Die Tour de France hat ihren Reiz verloren

Erstellt: 4. Juli 2006, 00:00 Uhr
Die Tour de France hat ihren Reiz verloren „Nicht nur der Radsport ist verseucht“, meint Extremsportler Heinz Spörr. Foto: mtav

Radsportler aus der Region sind enttäuscht von Jan Ullrich und glauben nicht, dass Doping bekämpft werden kann

Eigentlich schaut Heinz Spörr in diesen Tagen täglich die Tour de France. „Der Juli war immer mein Radsportmonat, in dem ich fast jede Etappe verfolgt habe“, sagt der Extrem-Radsportler aus Mühlacker. „Aber nach dem Doping-Ausschluss der Favoriten hat die Frankreich-Rundfahrt völlig ihren Reiz verloren.“ Triathlet Harald Feierabend (39) sieht das genauso.

VON DOMINIQUE JAHN

 Geschockt waren sie beide von den Doping-Vorwürfen – insbesondere von Jan Ullrich. Der Topfavorit soll angeblich wie Ivan Basso (Italien) und Oscar Sevilla, Francisco Mancebo, Joseba Beloki (alle Spanien) und rund 20 weitere Fahrer unerlaubte Hilfsmittel zu sich genommen haben. Bislang ist noch nichts bewiesen. Doch es scheint der größte Dopingskandal in der Geschichte des Radsports zu werden.

 Einen Tag vor dem Start der 93. Tour de France hat das Team Mobile durchgegriffen und seinen Star Jan Ullrich aus dem Team geworfen. Der große Favorit, dem man nach dem Karriereende seines härtesten Konkurrenten Lance Armstrong in diesem Jahr den Toursieg zugetraut hätte, ist also nicht dabei. Die Nachricht am vergangenen Freitag ist dann auch eingeschlagen wie eine Bombe. „Ich war völlig überrascht“, erzählt Heinz Spörr. „Aber vom Team Mobile war es nur konsequent. Sie wollten ihr Gesicht wahren.“
 Radsport und Doping – es ist und bleibt wohl eine leidige Geschichte. Heinz Spörr: „Aber nicht nur der Radsport ist verseucht, auch in der Leichtathletik und im Wintersport wird gedopt. Dort, wo eben viel Kohle im Spiel ist, geht es angeblich nicht mehr ohne unerlaubte Substanzen“, meint der 41-Jährige. Die Glaubwürdigkeit an einen sauberen Sport leide vehement darunter „und zwar jetzt erst recht“, so Heinz Spörr. „Ich habe gedacht, der Festina-Skandal 1998 sei schon die Spitze des Eisberges gewesen, aber man sieht ja, es kam noch dicker.“ Das ist auch der Grund, warum Harald Feierband denkt, dass der Radsport „nie sauber sein wird.“ „Es wird immer wieder neue Dopingmittel geben“, meint der Triathlet aus Illingen, der die Rundfahrt auch nur nur halbherzig verfolgen wird. Der Dopingskandal um Jan Ullrich sei „ein Schock für die ganze Welt“ gewesen. Groß überrascht hätte ihn das allerdings nicht. Denn: „Ohne Doping geht es bei der Tour de France einfach nicht.“

 Dennoch bleibt die Frage: Haben die ausgeschlossenen Fahrer nun gedopt oder nicht? Feierabend: „Es ist schon komisch, von den Sportlern kam gar keine richtige Gegenwehr.“ Dass durch den Vorfall jetzt endlich im Radsport aufgeräumt wird, bezweifelt der Ausdauerathlet allerdings. „Man wird Doping nie ganz aus der Welt schaffen können, zumal die Anforderungen auch immer größer werden. “
 Sollte man Doping also freigeben? „Auf keinen Fall, das macht den Sport endgültig kaputt“, sagt Heinz Spörr. Harald Feierband ist da anderer Meinung: „Eigentlich ja, im Interesse der Sportler“. Diese müssten dann zwar mit den gesundheitlichen Konsequenzen rechnen, aber man würde so viel Geld in Dopingtests reinstecken und das ohne Erfolg.

 Für Leistungssportler, so scheint es, zählt nur der Erfolg, koste es was es wolle. Doch wie muss sich ein gedopter Sportler fühlen, wenn er auf dem Siegertreppchen steht? Harald Feierabend: „Nina Kraft hat 2004 beim Ironman den ersten Platz geholt, wurde hinterher positiv getestet und hat dann gesagt, es sei ein Scheißgefühl gewesen bei der Siegerehrung.“ Ehrliche Worte einer großen Sportlerin, die laut Feierabend gar nicht hätte dopen müssen.

 Wer am Ende der diesjährigen Tour de France ganz oben auf dem Podest stehen wird, ist laut den Experten aus der Region völlig offen. Harald Feierabend sieht Levi Leipheimer vom Team Gerolsteiner ganz vorne und glaubt: „Es wird noch einige Dopingfälle geben.“ Und auch wenn die Tour de France für Heinz Spörr jetzt nicht mehr so interessant ist, glaubt er, dass Phonak-Profi Floyd Landis gute Chancen auf den Gesamtsieg hat.

 Und wie sieht die Zukunft von Jan Ullrich aus, wenn sich der Dopingvorwurf bestätigen sollte? „Dann kann er einpacken“, meinen Spörr und Feierband unisono. „Das ist sein Karriereende.“

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