Forscher finden einzigartiges Reservat

Erstellt: 4. September 2010, 00:00 Uhr
Forscher finden einzigartiges Reservat Bedeutendes Biotop: In der Felsenlandschaft oberhalb der Enzschlinge leben Fledermäuse, seltene Vögel und 105 Wildbienen-Arten, von denen 17 vom Aussterben bedroht sind. Foto: Disselhoff

Behörde strebt zwei neue Naturschutzgebiete in Mühlhausen an – Zahlreiche bedrohte Tier- und Pflanzenarten entdeckt.

Nach intensiver Fahndung am Kammertenberg und an den Felsengärten in Mühlhausen steht für Dr. Christoph Aly fest: Beide Gebiete sind extrem wertvoll, weil sie vielen bedrohten Pflanzen und Tieren eine Heimat bieten. Der Experte des Karlsruher Regierungspräsidiums will sie deshalb als Naturschutzgebiete ausweisen.

Von Maik Disselhoff

Mühlacker-Mühlhausen. Schon lange gab es Indizien dafür, dass der Kammertenberg und die beeindruckende Felskulisse der Mühlhäuser Schleife eine besondere Schutzwürdigkeit verdienen. Doch bisher lagen die Pläne für eine mögliche Aufwertung der beiden Naturräume in der Schublade des Naturschutzreferates in Karlsruhe. Im Mai dieses Jahres wurde die nähere Erforschung der beiden Aushängeschilder des Mühlacker Stadtteils endlich in Angriff genommen (wir berichteten).

 Die Untersuchung sollte die Frage klären, ob die am Kammertenberg und an der Felswand über der Enz vermuteten seltenen Tiere und Pflanzen auch tatsächlich dort heimisch sind. Die jetzt vorliegenden ersten Ergebnisse haben alle Erwartungen übertroffen. Von „hervorragenden Sichtungen“ schwärmt Dr. Christoph Aly, stellvertretender Leiter des Referats Naturschutzrecht im Regierungspräsidium. Der Experte war mit Schmetterlingsnetz und Bestimmungsbüchern in diesem Sommer zweimal selbst in Mühlhausen unterwegs. Die Hauptarbeit hat er jedoch den Biologen überlassen, die am Kammertenberg und oberhalb der Weinterrassen Pflanzen und Tieren identifizierten und zählten. Auf einen öffentlichen „Fahndungsaufruf“ Alys meldeten auch Naturfreunde aus der Region ihre Entdeckungen.

 Resultat: Allein am Kammertenberg gibt es 18 Pflanzenarten, die auf der roten Liste stehen, also akut vom Aussterben bedroht sind. „Das ist für ein so überschaubares Gebiet von rund 18 Hektar Größe ein bemerkenswertes Resultat“, betont Aly. Neben Orchideenarten wie Helmknabenkraut, Bochsriemenzunge und Bienenragwurz sind auf dem Magerrasen noch eine Vielzahl von Nachtschmetterlingen, Käfern, Vögeln und Mücken beheimatet. Erstaunlich sei zudem die Summe der Fledermausarten gewesen, die die Biologen entdeckt hätten, so Aly.

Insgesamt acht Arten jagen am Kammertenberg, und der kleine, verlassene Steinbruch bietet den Tieren Nischen zum Überwintern. Die nächtliche Ruhe und die nahe Enz machen das Gebiet zu einem idealen Revier für die Fledermaus.

 Zu den bedeutendsten Entdeckungen der Biologen gehört die Zippammer. „Eine kleine Vogelart, von der es in ganz Baden-Württemberg nur noch 20 Brutpaare gibt“, sagt Aly. „Außerdem haben wir den sehr stark gefährdeten Segelfalter gesichtet.“ Vielleicht haben die Forscher gleichzeitig noch ein bedeutendes Indiz für die Klimaerwärmung ausfindig gemacht. „Die blutrote Singzikade, etwa drei Zentimeter groß, ist eigentlich eine mediterrane Art und wurde von uns einmal gesichtet.“

 An den Felsen über der Enzschlinge flattern Vögel wie Neuntöter und Wendehals, die ebenfalls auf der roten Liste vermerkt sind, sowie weitere Fledermausarten. Dazu kommen Bewohner wie Uhu und Wanderfalke, verschiedene Eidechsen und 105 Wildbienenarten, von denen wiederum 17 vom Aussterben bedroht sind.

 Auch wenn der Weinbau vom Naturschutz generell keine Einschränkungen erfahren soll, wünscht sich Aly, dass ein paar Terrassen von der Gemeinde und der Weingärtnergenossenschaft zum Naturweinberg ausgebaut werden, in dem nicht mit Spritzmitteln gearbeitet wird.

„Ich werde versuchen,
Konflikte so gut wie möglich
zu vermeiden“
Naturschützer Dr. Christoph Aly

 Die zweieinhalb Hektar Magerrasen des Kammertenbergs seien an sich schon wertvoll und von hoher Qualität, erklärt der Naturschützer. „Nach meinen Schätzungen hatten wir Ende des 19. Jahrhunderts an die 10000 Hektar Magerrasen im Land. Heute sind es nur noch 450 Hektar.“

 Dieser Lebensraum – früher von Schafen beweidet –  sei landschaftshistorisch gesehen ein Teil Baden-Württembergs, beherberge eine große Vielfalt von Tieren und Pflanzen und leide in der modernen Zeit zunehmend unter Überdüngung und Beschattung durch vorrückenden Wald. „Deshalb investiert das Land Pflegemittel“, sagt Aly. Am Kammertenberg wurden in diesem Jahr 10000 Euro ausgegeben. „Ich will das höchste Naturschutzprädikat verleihen, damit die Pflegemittel weiterhin fließen.“

 Die Fläche, die es zu hegen gilt, soll nach dem Willen von Aly künftig sogar größer werden. „Der Wald rückt dem Kammertenberg zunehmend auf die Pelle.“ Und natürlich will Aly auch einen besonderen Schutz, der weitere menschliche Eingriffe verhindert. „Die gegebene Nutzung bleibt weiterhin möglich, eine Intensivierung ist jedoch ausgeschlossen.“

 Rund um den Berg sei der Flächenverbrauch von Kleingärten ein Problem. „Bei der Eingrenzung des Naturschutzgebiets werde ich versuchen, Konflikte so gut als möglich zu vermeiden. Ganz wird dies aber nicht gelingen. Mein Wunsch ist, dass der Flächenverbrauch nicht weitergeht.“ Im Oktober will Aly öffentliche Führungen in Mühlhausen anbieten und das Gespräch mit der Bevölkerung suchen.

 Zunächst aber wird der Naturschützer mit seinen Erkentnissen auf die Stadt Mühlacker zugehen. „Ich bin zuversichtlich, dass eine Einigung zustande kommt, da die Verwaltung der ganzen Sache positiv gegenübersteht.“

 Die Verordnung, die mit dem Prädikat „Naturschutzgebiet“ einhergeht, muss zudem offengelegt werden. Wichtig ist, wie der Gemeinderat zu dem Vorhaben steht. „Es gibt rund 40 Träger öffentlicher Belange, darunter Forst, Wasserverwaltung, Naturschutzgruppen und Energieversorger, die gehört werden müssen.“ Am Ende wird der Regierungspräsident darüber entscheiden, ob die Dreieck-Schilder mit dem grünen Rand und dem stilisierten Weißkopfseeadler in Mühlhausen installiert werden. Aly ist zuversichtlich, dass sie samt Hinweistafeln kommen. „Das wäre eine große Aufwertung der Gebiete, von der vor allem die örtliche Bevölkerung profitiert.“

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