Existenz hängt am seidenen Faden

Erstellt: 29. August 2006, 00:00 Uhr
Existenz hängt am seidenen Faden Jürgen Brümmer verliert den Mut nicht. Foto: Goertz

Schwerer Motorradunfall verändert das Leben von Jürgen Brümmer – Töchter und Freunde lassen ihn nicht allein.

Mühlacker – „Ich habe nie sehr am Leben gehangen“, erzählt Jürgen Brümmer. Doch ausgerechnet ein Motorradunfall am 7. Mai, der ihm fast das Leben gekostet hätte, ändert seine Einstellung. Der Unfall war nicht der einzige Schicksalsschlag. Jetzt ringt Brümmer um seine Existenz.

VON FRANK GOERTZ

Dabei wird er jedoch nicht alleine gelassen. Seine Töchter und Freunde vom TSV Zaisersweiher helfen ihm, wo sie nur können. Am 30. September veranstalten sie unter anderem ein Benefizkonzert für das TSV-Vorstandsmitglied.

 Im Leben von Brümmer ist alles mehr oder weniger glatt gelaufen. Nach der Wende ist der Thüringer in den Westen gekommen, hat sich hier als Bauunternehmer eine Existenz aufgebaut, ein Haus in Maulbronn gebaut, verheiratet, zwei Töchter.

 Bis 2001 ein Kleintransporter am Frankfurter Kreuz plötzlich auf seine Spur zog. Beim Ausweichmanöver landete Brümmer an der Leitplanke. Seine Frau erlitt schwerste innere Verletzungen. „An diesen Unfall ist meine Ehe zerbrochen“, sagt der 48-Jährige. Scheidung. Er konnte das Haus, in das die Familie erst zwei Jahre zuvor eingezogen war, nicht halten, musste es mit Verlust verkaufen.

Erwachen nach fünf Tagen im Koma

„Meine Frau hat stets gesagt: So lange wir zusammen sind, gibt’s kein Motorrad“, erzählt Brümmer. Die Frau war weg, also kaufte er sich eine Yamaha. „Ich bin drei Jahre unfallfrei gefahren, bis einer meinte, dem ein Ende setzen zu müssen.“

 Was ist passiert ? Brümmer kann sich an nichts erinnern. Weiß nur, dass er irgendwann nach fünf Tagen Koma in der Ludwigshafener Klinik wieder wach geworden ist. Seine Töchter bringen ihm bei, was geschehen ist. Ein Autofahrer hat ihn beim Linksabbiegen auf der B 293 übersehen. Er ist voll in die Beifahrerseite geknallt. Seitdem ist nichts mehr so, wie es einmal war. Oberkiefer und Unterkiefer gebrochen, Zähne ausgeschlagen, Rippenbrüche, Schenkel zertrümmert, Lungenprellungen, rechter Arm halb rausgerissen.

 Jetzt sitzt er im Rollstuhl, hofft, dass er irgendwann wieder gehen kann. Den Arm konnten die Ärzte annähen, er wird aber – genauso wie die Hand und seine Finger – für immer bewegungslos bleiben.

 Seinen Beruf kann er nicht mehr ausüben. Wovon will er in Zukunft leben ? Brümmer zuckt mit den Schultern. „Vielleicht kann ich mal in einem Baumarkt arbeiten. Wenn ich mit 48 überhaupt noch etwas bekomme.“

 Versicherungen ? Fehlanzeige. „Mittlerweile bin ich schlauer“, sagt Brümmer. „Aber nach der Scheidung wollte ich das Haus unbedingt halten und habe alle Ausgaben abgespeckt. Dazu gehörte auch eine Lebens- und Unfallversicherung.“

 Brümmer fällt durch die Maschen des sozialen Netzes. Allerdings fangen ihn seine Freunde und seine Töchter Anja (23) und Daniela (26) auf: „Ihnen habe ich viel zu verdanken.“ Derzeit wohnt er bei Anja, die sich um ihn kümmert. Die Miete für seine Wohnung in Dürrmenz läuft aber weiter. „Schließlich will ich irgendwann wieder mein eigenes Leben leben“, betont Brümmer. „Am liebsten würde ich mich auch irgendwann wieder auf ein Motorrad setzen. Aber das wird wohl nichts mehr.“

 Trotz der Schicksalsschläge lässt er sich nicht hängen. „Ich habe jetzt zwar einen Schwerbehinderten-Ausweis, fühle mich aber nicht schwer behindert. Mein Zustand ist vorübergehend.“ Er habe viel Zeit gehabt zum Nachdenken, und seit dem Unfall sei er ein viel positiverer Mensch geworden – auch wenn es immer wieder dunkle Tage und Stunden gibt.

 „Ich will mein Leben künftig genießen“, sagt er. „Wenn ich bei dem Unfall abgetreten wäre, was hätte ich dann gehabt ? Ich habe immer nur geschuftet, war oft launisch, vor allem im Winter, wenn keine Aufträge gekommen sind.“

 Nachgedacht hat er auch über den Autofahrer, der ihn an jenem schicksalshaften Nachmittag übersehen hat. „Er hat sich bis heute noch nicht einmal gemeldet“, erzählt Brümmer. „Dabei hat er von meiner Tochter meine Handynummer. Ich hätte eine Reaktion erwartet. Aber jetzt muss er sich auch nicht mehr melden.“ Auch auf die Schmerzensgeldzahlung muss Brümmer wohl noch länger warten. „Erst wenn die Spätschaden feststehen, zahlt die Versicherung. Und das kann noch Jahre dauern.“

Freunde organisieren großes Benefizkonzert

 Seine Freunde vom TSV Zaisersweiher greifen ihm derweil unter die Arme. „Er hat so viel für den Verein getan. Dass sind wir ihm schuldig“, findet Jürgen Schwarzbäcker. Mit verschiedenen Aktionen sammeln die TSVler Spenden für ihren Freund. Dazu gehört etwa ein Familien-Radsonntag am 17. September und vor allem das große Benefizkonzert am 30. September in der Turn- und Festhalle Zaisersweiher. „Namhafte Künstler wie Anny M.one oder Matthias Wagner & friends haben schon zugesagt. Sie verzichten alle auf ihre Gage“, freut sich Schwarzbäcker.

 Im Koma hat Brümmer, wie er selbst sagt „aus irgendwelchen Gründen“, um sein Leben gekämpft. Jetzt helfen ihm seine Freund, dass es auch wieder in die richtige Spur kommt. Das Benefizkonzert soll unter anderem bei der Finanzierung eines behindertengerechten Fahrzeugs helfen.

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