Erwartungen, Enttäuschungen, Überraschungen

Erstellt: 23. August 2008, 00:00 Uhr
Erwartungen, Enttäuschungen, Überraschungen Olympia begeistert die Region, junge Sportler eifern den Stars nach. Unsere Bilder zeigen: Florian Haug, Tischtennis TSV Knittlingen; Dominik Bolter, Fechten SV Illingen (r.); eine Bogenschützin beim BSV Sternenfels; Caro Britsch, Volleyball TV Lienzingen (M.); Sebastian Kienle, Triathlet aus Knittlingen; Maximilian Haase, Schwimmen Wasserfreunde Mühlacker; Jaqueline Schellin, Ringen TV Mühlacker (o.), Michael Dippon, Handball Blau-Gelb Mühlacker; Kerstin Lotsch, Fußball Sportfreunde Mühlacker (l.); Hannes Lietzow, Leichtathletik TV Mühlacker.Fotos: Archiv / Montage: Fitzner

Zai jian Beijing, auf Wiedersehen Peking: Sportler der Region Mühlacker ziehen eine Bilanz der Olympischen Spiele

Die Olympischen Spiele in Peking gehen morgen zu Ende. Trauer, Tränen und Triumphe haben wir im Fernsehen erleben dürfen. Das Mühlacker Tagblatt hat zehn Sportarten herausgesucht und die Lokalmatadore der Region gefragt, wie sie die Leistung ihrer Kollegen Spitzensportler einschätzen.

VON JOHANNES FUCHSLOCHER
UND STEFFEN-MICHAEL EIGNER

Bogenschießen„Es war schon eine tolle Leistung, dass sich Jens Pieper und Anja Hitzler als einzige Deutschen für Olympia qualifiziert haben“, sagt Edith Pürmayr, die Schriftführerin des Bogensportvereins Sternenfels und Bogenreferentin für den Kreis Vaihingen/Enz. Südkorea und China seien ihrer Favoritenrolle gerecht geworden. „Es war schon vor Olympia klar, dass es die beiden Deutschen sehr schwer haben würden. Südkorea ist eine von Firmen gesponserte Mannschaft. Die Schützen konzentrieren sich dort nur auf ihren Sport, alles weitere wird ihnen abgenommen. Die Deutschen dagegen könnten durch ihren Bogensport alleine ihren Lebensunterhalt nicht finanzieren. Da spielen sehr viele Faktoren mit eine Rolle, welche sich auf die notwendige Konzentration der Schützen auswirken“, erklärt Pürmayr. Durch die Spiele in Peking erhofft sich Pürmayr, dass mehr Jugendliche Interesse an dem Bogensport gefunden haben. „Wir haben schon bei den Weltmeisterschaften 2007 in Leipzig und Dresden einen Zuwachs beim Nachwuchs bemerkt, obwohl das Bogenschießen in der Öffentlichkeit leider kaum bei den Sportbegeisterten Interesse weckt.“

Ringen„Die Silbermedaille von Marko Englich war natürlich das absolute Highlight. Das hat wohl vor Olympia niemand erwartet, aber er hat super stark gekämpft und sich den Erfolg mehr als verdient“, erklärt Jaqueline Schellin, die amtierende Deutsche Meisterin in der 48-Kilogramm Klasse aus Ötisheim. Englichs Medaille im griechisch-römischen Stil bis 96 Kilogramm sei das erste Edelmetall für einen deutschen Ringer seit Atlanta 1996, nachdem Leipold 2000 in Sydney sein Gold wegen Dopings aberkannt bekommen habe. Bei den Frauen sei jedoch ärgerlich gewesen, dass sich Anita Schätzle verletzt und somit die Bronzemedaille verpasst habe. „Wenn man erst wie ich 18 Jahre alt ist, muss man natürlich selbst einmal das Ziel Olympia im Hinterkopf haben. Dafür arbeitet man schließlich. 2012 in London? Mal schauen das ist sicherlich ein großer Traum“, erklärt die ehrgeizige Ringerin vom TV Mühlacker.

Schwimmen„Britta Steffen hat super Rennen hingelegt und sich somit absolut verdient zwei Goldmedaillen gesichert. Jedoch muss man sagen, dass der Großteil der deutschen Schwimmer die Erwartungen nicht erfüllt hat“, meint Maximilian Haase, selbst Schwimmer bei den Wasserfreunden Mühlacker. Hätten die Deutschen ihre Zeiten von den Deutschen Meisterschaften halten können, wären sie auch in Peking mit vorne dabei gewesen. Vor allem das deutsche Steckenpferd, die 4×100-Meter-Staffel der Frauen enttäuschte bei Olympia. Haase glaubt an den sauberen Schwimmsport und ist auch beim amerikanischen Schwimmstar Michael Phelps überzeugt, dass dieser nicht gedopt ist. „Phelps schwimmt seit Jahren auf Weltniveau. In Athen vor vier Jahren hat er bereits sechs Goldmedaillen gewonnen. Ein Sportler der so im Rampenlicht steht, wird ständig kontrolliert“, meint der Schwimmer der Wasserfreunde. Im Übrigen solle man auch in Deutschland das amerikanische Training zum Vorbild nehmen. „Dort wird bereits schon im College das Schwimmen mehr gefördert. Die amerikanischen Schwimmstars trainieren auch im Gegensatz zu Deutschland das komplette Jahr durch und absolvieren somit mehr Trainingslager“, so Haase.
HandballDie Vorzeichen seien bereits vor Olympia für die DHB-Jungs schlecht gestanden. „Baur und Veliky als Spielgestalter reisten gar nicht nach Peking. Als sei die Mannschaft dadurch nicht schon genügend gehandicapt, verletzte sich auch noch Pascal Hens und Lars Kaufmann“, erklärt Thomas Ufrecht, der Vorsitzende des HC Blau- Gelb Mühlacker. „Das Ausscheiden in der Vorrunde hört sich schlimmer an als es ist. Ein Punkt mehr und die Handballer von Heiner Brand wären ins Viertelfinale eingezogen“, sagt Ufrecht. Besonders positiv möchte Ufrecht den „neuen“ Spielgestalter Michael Kraus hervorheben. Er habe seine Sache toll gemacht und seine Chance genutzt. Sein Fazit: „Wenn man die ganzen Umstände mit berücksichtigt sei das frühe Ausscheiden der Handballweltmeister von 2007 kein Beinbruch.“

Fußball„Die Bronzemedaille hat den Frauenfußball wieder einen großen Schritt vorangebracht“, sagt Heiko Fröhle, Trainer der Fußballdamenmannschaft Sportfreunde Mühlacker. Fröhle sei schwer beeindruckt wie die Frauenmannschaft nach der klaren 1:4-Klatsche gegen Brasilien den Hebel im Spiel um Platz drei wieder umgelegt und die Japanerinnen mit 2:0 besiegt habe. Mit den US-Amerikanerinnen und den Brasilianerinnen hätten sich im Endeffekt die beiden besten Teams der Welt durchgesetzt. „Nach diesem weiteren Ausrufezeichen der Fußballfrauen hoffe ich, dass die kickenden Damen von vielen endlich nichtmehr belächelt werden. Im Gegensatz zu den Männern haben sich schließlich die Frauen für Olympia qualifiziert“, streicht Heiko Fröhle heraus.

FechtenDie deutschen Fechter haben mit ihren zwei Goldmedaillen für Benjamin Kleibrink mit dem Florett und Britta Heidemann mit dem Degen für Furore gesorgt. „Das hat so sicherlich keiner erwartet, da Deutschland nicht mehr wie vor 10 bis 15 Jahren eine beherrschende Fechtnation ist“, äußert Martin Deger, der Abteilungsleiter Fechten beim SV Illingen, seine Einschätzung. Man nehme Olympia zu Anlass und schaue sich mit den Fechtern in Illingen die Kämpfe nachträglich auf Video an und analysiere die Entwicklung des Fechtens. „Mir ist schon aufgefallen, dass nun weniger elegant und somit deutlich dynamischer und aggressiver gefochten wird als früher.“ Deger glaubt allerdings nicht an einen Fechtboom wie nach den Olympiasiegen von Anja Fichtel und Arnd Schmitt in Seoul vor 20 Jahren. „Dafür ist die Medienresonanz zu gering“, sagt Deger. So hätten manche Leute bereits gefordert Fechten als Olympiasportart, trotz dessen Tradition zu streichen.

Tischtennis„Im Mannschaftshalbfinale der Tischtennisherren, Deutschland gegen Japan, hat man aus deutscher Sicht sehen können, was möglich ist, wenn alle drei Spieler über sich hinauswachsen“, schwärmt Rolf Hahnenkratt, der Vorsitzende des Tischtennis-Bezirkes Ludwigsburg. Dass es im Finale gegen China nicht zum Olympiasieg reichte, sei absolut kein Beinbruch, da die Chinesen das beste seien was auf dem Tischtennismarkt zu finden gebe, sagt der Mühlackerer. „Wenn Timo Boll im Einzel wenigstens das Viertelfinale erreicht hätte, wäre das Turnier für die Tischtennisherren nahezu perfekt verlaufen.“ Mit seinen 25 Jahren habe der Weltranglistensechste Timo Boll noch alle Chancen bei Olympia 2012 noch einmal anzugreifen. Den Unterscheid zu den Chinesen mache wohl das harte Training, denn Doping bringe im Tischtennis nichts. „Was nützt mir eine super Kondition, wenn mir dann Technik und Ballgefühl fehlen.“ Hahnenkratt sieht die Entwicklung im deutschen Tischtennis sehr positiv. Vor allem in der Jugendarbeit im Zusammenhang mit den Schulen habe sich die letzten Jahre viel verbessert.

Triathlon„Das Männerrennen ist natürlich hervorragend gelaufen“, freut sich der Knittlinger Sebastian Kienle, der selbst schon bei einigen Wettkämpfen gegen den frisch gebackenen Olympiasieger Jan Frodeno gestartet ist, über dessen Goldmedaille. Auch den zweiten deutschen Starter Daniel Unger, der in Peking Platz sechs belegt hat, kennt Kienle von diversen Rennen. „Für mich war die Goldmedaille von Jan keine große Überraschung, weil es in der Weltspitze unheimlich knapp zugeht. Da entscheidet auch die jeweilige Tagesform.“ Noch besser als die beiden Jungs kennt Kienle indes die deutsche Olympiastarterin bei den Frauen, Ricarda Lisk. „Wir haben denselben Trainer. Lubos Bilek“, erklärt der Knittlinger. „Bei ihrem Wechsel vom Rad zum Laufen muss irgendetwas schiefgelaufen sein. Sie kam mit der Spitze rein in die Wechselzone und verliert dann 20 Sekunden“, wundert sich Kienle. „Schade, bei ihr wäre eigentlich mehr drin gewesen als Platz 15.“

Leichtathletik„Ich habe die letzten Tage sehr viel fern gesehen“, sagt Eva Rapp lachend. Kein Wunder. Schließlich startete mit der Siebenkämpferin Lilli Schwarzkopf eine ihrer ehemaligen Schützlinge in Peking. „Sie kommt aus meinem C-Kader“, sagt die U20-Bundestrainerin aus Mühlacker, die 1976 selbst an den Olympischen Spielen in Montreal teilgenommen hat und dort Platz sieben im Kugelstoßen belegte. „Unsere deutschen Mädchen haben in Peking im Rahmen ihrer Möglichkeiten abgeschnitten“, ist Rapp einigermaßen zufrieden. „Das Niveau ist sehr hoch, und in kaum einer Sportart sind so viele Nationen beteiligt wie in der Leichtathletik. Da hängt der Brotkorb extrem hoch.“ Insofern sei sie auch nicht über die magere Medaillenausbeute der deutschen Leichtathleten erstaunt. Gerade im Siebenkampf werde das deutlich: „Noch nie waren 6400 Punkte nötig, um unter die ersten Sechs zu kommen.“ Die hätten diesmal nur für Rang neun gereicht, den Lilli Schwarzkopf als beste Deutsche mit 6379 Punkten belegte. „Unschön ist der Dopingbefund der Zweitplatzierten Ukrainerin Ljudmila Blonska“, fügt Rapp hinzu. Der könnte indes Schwarzkopf noch auf Rang acht vorrücken lassen. Aber auch bei der Olympiasiegerin Nataliia Dobrynska, ebenfalls aus der Ukraine, hat Eva Rapp leise Zweifel: „Eine Steigerung um 500 Punkte seit dem Frühjahr ist schon seltsam. Aber solange nichts bewiesen ist, ist sie unschuldig.“

VolleyballDas verpassen des Viertelfinales der deutschen Volleyballer sieht Jürgen Held, Trainer und Abteilungsleiter des TV Lienzingen, nicht unbedingt als Überraschung an. „Das Turnier ist realistisch verlaufen, wenn man das Leistungsniveau anderer Nationen betrachtet, wäre ein Platz unter den ersten acht eine Sensation gewesen.“ Jedoch sei der deutsche Volleyball auf dem richtigen Weg. Bundestrainer Stelian Moculescu habe hervorragende Arbeit geleistet. Er schicke Spieler ins Ausland, beispielsweise nach Italien oder Russland. „Hier lernen die Volleyballer, international auf höchster Ebene zu spielen. Des Weiteren kann man von der Weltklasse anderer internationaler Spieler nur profitieren“, erzählt Held. Die deutschen Volleyballer seien mit einer sehr jungen Mannschaft angetreten, da stecke noch viel Potential drin. Vielleicht sei die Mannschaft in vier Jahren bei konstanter Weiterentwicklung in der Lage, an Italien, die USA und Russland heranzukommen. Dagegen hätten die Beachvolleyballer enttäuscht. „Dem Duo Brink und Dieckmann hätte ich vorher auf jeden Fall eine Medaille zugetraut.“ Dass sie in der Vorrunde ausscheiden und mit leeren Händen nach Hause fahren, sei schon enttäuschend, meint Held.

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