Eine Frage der Technik

Erstellt: 29. Juni 2011, 00:00 Uhr
Eine Frage der Technik Dieter Bühl kennt die Mängel des Mühlehofs.

Bauingenieur Dieter Bühl hat für Drees & Sommer den Mühlehof begutachtet

30 Millionen Euro – diese Summe für die Generalsanierung des Mühlehofs stößt bei den Gegnern eines Abbruchs auf offenes Misstrauen. Dieter Bühl
vom Büro Drees & Sommer hat maßgeblich am Gutachten mitgearbeitet.

Verstehen Sie, dass die 30 Millionen für eine
Generalsanierung angezweifelt werden ?
Ich kann das aus Sicht der Bürger verstehen, doch als Fachmann muss man ein solches Objekt ganzheitlich sehen, was auch einen Vergleich mit den Kosten für einen Neubau in gleicher Größenordnung beinhaltet. Wobei mit Größenordnung die tatsächlich vorhandenen Flächen gemeint sind inklusive der leerstehenden Gewerbeflächen. Die Frage des Bedarfs ist wieder eine andere.
Die Kosten für eine Generalsanierung liegen nach den Erfahrungen etwa bei 80 bis über 100 Prozent der Kosten eines Neubaus, der nicht selten die wirtschaftlichere Alternative ist. Auch wenn der Mühlehof generell ein architektonisch sehr schönes Gebäude ist.

Sie meinen das nicht ironisch ?
Keinesfalls. Heute wird häufig nach dem Motto Länge mal Breite mal Höhe gebaut. Im Vergleich sind die Arkaden und Vorsprünge des Mühlehofs schon ansprechend. Allerdings resultieren daraus wieder Fragen nach der Wärmedämmung und der energietechnischen Bilanz, die nicht mehr den modernen Anforderungen entspricht.

Warum können die Mühlackerer Ihren Zahlen vertrauen ?
Wir beschäftigen uns hier in Stuttgart, in unseren anderen Niederlassungen in ganz Deutschland und sogar weltweit mit zahlreichen solchen Objekten und können, dank ständiger Auswertungen, auf entsprechende Kennwerte zurückgreifen.

Wie geht man ein solches Gutachten an?
Am Anfang steht eine Begehung, wobei man sich das Objekt genau anschaut und insbesondere die Mängel begutachtet; auch im Hinblick darauf, was bislang bereits saniert und erneuert wurde – und das ist im Fall des Mühlehof nichts Wesentliches.

Andererseits, sagen die Skeptiker, sind 30 Jahre für ein Privathaus gar nichts . . .
Ein entscheidender Unterschied: In einem Privathaus ist der Anteil der Technik deutlich geringer. Da mag man, um die Heizung kostengünstig zu sanieren, die Leitungen auch mal auf Putz legen.
Im Fall des Mühlehofs, wo die Bühnen- und Beleuchtungstechnik, die Medientechnik und, ganz wichtig, die Lüftungstechnik des gesamten Gebäudes nicht mehr dem aktuellen Stand entsprechen, liegen sämtliche Leitungen in den Decken und Wänden, zum Beispiel unter Holzverkleidungen. Wird das Ganze grundlegend saniert, lässt sich das nicht einfach eins zu eins ersetzen, weil man sich an den neuesten Brandschutzbestimmungen und Energieeinsparverordnungen orientieren muss.
Hier liegt die Crux: Bei einer Sanierung kommen immer die Kosten für den jeweiligen Rückbau dazu, und wir können die Beträge anhand von Kennwerten abschätzen. Außerdem sind die Baunebenkosten bei einer Sanierung deutlich höher als bei einem Neubau. Deshalb ist ein Vergleich mit den ursprünglichen Baukosten für den Mühlehof schwierig. Wir haben heute einen Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent.

Warum, fragen sich die Mühlackerer, kann ein Gebäude, das nicht einmal 30 Jahre alt ist, in so schlechtem Zustand sein ?
Man muss unterscheiden: Der optische Zustand der Säle und des gesamten Kulturbetriebs ist in Ordnung. Anders sieht es bei der Gebäudetechnik und beim gewerblichen Teil aus. Hier wurde vieles seit Jahrzehnten vernachlässigt.

Warum keine schrittweise Sanierung ?
Zum einen sind bauliche Bereiche, die zusammengehören – Saal, Foyer, Eingangsbereich – bei einer Sanierung nicht sinnvoll voneinander zu trennen. Außerdem lässt sich bei einem solchen Objekt nicht einfach, wie bei einem Privathaus, je nach den finanziellen Möglichkeiten ein Fenster nach dem anderen austauschen. Wenn Sie hier anfangen, müssen Sie gleich die gesamte Fassade angreifen und sich bei einer Erneuerung am neuen Stand der Technik orientieren. Was die Ladenflächen betrifft: Hier macht eine Sanierung erst Sinn, wenn klar ist, was daraus werden soll.

War Ihnen klar, als Sie das Gutachten erstellten, dass es hier um ein Politikum geht ?
Nein.

Wie verfolgen Sie die Mühlacker Diskussion ?
Mit Interesse. Ich werde auch bei der Bürgerversammlung am Donnerstag, gemeinsam mit der Kollegin Kerstin Streule, die sich mit den Standortfragen beschäftigt hat, mit dabei sein.

Fragen von Thomas Eier

 Info: Dieter Bühl und Drees & Sommer
Das 1970 gegründete Ingenieurbüro für Projektsteuerung Drees & Sommer beschäftigt an 22 Standorten in Deutschland rund 1050 Mitarbeiter. Dieter Bühl (55), gebürtig aus Bietigheim-Bissingen, gehört als studierter Bauingenieur seit knapp 30 Jahren zum Team, ist als sogenannter Projektpartner eigenverantwortlich zuständig für Projekte, wobei die Begutachtung und Revitalisierung von Altbauten inzwischen einer der Schwerpunkte ist. Unter anderem hat Drees & Sommer an den 460 Stuttgarter Schulgebäuden die Mängelpunkte erfasst. Gemeinsam mit zwei Fachleuten für die Haustechnik hat Bühl den baulichen Zustand des Mühlehofs begutachtet und die geschätzten Sanierungskosten von 30 Millionen Euro ermittelt. Seine Kollegin Kerstin Streule entwarf gleichzeitig diverse Szenarien für den Mühlehof-Standort und einen Standort für eine mögliche neue Kulturhalle. (the)

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