer sein“, scherzt Junioren-Bundestrainer Hrubesch, „da werden teilweise sechs Sprachen in der Mannschaft gesprochen. Die kann ich gar nicht alle.“ Aber auch in seinen Jugend-Bundeskadern stehen zunehmend Spieler ausländischer Herkunft wie etwa Richard Sukuta-Pasu und Nils Teixeira in der U19 oder in der U21-Nationalelf Änis Ben-Hatira und der tunesischstämmige Kapitän vom VfB Stuttgart Sami Khedira.

 Beim Internationalen Trainer-Kongress im CongressCentrum Pforzheim stand jedoch nicht nur trockene Theorie auf der Tagesordnung. Im Holzhofstadion konnten die Teilnehmer auch verschiedene Trainingsmethoden beobachten.

„Ben-Hatira. Sukuta-Pasu.
Khedira. Teixeira. – Baumann?
Wie schreibt man denn das?“
Horst Hrubesch scherzhaft über
die wachsende Zahl deutscher Junioren- Nationalspieler mit ausländischen Wurzeln

 So demonstrierte DFB-Sportlehrer Ralf Peter am Dienstagnachmittag Positionstraining für Abwehr mit den U19-Spielern vom VfB Stuttgart. Er ließ die jungen Fußballer knifflige Spielszenen immer wieder durchlaufen. „Die flachen Innenspannbälle kommen noch nicht so gut“, merkte Peter an. „Das sollten sie noch üben.“ Weitere Demonstrationen schlossen etwa den Flugball mit ein, mit dem ein Außenverteidiger einen Innenverteidiger überspielen würde. Geübt wurden die Spielsituationen jeweils abwechselnd über die beiden Seiten des Spielfeldes.

 „Die Übungen organisieren sich selber“, erklärte Peter weiter. „Wenn man das eine Weile macht, dann werden die Spieler auch sicherer.“ Das demonstrierten die U19-Spieler auch vorbildlich und hatten nach einigen Durchgängen den Ball tatsächlich viel besser im Griff. Im Anschluss zeigte Marcel Lucassen, der Techniktrainer der TSG 1899 Hoffenheim, mit den U17-Spielern vom VfB Stuttgart Methoden zum Positionstraining im Angriff.

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