Dunkle Punkte und nackte Tatsachen

Erstellt: 29. August 2009, 00:00 Uhr
Dunkle Punkte und nackte Tatsachen Vom Ortskern mit seinen Fachwerkhäusern geht es unter Führung von Roland Straub auf den Rungang durchs Dorf. Heimatgeschichte auf humorvolle Art: Martha Wilde hat der Rundfunkmoderatorin Katharina Raquet viel über den Ort Freudenstein, seine Menschen und seine Geschichte(n) zu erzählen. Fotos: Hansen

SWR-Sommererlebnis enthüllt die Geheimnisse von Freudenstein – Buhrufe für die Zuordnung zu Baden

Die rund 150 Besucher, die es sich gestern Morgen auf der gesperrten Ortsdurchfahrt zwischen Fachwerkhäusern gemütlich gemacht haben, bekamen beim SWR-Sommererlebnis einige überraschende Dinge über Freudenstein und Hohenklingen zu hören.

Von Isabel Hansen

Knittlingen-Freudenstein. Folgende Erkenntnisse wurden präsentiert: Freudenstein gehört zu Baden, seine Bürger sind größtenteils sittlich verdorben und dann noch ein FKK-Platz…

 Da gibt es kein Pardon. „Wir sind hier noch in Baden.“ Die unvorsichtige Äußerung von SWR-Moderatorin Katharina Raquet wurde von den Ortsansässigen mit lauten Buhrufen kommentiert. Bei der selbstgemachten Geräuschkulisse lässt sich die Behauptung, dass der Ort mit der Verwaltungsreform 1975 dem Regierungspräsidium Karlsruhe zugeordnet wurde, gut überhören. Bürokratie hin, Bürokratie her – die Freudensteiner wissen am besten, wohin sie gehören – nach Württemberg.

 Den unwiderlegbaren Beweis dafür, wo der Knittlinger Teilort geographisch anzusiedeln ist, erbringen die Winzer Dieter Epple und Günter Hauf von der WG Freudenstein: „Unsere 55 Mitglieder bewirtschaften eine Fläche von 16 Hektar. Die wichtigsten Rebsorten sind Trollinger, Lemberger, Portugieser und Schwarzriesling. Zu 95 Prozent wird Rotwein ausgebaut“, zählen sie typische Qualitäten auf und betonen: „Bei uns gibt es nur Württemberger Weine.“

 Mit Wein, Weib und Gesang kennen sich die Freudensteiner offensichtlich nicht erst seit gestern aus, wie die Teilnehmer beim historischen Ortsrundgang mit Roland Straub erfahren konnten. „Die Bürger sind geistig fähig und bildsam, aber größtenteils sittlich verdorben, zur Trunksucht und Unzucht neigend“, liest Straub aus einer Pfarramtsbeschreibung von 1836 vor. Deutlich besser kommen die Einwohner aus Hohenklingen weg. „Die Bürger sind von natürlichem Verstand und weniger sittlich verdorben als im Mutterort“, befand die Kirche seinerzeit. Vielleicht war der Pfarrer aber aufgrund seines unkomfortablen Arbeitsplatzes einfach nur verschnupft. Zwar lobte er die 1753 renovierte Kirche in der Freudensteiner Ortsmitte als geräumig, hell und gut zum Predigen geeignet, kritisierte indes die unbeheizte und feuchte Sakristei. Das Pendant in Hohenklingen war dagegen „gesund und bequem“.

 Auch in der jüngsten Vergangenheit stieß die freimütige und freizügige Art der Freudensteiner auf den Unwillen der Seelsorger. „Als der FKK-Platz am Steinbruch eröffnet wurde, hat der Pfarrer geschimpft wie ein Rohrspatz“, erinnert sich Dorfbewohnerin Martha Wilde. Maria Krill ergänzt: „Mein Mann hat mir erzählt, dass die Predigt die jungen Burschen erst recht neugierig gemacht hat. Die sind dann auf die Bäume geklettert, um besser auf den FKK-Platz sehen zu können. Dabei hat es sogar Verletzte gegeben, weil einige heruntergefallen sind.“ Eine Zeit, an die sich auch Hermann Schassberger noch gut erinnern kann: „Der FKK-Platz hat nicht nur die Jungen, sondern auch die Alten interessiert“, meint er augenzwinkernd. „Ich selbst bin aber nie auf einen Baum geklettert.“

 Einmal drückte die Obrigkeit aber auch ein Auge zu. „Heimatdichterin Regina Merkle wurde 1875 geboren. Sie hat einsam gelebt, war eine unnütze Esserin. 1903 hat sie sich im Alter von 28 Jahren im Kraichsee ertränkt“, berichtet Straub von einer traurigen Geschichte. „Trotz des Makels des Selbstmordes wurde sie auf dem Friedhof begraben, das war ungewöhnlich. Ihre Gedichte – von 500 sind rund 120 erhalten – wurden erst nach ihrem Tod gewürdigt.“ Heute ehrt ein Gedenkstein bei ihrem Geburtshaus die verkannte Heimatdichterin ebenso wie der veröffentlichte Gedichtband.

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