Emanzipation endet am Kassenhäuschen

Erstellt: 30. Oktober 2007, 00:00 Uhr
Emanzipation endet am Kassenhäuschen Ein männlicher Fußballfan erwirbt in Lomersheim bei Otto Aichele (M.) sein Ticket fürs Bezirksliga-Duell – Frauen müssen nichts zahlen. Foto: Fotomoment

Weibliche Fans zahlen in den unteren Fußballklassen keinen Eintritt – „Änderung würde nur Ärger bringen“

Mühlacker-Lomersheim – Fußball spielende Frauen haben längst keinen Exotenstatus mehr. Am Rande des Spielfelds herrscht in den unteren Fußballklassen in der Region dagegen keine Gleichstellung zwischen den Geschlechtern. Weibliche Zuschauer bezahlen dort nämlich keinen Eintritt.

VON MAIK DISSELHOFF

Es wird höchste Zeit, dass sich die Männer, die sonntags ihre Fußballhelden in der A-Klasse oder ähnlichen Ligen bejubeln, emanzipieren. Denn sie sind im Gegensatz zu den weiblichen Fans noch nicht vom Obolus befreit, den die Vereine fürs Zuschauen einfordern. So könnte eine Modernisierungsvariante mit Blick auf die Rolle des männlichen Fans aussehen. Die endgültige Durchsetzung der Gleichberechtigung könnte aber auch von den Frauen angestoßen werden: Sie fordern am Spielfeldrand endlich das ein, was sie auf dem grünen Rasen schon lange durchgesetzt haben – nämlich mit den Männern in jeder Hinsicht auf Ballhöhe zu sein. Der positive Nebeneffekt: Mütter oder junge begeisterte Damen, die ihrem Liebling die Daumen für ein Tor halten, würden künftig auch symbolisch als vollwertiger Zuschauer und Kenner der Fußballmaterie anerkannt.

 Genug der Theorie. Es ist Sonntag, der 28. Oktober, und der TSV Phönix Lomersheim II kämpft auf heimischem Platz gegen den SV Riet. Karin Buschmann verfolgt das Spielgeschehen mit großer Konzentration.

„Der Eintritt sollte für alle gleich sein“

Sie hat, wie immer, wenn sie ihrem Sohn Kevin zuschaut, keinen Eintritt am Kassenhäuschen bezahlt. Die Mutter stellt fest: „Im Zuge der Emanzipation sollte der Eintritt eigentlich für alle gleich sein.“

 Mit dieser Haltung liegt Buschmann voll auf der Linie von Otto Aichele, der schon seit vielen Jahren an der Phönix-Kasse seinen Mann steht und darauf achtet, dass seine „Artgenossen“ brav ihr Ticket lösen. 3,50 Euro kostet der Fußballgenuss für diejenigen, die nicht im Verein Mitglied sind. Aichele hat eine klare Meinung zur bestehenden Regel: „Ich finde es nicht gerecht, dass die Frauen nichts bezahlen. Schließlich sind sie emanzipiert“, betont er. Insofern handelt Aichele an den Heimspieltagen, an denen er im Einsatz ist, nach den allgemeinen Gepflogenheiten, aber nicht nach seinem persönlichen Gerechtigkeitsempfinden. Der Herr der Kasse kennt auch den schlichten Grund für die Gleichstellungslücke: „Das ist halt Tradition. Das ist schon immer so gewesen.“

 Der Vorsitzende des TSV Phönix Lomersheim, Ulrich Rümmelin, sieht sogar eine Gefahr in der Umwälzung der bestehenden Verhältnisse: „Wenn die Frauen Eintritt bezahlen müssten, dürften die Männer nicht mehr auf den Fußballplatz“, lautet seine nicht ganz ernst gemeinte düstere Prophezeiung.

 Der Phönix-Vorsitzende betont außerdem, dass die Frauen auch in vielen anderen Ligen ohne Eintritt auf den Platz dürften. Rümmelin findet das richtig so: „Ein Blick auf die Zusammensetzung des Publikums zeigt, dass im Männerfußball in den Amateurligen nur wenige weibliche Zuschauer am Spielfeldrand stehen. Das interessiert Frauen doch kaum.“ Die meisten Zuschauerinnen seien Frauen von Spielern. Deshalb will Rümmelin, dass alles so bleibt, wie es ist. „Eine Änderung würde nur unnötigen Ärger bringen.“

 Auf der Ebene der Funktionäre ist man sich anscheinend einig. Denn dicke Luft wittert auch der Vorsitzende des Fußballbezirks Enz-Murr, Hansjörg Arnold, mit Blick auf einen Traditionsbruch: „Gleichberechtigung hin oder her – das hat sich so eingespielt. Das sind gewachsene Strukturen, an denen ich als Vereinsverantwortlicher nicht rütteln würde.“ Schließlich würden viele Frauen nur notgedrungen auf den Sportplatz mitgehen, schätzt Arnold die Lage ähnlich wie Ulrich Rümmelin ein.

Zuschauerinnen sind wertvolle Konsumentinnen

Und die finanziellen Einbußen, die die Clubs bewusst in Kauf nehmen, halten sich nach Ansicht Arnolds in Grenzen. „Schließlich verkaufen die Vereine Würstchen und Trinken. Da kaufen sich ja auch die Zuschauerinnen etwas.“

 Fünf Heimspiele hat die Erste Lomersheimer Mannschaft in der Bezirksliga bisher absolviert. Mit seiner Rentnerermäßigung hat Peter Scheible, der Vater des Lomersheimer Kapitäns, die Phönix-Kasse bis jetzt mit insgesamt zehn Euro bezuschusst. Scheible plädiert für einen dritten Weg, der sich als eine Art sanfte Revolution verstehen lässt: „Vielleicht sollten Frauen nur den halben Eintrittspreis bezahlen.“

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