Experten sagen: Etterdorf ist einzigartig

Erstellt: 14. August 2012, 23:30 Uhr
Experten sagen: Etterdorf ist einzigartig Experten sagen: Etterdorf ist einzigartig

Mühlacker-Lienzingen. Es gibt die Frauenkirche, die Kirchenburg und das Fachwerkgebäude des Hotel-Restaurants „Zum Nachtwächter“. Doch neben solchen augenfälligen Schmuckstücken liegen die, aus Expertensicht, wahren Besonderheiten eher im Verborgenen und erschließen sich erst beim Blick hinter die Kulissen. Von schmalen Fußwegen aus lassen sich die Grenzen des alten Ortskerns erkunden, und hier – bei der Rückansicht – offenbart sich dem geschulten Auge der unverwechselbare Charakter des „Ensembles Alt-Lienzingen“: Während die Fachwerkhäuser zur Straße weisen, werden die Hofanlagen im rückwärtigen Bereich durch mächtige Scheunen begrenzt, hinter denen ausgedehnte Gärten liegen.

Genau dieser Scheunengürtel, der ähnlich einer Stadtmauer die historische Ortsmitte umschließt und nirgendwo so gut erhalten ist wie in Lienzingen, beschert dem „Etterdorf“ die besondere Aufmerksamkeit der Historiker und Denkmalschützer. Wobei der „Ortsetter“ ursprünglich für den Zaun steht, der einst als Schutz für Häuser und Vieh die Gärten umschloss und das alte Dorf als wehrhafte Einheit markierte. Diese Einheit ist heute noch in Lienzingen sichtbar und greifbar.

Eher zufällig, wie Bürgermeister Winfried Abicht beim Rundgang erläutert, hat sich in Lienzingen ein Zustand bewahrt, der die Fachleute mit der Zunge schnalzen lässt und dem Ort und seinen Einwohnern, wie die Stadt meint, große Chancen eröffnet. Wie berichtet, ist – analog zu Freiburg, Konstanz, Ravensburg oder Alt-Heidelberg – eine „Satzung zum Schutz der Gesamtanlage“ ins Auge gefasst, wobei der Anstoß dafür direkt aus dem Regierungspräsidium kommt. Die dortigen Denkmalschützer hatten, als sie im Vorfeld des 2008 gestarteten Sanierungsprogramms den alten Ortskern näher untersuchten, nicht nur eine Vielzahl von denkmalgeschützten Häusern und Scheunen ermittelt, sondern auch den einzigartigen Konservierungsgrad des Etterdorfs erkannt. Mit der Folge, dass Lienzingen inzwischen über seine Rolle als schönes Fachwerkdorf hinaus ein überregionales Ansehen genießt. Die bekannten Sehenswürdigkeiten sind für die Experten nur das i-Tüpfelchen obendrauf.

Die „Perle des Unterlands“, wie ein stolzer Stadtrat Günter Bächle seinen Heimatort gerne bezeichnet, ist ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt. Für die Eigentümer im alten Ortskern, macht Winfried Abicht deutlich, brächte der Sonderstatus nicht nur zusätzliche Auflagen mit sich, sondern auch die Gewissheit, dass der urige Charakter des Umfelds erhalten bliebe. Außerdem hätte die „Gesamtanlagenschutzsatzung“ ganz handfeste Vorteile: Wer in sein Anwesen, ob Haus oder Scheune, investiert, um das Erscheinungsbild zu erhalten, darf auf Dauer – auch nach Ablauf des Sanierungsprogramms – mit steuerlichen Begünstigungen rechnen.

Die Kehrseite: Der komplette Ortskern stünde künftig unter Denkmalschutz, und äußerliche Veränderungen an Gebäuden bedürften der Genehmigung; auch dann, wenn das einzelne Haus gar nicht unter Denkmalschutz steht. „Das bedeutet nicht, etwas einzufrieren und alles zu verhindern“, relativiert Abicht und nennt als Beispiel die Installation von Solaranlagen. In solchen Fällen gelte es, sich in Abstimmung mit dem Denkmalschutz um Lösungen zu bemühen. „So, wie es schon bei denkmalgeschützten Häusern der Fall ist.“

Wichtigstes Ziel in den kommenden Monaten wird sein, das Bewusstsein der Bevölkerung dafür zu schärfen, dass eine neue Satzung keine Schikane ist, sondern ein besonderes Gütesiegel und ein Grund zum Stolz. „Ähnlich wie im Naturschutz“, sagt Abicht. In Mühlhausen, wo zwei neue Naturschutzgebiete ausgewiesen wurden, hatten sich die Bedenken der Grundstücksbesitzer und Wengerter letztlich zerstreut, und zur allgemeinen Akzeptanz in Lienzingen soll eine für Herbst geplante Informationsveranstaltung beitragen.

Die auch bei Einheimischen sehr beliebten Stadtführungen durch Lienzingen, weiß Abicht, könnten mithelfen, das Bewusstsein für die besonderen Werte der Heimat zu schärfen. Außerdem zeige der Erfolg des Sanierungsprogramms, dass den Lienzingern ihr Ortsbild am Herzen liege. „Das Interesse ist super“, lobt der Bürgermeister das private Engagement, das mit Zuschüssen des Landes gefördert wird.

Eine Hoffnung: Das herausragende Gütesiegel eines Gesamtanlagenschutzes ließe sich anschließend touristisch vermarkten, könnte zusätzliche Ausflügler anlocken und, unter anderem, der Gastronomie zugute kommen. Die Schilder für den historischen Rundgang, der den Blick der Besucher schärfen soll, sind bereits bestellt.

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