Eine Zeitreise in das Mittelalter

Erstellt: 26. Juni 2006, 00:00 Uhr
Eine Zeitreise in das Mittelalter Gaukler-Gehilfe Arleccino (l.) und Meister Julien unterhalten das Publikum mit Jonglieren und Wortgefechten. Fotos: Hansen

Schultes in historischer Robe – Erste Maulbronner Zehnttage locken tausende Schaulustige in den Klosterhof

Maulbronn – „Ich eile nun von dannen.“ „Gehabt Euch wohl!“ Wer am Wochenende bei den ersten Maulbronner Zehnttagen im Klosterhof einige Stunden zwischen fleißigen Gerbern und lustigen Gauklern, zwischen listigen Zauberern und akkuraten Zinngießern verbracht hat, passte sich an, drückte sich gewählt aus. Das gilt für die Maulbronner, von denen viele im historischen Gewand über den Mittelalter-Markt schlenderten, genauso wie für das gemeine Volk in Bermuda-Hosen, Shirt und Sandalen. Schaulustige strömten zu Tausenden in den Klosterhof, um dem Treiben der Handwerker, Musiker und Tänzer zuzusehen und die Küche der Köche zu kosten.

VON ISABELL HANSEN

„Ich habe es genau gesehen, du willst mir die Schau stehlen“, zieht Gaukler-Gehilfe Arleccino Pimpinello die Blicke des Publikums und damit auch gleich den Unwillen seines Meisters Julien de Avignon auf sich. Frech balanciert der Möchtegern hinter dem Rücken seines Herren einen Trommelstock auf seiner Stirn. „Trommel endlich, komm her, geh weg, sei ruhig!“ Immer wieder muss der umtriebige Gehilfe zur Räson gebracht werden, verpasst Pimpinello doch fast jeden Einsatz: Er verbeugt sich zu früh, wenn das Publikum noch nicht klatscht oder zu spät, wenn das Publikum nicht mehr klatscht. Er trommelt, wenn er jonglieren soll. Er vergisst den Tusch, wenn der Höhepunkt naht. Die Gruppe Forzarello unterhält die Menge nicht nur mit Trommelmusik und Jongleurskunst, sondern auch mit ihren launigen Streitereien.

 Nur eine Minute war der Zuschauer sorglos, hat sich blenden lassen, von den schmeichelnden Worten und dem exotischen Aussehen des Zauberers. Jetzt muss er zusehen, wie sein 20-Euro-Schein verschwindet, wieder auftaucht, in zwei Hälften geteilt ist und aus der Mitte einer ganzen Orange geschnitten wird. Erst nach einigen Minuten findet der Geldschein auf wundersame Weise unversehrt und trocken wieder zu seinem Besitzer zurück.

 Klar, dass eine kostenlose Kinderbetreuung, wie sie am Samstag ab 13 Uhr angeboten wurde, für den Nachwuchs der Familie Theurer nicht zur Diskussion steht. „Auf keinen Fall lassen wir uns abgeben. Das ist hier viel zu spannend“, sind sich die Annika (7), Tim (11) und Lars (9) einig. Den Schmied haben sie schon gesehen, die Zauberer auch, jetzt nagt der Hunger. Dass die obligatorischen Pommes vom Speisezettel der Zehnttage verbannt wurden – die gab es im Mittelalter schließlich nicht – stört Lars keineswegs. „Ich liebe Flammkuchen“, hat er eines seiner Lieblingsgerichte entdeckt. Vater Armin ist dagegen auf Zeitreise: „Wir wohnen eine Tagesreise entfernt – in Weil der Stadt“, antwortet er in historischen Entfernungsdimensionen auf die Frage, wo er herkommt.

 „Wir wollen, dass Besucher in die Vergangenheit eintauchen können. Das ist weder Stadtfest noch Dorfhocketse, sondern eine Kulturveranstaltung“, erklärt Andreas Felchle, Maulbronner Bürgermeister, gewandet in würdevoller, dunkelblauer Robe und Amtskette, den hohen Anspruch der Veranstaltung an Authentizität. Mittelalter-Märkte haben in Maulbronn eine lange Tradition, erstmals jedoch hat die Stadt Maulbronn die Organisation in die Hände des Fördervereins Biduum statt in die eines kommerziellen Ausrichters gelegt. Die Mitglieder haben ein Auge auf Details – angefangen bei der eigenen Kleidung. „Jeder trug damals ein Wams, daran wurde nämlich die Hose geknotet. Ohne Wams müsste ich die Hose runterlassen“, erklärt Andreas Biolcati, Vorsitzender von Biduum, augenzwinkernd und zeigt freiheraus auf die gürtellose Knüpf-Konstruktion an der Weste seines Kollegen. „Kein Gewand ist von der Stange, sondern nach Vorlagen per Hand genäht.“ Für Biduum-Mitglieder kommt Massenkonfektion nicht in Frage. Ebenso wenig wie für die Maulbronner Bürgerin Ingrid Schiffer, die im langen, violetten Kleid einer Haushaltsvorsteherin unterwegs ist.

 Beim nächsten Mal will die Maulbronner 0Stadträtin Karin Bohn-Abt (BWV) das Freizeitoutfit ebenfalls gegen ein historisches Gewand tauschen. Über den Rang haben sich die Frauen noch nicht geeinigt: „Niederer Adel vielleicht“, stellt Schiffer sogar eine Erhebung in den Adelsstand in Aussicht, „aber nichts Kitschiges.“ Adel verpflichtet.

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