Freunde von Kleindenkmalen sehen rot

Erstellt: 5. April 2006, 00:00 Uhr
Freunde von Kleindenkmalen sehen rot Zum eigenen Schutz verunstaltet: Alte Grenz- beziehungsweise Markungssteine im Plattenwald bei Lomersheim. Fotos: p

Spaziergängerin wundert sich über den „offiziellen“ Umgang mit alten Grenzsteinen im Wald bei Lomersheim

Mühlacker-Lomersheim – Die Empörung ist groß: „Graffiti im Wald – einfach unbegreiflich!“ Bei einem Spaziergang auf den Höhen oberhalb des Heimatorts hat eine Lomersheimerin dieser Tage eine unschöne Entdeckung gemacht: mehrere historische Grenzsteine, mit leuchtend roter Farbe besprüht und verunstaltet. Der eigentliche Skandal aus ihrer Sicht: Die Spuren weisen in diesem Fall nicht auf jugendliche Vandalen hin, sondern auf Forstarbeiter in öffentlichem Auftrag.

VON THOMAS EIER

Die Indizien sind eindeutig: Die unübersehbaren roten Markierungen auf den Steinen, deren Ursprung laut eingemeißelter Jahreszahl teils bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht, weisen exakt den gleichen Farbton auf wie die Kennzeichnung an Baumstämmen, die ganz in der Nähe am Wegesrand lagern. Kein Zweifel also: Die auffälligen Farbmarkierungen haben sozusagen offiziellen Charakter.

 Was Stadtarchivarin Marlies Lippik ebenso wenig erfreut wie die Leserin aus Lomersheim. „Die Grenzsteine stehen als Kleindenkmale unter besonderem Schutz“, unterstreicht sie, „sie dürfen nicht entfernt und nicht beschmutzt werden.“ Zwar seien die Zeitzeugen, deren Verzierung mit Geweihen auf das Haus Württemberg hindeuten, materiell gesehen keine Kostbarkeiten, doch in jedem Fall Relikte mit großem heimatgeschichtlichem Wert. „Heute haben sie meist keine praktische Bedeutung mehr, doch einst haben sie echte Grenzen markiert – zum Teil von Gemarkungen und zum Teil die Grenzen des Staatswalds“, erklärt die Expertin. Regelmäßig sei damals ihr korrekter Standort, der sich anhand von Einlassungen im Boden jederzeit nachvollziehen ließ, bei speziellen Kontrollen überprüft worden. War früher schon eine mutwillige Umsetzung und Beschädigung der Steine streng verboten, so sind solche Eingriffe auch heute noch verpönt.

 Guido Wölfle, stellvertretender Leiter des Enzkreis-Forstamts und als Leiter des Forstbezirks Mitte verantwortlich für den Plattenwald zwischen Lomersheim und Großglattbach, hat immerhin eine plausible Erklärung für die Farbspiele: Die Grenzsteine seien zu ihrem eigenen Schutz markiert worden, sagt er auf Nachfrage unserer Zeitung. „Vielleicht in etwas übertriebener Form“, wie er einräumt, weshalb er den zuständigen Revierförster darauf ansprechen wolle.

 Die rote Kennzeichnung habe den Sinn, die Geräteführer schwerer Rückmaschinen, die mit Urgewalt ganze Baumstämme aus dem Wald ziehen, auf die Grenzsteine hinzuweisen. „Damit diese nicht umgeworfen oder beschädigt werden“, wie Wölfle erklärt. Die völlig unbedenkliche Farbe, schätzt der Forstexperte, werde spätestens in einem Jahr wieder verblasst sein. Dennoch werde er die Anweisung geben, nach Möglichkeit in Zukunft die Farbe in ähnlichen Fällen etwas „dezenter“ einzusetzen, versichert Wölfle.

 „Immerhin besser, als dass sie mutwillig kaputtgemacht werden“, stellt Marlies Lippik zur Verunstaltung der Grenzsteine fest. Gleichzeitig appelliert die Historikerin an Waldspaziergänger, die Zeitzeugen unbedingt an ihrem Platz zu lassen. „Vor etwa zehn Jahren hat mal jemand einen Stein ausgegraben und zu uns ins Depot gebracht“, erinnert sie sich. Motto: gut gemeint, aber schlecht gemacht. Anders als die Bäume sollen die Kleindenkmale nämlich dauerhaft an ihrem Standort bleiben.

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