Ein Wahnsinn auf zwei Rädern

Erstellt: 10. August 2011, 00:00 Uhr
Ein Wahnsinn auf zwei Rädern Rekordverdächtig ? Aus Sicht der Verkehrspolizei sind die 206 km/h, die ein Motorradfahrer am Freitag auf der B 294 bei Bauschlott auf dem Tacho hatte, keineswegs ein einmaliger Ausreißer. Foto: Fotolia

Bundesstraße wird zur Rennstrecke: Motorradfahrer rast mit 206 km/h durch den Wald bei Bauschlott – Polizei sagt: kein Einzelfall

Ein Motorradfahrer rast mit 206 km/h über die Waldstrecke der B 294 bei Bauschlott. „Ein Wahnsinn“, sagt Achim Strobel von der Pforzheimer Verkehrspolizei. Doch ein Einzelfall ist es nicht.

Von Thomas Eier

Neulingen-Bauschlott. Vor Jahren kamen auf dem Streckenabschnitt zwischen Bauschlott und Bretten vier junge Leute bei einem Autounfall ums Leben. Eine kurze Gerade verleitet zum Gasgeben, und der Eindruck, der Motorradfahrer vom Freitag breche alle Rekorde in negativer Hinsicht, täuscht. Selbst 220 km/h und mehr hat die Polizei, die alle Raserstrecken der Region kennt, dort schon gemessen.

Unverantwortlich, sagen Experten der Verkehrsüberwachung wie Achim Strobel. Der 40-Jährige aus Maulbronn, der selbst privat und dienstlich Motorrad fährt und die Kampagne „Sicher im Sattel“ der Polizeidirektion Pforzheim betreut, hat kein Verständnis dafür, auf diese Weise – noch dazu mit Sozius – das Schicksal herauszufordern. „Der Fahrer gefährdet sich und andere. Dort kreuzen Waldwege, es sind Ausflügler, Fahrradfahrer, Familien mit Kindern unterwegs“, gibt Strobel zu bedenken. „Wenn vor ihm etwas passiert oder nur etwas auf der Straße liegt, bleibt bei dieser Geschwindigkeit keine Handlungsreserve mehr.“ Prallt die Maschine mit Tempo 200 frontal in ein Auto, hat selbst dessen Fahrer kaum eine Chance.

Dominik Vincon kennt sich aus mit hohen Geschwindigkeiten, ist selbst schon mit 160 km/h aus dem Sattel geflogen – allerdings auf dem Sachsenring, wo genügend Platz neben der Rennstrecke ist. „Das ist der Unterschied“, sagt der 19-Jährige, der mit seiner 130 PS starken Yamaha R 6 in der IDM Supersport startet und seinen Sturz praktisch unverletzt überstanden hat. „Auf der Straße, wo sofort die Bäume, Schilder oder die Leitplanke kommen, muss man dazu schon ein Glückspilz sein.“
Das Glück herauszufordern, ist jedoch weder aus Sicht des Rennfahrers noch der Polizei die richtige Strategie, um die Motorradtour heil zu überstehen. Bei den vier tödlichen Unfällen in diesem Jahr in der Region war zwar nicht zwangsläufig Raserei im Spiel, dennoch wirbt die Polizei mit einer Doppelstrategie aus Aufklärung und Überwachung für mehr Sicherheit im Sattel, die auch eine angemessene Fahrweise erfordert. Achim Strobel verweist auf die landesweite Statistik, wonach die „Supersportler“ – für die Straße konzipierte Rennmaschinen, die mit weit über 100 PS in wenigen Sekunden von null auf hundert beschleunigen – überdurchschnittlich oft in schwere Unfälle verwickelt sind. „Sie haben zwar nur einen Anteil von acht Prozent an den Zulassungen“, fasst Strobel zusammen, „sind aber zu 39 Prozent an den tödlichen Unfällen beteiligt.“

Ein klares Indiz dafür, dass nicht jeder, der sich für einen Könner hält, die Risiken richtig einschätzt. Deshalb postiert die Polizei ihre Messgeräte an bekannten „Rennstrecken“ wie der B 35 auf Höhe des Maulbronner Sportzentrums oder auf der B 294 bei Bauschlott, aber auch bei Neuenbürg. Ebenfalls mit Tempo 200 wurde unlängst ein Motorradfahrer auf der B 10 zwischen Ersinger Kreuz und Wilferdingen geblitzt.

Die Geschwindigkeit, sagen Motorradfans, ist für einen routinierten Fahrer nicht das Problem, eher seien es die Unwägbarkeiten, die sich auf vielbefahrenen Straßen ergeben. Dominik Vincon fällt auf Anhieb keine Strecke außerhalb der Rennstrecke ein, auf der er ruhigen Gewissens die Möglichkeiten eines „Supersportlers“ austesten würde. „Aber seien wir ehrlich: Wer sich ein solches Motorrad kauft, wird sich nicht immer streng an die Regeln halten.“

Die Folge: Vier Punkte in Flensburg, 600 Euro Bußgeld, außerdem wird der Raser vom Freitag, wenn er über das Beweisfoto ermittelt ist, für drei Monate zu Fuß gehen müssen. Von Pech will Verkehrspolizist Strobel in diesem Zusammenhang jedoch nicht reden: „Vielleicht ist es ein Glück, dass er überhaupt noch auf den Füßen ist.

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