Ein Grab in Charkow

Erstellt: 30. Oktober 2007, 00:00 Uhr
Ein Grab in Charkow Post aus Moskau Für Erika Drechsel sind mehr als sechs Jahrzehnte der verzweifelten Spurensuche vorbei. Ein Brief aus Moskau informiert über das Schicksal des Vaters, der 1945 vom Elternhaus in Pommern verschleppt wurde. Foto: Ochs

Verband hilft: Mühlackerin lebt 62 Jahre im Ungewissen über das Schicksal des Vaters

Zwei Monate bis Kriegsende, der 8. März 1945, ein Bauernhof in Pommern, etwa 75 Kilometer südöstlich von Stettin. Ein russischer Offizierstrupp klopft an die Tür der Familie Manske. Die vier Bewaffneten suchen Männer, die bei den Aufräumarbeiten helfen sollen – zumindest lassen sie das den Vater Wilhelm Manske glauben. Vier Tage später wärmt sich seine zwölfjährige Tochter Erika gerade am Kachelofen und blickt auf die Straße. Sie sieht einen Pferdekarren und den Vater, der hinterherläuft. Sie will zu ihm, aber ihre Mutter hält sie zurück. Zwei Stunden später sieht sie ihn nochmals am anderen Ende der Stadt, er winkt ihr zu. Der letzte Blick. Danach fehlt von Wilhelm Manske, 51, jede Spur.

 62 Jahre lang hatte Erika Drechsel aus Mühlacker keine Hoffnung, je zu erfahren, was mit ihrem Vater passiert ist: „Wir dachten, er wäre in Sibirien umgekommen.“ Nachforschungen über den Suchdienst des Roten Kreuzes in Archiven der GUS brachten vor acht Jahren keine näheren Informationen. Nur Wilhelm Manskes Todesdatum wurde herausgefunden: der 25. August 1945.

 Licht ins Dunkel brachte jetzt die „Liga für Russisch-Deutsche Freundschaft“ in Moskau, die unter dem Schlagwort „Aktion Versöhnung“ Suchaktionen in russischen Archiven startet. Bei dem Verein hatte Erika Drechsel im Mai einen Suchantrag gestellt. Vermittelt wurde der Kontakt vom Pforzheimer Heimkehrerverband. Dem Vorsitzenden des Verbands, Edwin Rapp, hat Drechsel bei einer Ausstellung in Pforzheim ihre Geschichte erzählt. Rapp riet ihr, das Sucharchiv in Moskau zu beauftragen, und gab ihr die Auftragsformulare. 600 Suchanträge hat Rapp in Zusammenarbeit mit der Leiterin des Suchreferats, Olga Kondraschova, bereits gestellt, bei 42 konnte das Schicksal von vermissten oder gefallenen Soldaten oder der vertriebenen Bewohner aus den deutschen Ostgebieten bisher aufgeklärt werden.

 Auch Erika Drechsel hat Gewissheit. Mitte September erhielt sie Post aus Moskau. In dem Brief teilt ihr Olga Kondraschova mit, dass die Akte ihres Vaters in russischen Archiven gefunden worden ist. Die Akte besteht aus fünf Seiten mit Befragungsprotokollen aus der Zeit der Gefangenschaft 1945, schreibt Kondraschova. Darin stehen Angaben über seine Familie, seinen landwirtschaftlichen Besitz, Manskes Lebenslauf und eine Beschreibung seines Äußeren. Noch wichtiger ist, dass das Dokument die offizielle Sterbe- und Begräbnisakte enthält, die Todesursache nennt und den Städtischen Friedhof in Charkow in der Ukraine als letzte Ruhestätte. Die Akte soll, nachdem sie übersetzt worden ist, in den nächsten Tagen in Mühlacker eintreffen.
 „Ich bin erleichtert, weil ich endlich weiß, was mit meinem Vater passiert ist“, sagt Erika Drechsel. „Wir dachten, das wäre ein unlösbarer Fall, weil viele Menschen damals in Russland verschollen sind.“ Hart war aber auch das Los der Familien. „Als wir 14 Tage nichts von meinem Vater gehört haben, wusste wir, dass etwas nicht stimmt“, erinnert sich Erika Drechsel, „die nächsten Jahre waren schlimm“.

 Am 9. Mai 1945 wurde sie zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder von Besatzern aus ihrem Elternhaus geworfen und in ein Gefangenenlager gesteckt. Was in den nächsten 15 Monaten folgte, war ein Treck von Lager zu Lager, karges Essen und Feldarbeit bis zur völligen Erschöpfung. Der Vater geriet nie in Vergessenheit. „Wir haben immer über ihn gesprochen, aber im Grunde schon keine Hoffnung mehr gehabt, dass er zurückkommt.“

 Dennoch versuchte die Familie, über den Versehrtenverband Kontakt aufzunehmen. Auch eine Zeitungsanzeige blieb ohne Reaktion. Endgültig begrub die Familie ihre Hoffnungen, als sie aus einer Zeitung in Pommern erfuhr, dass viele der im Frühjahr 1945 verschleppten Männer schnell gestorben waren. Dennoch hat sich Drechsels Mutter immer geweigert, ihren Mann für tot erklären zu lassen.

 Für die Tochter ging das Leben weiter. Sie arbeitete zunächst in Haushalten in Gelting an der Ostseeküste und machte später eine Ausbildung zur Physiotherapeutin. In Frankfurt am Main lernte sie ihren späteren Ehemann Hans kennen, mit dem sie seit 40 Jahren in Mühlacker lebt.
 Ihr Elternhaus auf dem Hof in Pommern hat sie nach dem Krieg noch dreimal besucht. Eine Fahrt zum Grab ihres Vaters in der Ukraine hat die 75-Jährige jedoch nicht geplant. Anderen betroffenen Familien, die nach wie vor in Ungewissheit leben, rät Drechsel, den gleichen Weg zu gehen. 250 Euro hat sie der Liga an Bearbeitungs- und Versandgebühren und für die Übersetzung der Schriftstücke bezahlt. Ihre „Aktion Versöhnung“ hat die Liga 1995 gestartet, nachdem die russischen Archive auf Initiative der Regierung geöffnet und der Geheimhaltungszwang der Verschlusssachen aufgehoben worden waren. In den vergangenen zehn Jahren gingen 2000 Anfragen aus ganz Deutschland ein. In 400 Fällen konnten die persönlichen Akten gefunden werden. Ziel des Vereins ist die Festigung der deutsch-russischen Beziehungen.
 Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.suchreferat-moskau.de und bei Edwin Rapp vom Kreisverband Pforzheim/Enzkreis der Heimkehrer unter der Telefonnummer 07231/73788.

Torsten Ochs

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