Frauen im Sog der Fußball-WM

Erstellt: 29. September 2007, 00:00 Uhr
Frauen im Sog der Fußball-WM Ausgelassene Stimmung herrscht nicht nur im WM-Team. Auch die Sportfreunde-Damen balgen sich gerne mal im Training. Foto: Filitz

Teams aus Mühlacker und Enzberg trainieren für ihren Erfolg und hoffen auf junge Nachahmerinnen

Mühlacker – Die Fußballerinnen der deutschen Nationalmannschaft schreiben zurzeit eine Erfolgsgeschichte, die begeistern kann. Morgen treten sie im großen WM-Finale gegen Brasilien an. Doch wie populär ist Frauenfußball in Mühlacker? Könnte es eine ähnliche Sogwirkung wie vor Jahren beim Tennis geben, als Steffi Graf und Boris Becker zu ihrem Höhenflug antraten?

VON EVA FILITZ

Bereits seit 1986 spielen Frauen in Mühlacker Fußball. Die Sportfreunde Mühlacker stellten seinerzeit eine Mannschaft (oder besser Frauschaft?) auf. Vor etlichen Jahren gab es zwar Dissonanzen, ein Teil der Damen wechselte zur Fvgg 08 Mühlacker. Mitte dieses Jahres sind diese aber wieder in den Schoß der Sportfreunde, und damit vom Kleinfeld auf den Fußballplatz mit regulären Maßen, zurückgekehrt. Vor etwa drei Jahren wechselte der Verein zudem vom Badischen in den Württembergischen Fußballverband, wo die Sportfreundinnen zurzeit in der Damen Bezirksliga Württemberg, Staffel 4 spielen. In der kommenden Runde soll es aufwärts gehen.

  Heiko Fröhle, seit 1999 ehrgeiziger und strenger Trainer, wird seine Mädels auf Vordermann – pardon, auf Vorderfrau – bringen. „Wenn ich etwas anfange, dann will ich auch was erreichen,“ ist sein Motto. Seine 28 aktiven Spielerinnen im Alter von 16 bis 32 Jahren will er für den Aufstieg trimmen. Ausreichend, um auf dem Großfeld zu punkten zu können? Intensiv trainiert die Frauschaft zweimal in der Woche. Der Trainer fordert Disziplin, Einsatz und geht auch nicht gerade zimperlich mit den Spielerinnen um. „Geht’s wieder, Denise?“ Kurze Anteilnahme nach einem heftigen Zusammenprall, dann wird ohne große Unterbrechung weiter gerannt und nach dem Ball gehechtet.

  Denise Deißer kühlt am Spielfeldrand ihre Nase. Mit 13 Jahren hat sie begonnen Fußball zu spielen, kommt von der Nullacht. „Das Training hier ist anders, intensiver. Die Spielanalyse nachher ist ganz neu für mich“, sagt sie und beobachtet trotz Schmerzen das Spiel. Von Fußball keine Spur – mit einem Medizinball wird Handball gespielt. Mitunter geht es hart zur Sache, Bodenkontakt inklusive. Martin Geigle, Co-Trainer, erklärt die Wirkung dieses Spiels: es fördere die Kraft, Konzentration, Laufstärke, Kampf- und Teamgeist und nehme die Scheu vor Körperkontakt, wenn heftig um den Ball gerangelt wird. Nachher würden die Stärken und Schwächen jeder Spielerin analysiert. Die nächste Trainingseinheit ist dann Fußball. „Mädchen, die am Anfang in Jungenmannschaften gespielt haben, zeigen mehr Biss und Durchsetzungsvermögen, sind technisch versierter“, hat Kerstin Lotsch, die linke Mittelfeldspielerin herausgefunden. Sie habe mit zwölf Jahren bei den Mädchen begonnen. Auf die WM angesprochen, fällt ihr ein, dass sie in ihrem früheren Verein schon mal gegen Renate Lingor, die Spielmacherin der Nationalmannschaft, gespielt habe. „Aber die war damals schon die Beste und hat uns ordentlich ein paar Dinger reingehauen“ erkennt sie neidlos an. Die Bilanz der Sportfreunde bisher: Drei Spiele, drei Siege, 8:1, 15:0, 4:1. Im Spiel am 7. Oktober in Stuttgart-Kaltental rechnet sich die Mannschaft gute Chancen aus, für das große Ziel, den Aufstieg in die Regionenliga, weitere Punkte zu sammeln.

  In den Kinderschuhen, da gerade mal ein Jahr alt, steckt noch die Damenmannschaft der Viktoria Enzberg. „Die Trauben hängen für uns noch sehr hoch“, resümiert ihr Trainer Udo Kowalski. Zwei Spiele, zwei Niederlagen, 0:6 und 0:4. Letztere gegen Nöttingen sei besonders bitter gewesen, ein rabenschwarzes Tag. „Aber wir wollen lernen und Erfahrungen sammeln, nur immer trainieren stärkt nicht die Motivation.“ Sie bestreiten Kleinfeldspiele.

 Zwölf seiner 20 „Mädchen“ im Alter von 15 bis 37 Jahren kämen regelmäßig zweimal pro Woche zum Training. Er beobachte, dass sie auf dem Platz ungeheuer ehrgeizig seien, alles supergenau und richtig machen wollen und sich dann irgendwie verkrampfen, was den Spielfluss hindere. Die Art, wie Männer und Frauen Fußball spielen, könne man nicht vergleichen. Für die nächste Saison haben sich die Enzberger vorgenommen, an dem Thron der „Etablierten“ zu rütteln. Zur Zeit spielen die Viktoria-Damen in der Landesliga Baden, Kleinfeld-Staffel 1.

 „Ich hoffe, dass meine Damen viele der WM-Spiele sehen und sich das ein oder andere abschauen können“, sagt Udo Kowalski. Zwar ist Frauenfußball im Alltag längst nicht so populär wie Männerfußball: Fanfeste und Autokorsos: Fehlanzeige. Aber vielleicht bekommen junge Mädchen aus der Region dieser Tage Lust, selbst dem Ball nachzujagen. Die Sportfreunde bilden gerade eine Mädchenmannschaft. Schaun mer mal, was die Zukunft bringt.

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