Es war einmal…der Klang

Erstellt: 29. Dezember 2010, 00:00 Uhr

Maulbronner Gymnasiasten beteiligen sich an einem musikwissenschaftlichen Test – Modernes Märchen mit Tonbeispielen

Die Regensburger Domspatzen haben schon mitgewirkt, die Wiener Sängerknaben auch. Die 110 Schüler des Maulbronner Salzach-Gymnasiums, die jetzt ebenfalls an einem musikwissenschaftlichen Test teilgenommen haben, befinden sich also in exquisiter Gesellschaft.

Von Carolin Becker

Maulbronn. Mit Märchenkassetten lässt sich kein Sechstklässler dieser Welt mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Und doch ist es still, mucksmäuschenstill, als Musiklehrerin Claudia Forberger an diesem Vormittag kurz vor den Ferien das Knöpfchen drückt und eine sanfte Frauenstimme die rund 20 Schüler der Klasse 6 b in die Welt von „Dornröschen und Prinz Rocky“ entführt. Dass es in dieser modernen Version des Grimm-Klassikers recht skurril zugeht, der tapfere Prinz seiner Liebsten auf der knatternden Harley-Davidson zu Hilfe eilt und statt der bösen Fee eine furchteinflößende Klavierlehrerin auftritt, interessiert die Maulbronner Gymnasiasten nur am Rande. Sie sind schließlich, wie am selben Tag auch die Kinder und Jugendlichen der Klassen 5 a und 5 b, 7 c und 9 a, ganz ernsthaft und konzentriert im Dienst der Wissenschaft tätig.

 Genauer gesagt: Die von ihnen ausgefüllten Testbögen gehen an Daniela und Bernd Willimek aus Bretten, die eine international angelegte Studie initiiert haben, an der sowohl die Mitglieder berühmter Chöre als auch Schüler beispielsweise von Gymnasien in Bretten und Karlsruhe teilgenommen haben (siehe Interview auf dieser Seite). Anhand der Ergebnisse möchten die Klavierdozentin und der Musiktheoretiker zeigen, welche Mechanismen dafür verantwortlich sind, dass der Hörer auf Musik in einer bestimmten Weise reagiert, sie als fröhlich, traurig, spannend oder beruhigend empfindet.

„Es gibt kein Richtig oder Falsch“ Musiklehrerin Claudia Forberger

„Ihr helft der Wissenschaft“, fasst Claudia Forberger den Sinn der rund 20-minütigen Übung für ihre Schüler knapp zusammen. „Ihr werdet am Ende in einem Buch erwähnt“, stellt sie als Lohn in Aussicht. Nicht namentlich zwar, aber als Klasse werden die Schüler tatsächlich Eingang in eine wissenschaftliche Veröffentlichung finden. Dafür lohnt es sich, auf dem anonymisierten Bogen, der nur Alter, Geschlecht, Klasse und eventuell das erlernte Musikinstrument verrät, ein paar Kreuzchen zu setzen. „Es gibt kein Richtig oder Falsch“, betont die Lehrerin, und so folgen die Sechstklässler entspannt der Geschichte und entscheiden sich jeweils unter zwei Möglichkeiten, welche Begleitmusik zu der gerade gehörten Textstelle am besten passt. Da ist beispielsweise vom Prinzen die Rede, den es in den Abgrund eines Sees zieht. Untermalt wird dies einmal durch wilde Glissandi, im zweiten Anlauf dann durch simple Dur-Akkorde. Doch nicht immer fällt der Kontrast so deutlich aus, etwa wenn beim tränenreichen Abschied Rockys von seiner Liebsten beide Varianten im Tonfall ähnlich anmuten. Abwechslungsreich ist der Test auf jeden Fall, und nicht nur Prinz Rocky und sein Dornröschen erleben ein Happy End. „Das hat Spaß gemacht“, urteilt die Klasse unisono. Und schwer sei der Hilfseinsatz im Dienst der Wissenschaft auch nicht gewesen.

„Mein Gefühl hat’s mir gesagt“ Sechstklässlerin Sherin

„Bis auf eine Stelle fand ich es sehr leicht“, blickt etwa Lars zurück, der nicht nur aufmerksam Musik hört, sondern auf seiner Geige auch selbst Töne produziert. Ob sie gefährlich klingen oder fröhlich, unbeschwert oder tief traurig? Das empfänden die Schüler mit verschieden stark ausgeprägtem Bezug zur Musik durchaus unterschiedlich, entnimmt Claudia Forberger einem ersten flüchtigen Blick auf die Testbögen.

 Doch was bewegt den Hörer nun tatsächlich dazu, den Prinzen mit Glissando-Begleitung in den See abtauchen zu lassen? „Mein Gefühl hat’s mir gesagt“, verrät Sechstklässlerin Sherin. Und wenn Gefühle hoch im Kurs stehen, dann erlebt auch die Märchenkassette plötzlich wieder eine nicht für möglich gehaltene Renaissance.

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