Die letzten Gäste entkernen die „Kanne“

Erstellt: 31. Januar 2012, 00:30 Uhr
Die letzten Gäste entkernen die „Kanne“ Auftakt zum Abriss: Das Team der Knittlinger Firma Sandmeier hat damit begonnen, das Innenleben der „Kanne“ auszuräumen, wo der alte Ausschank an die besseren Zeiten der einstigen Traditionsgaststätte erinnert. Der Abbruch des Gebäudes erfordert anschließend besondere Sorgfalt, wie Jürgen Sandmeier vor Ort erklärt: Die Wände der „Kanne“ sind gleichzeitig die Wände der Nachbarhäuser.

Mühlacker. „Der Abbruch ist nicht einfach, es muss viel mit Handarbeit gemacht werden“, sagte Jörg Soulier vom Umwelt- und Tiefbauamt am Montagvormittag, nachdem er sich vor Ort ein Bild gemacht hatte. Wie berichtet, bleiben zwei Außenwände der „Kanne“ stehen. Sie sind unverzichtbar, weil sie gleichzeitig auch Außenwände der benachbarten Gebäude in der Hofstraße 21 (Wohnhaus) und 25 (ehemaliger „Eisen-Schuler“) sind.

Die Kosten für den Abriss der ehemaligen Gaststätte belaufen sich auf rund 75000 Euro, von denen das Land 60 Prozent übernimmt; den Rest hat die Stadt aus ihrer Kasse aufzubringen. Vier Wochen veranschlagt Soulier für den Abriss des geschichtsträchtigen Hauses mitten in Alt-Mühlacker.

Allerdings wird nicht alles sofort dem Erdboden gleichgemacht. „Der Abbruch geht zunächst lediglich bis Fußbodenhöhe. Die Keller bleiben erst mal erhalten“, kündigt der stellvertretende Tiefbauamtschef an. Grund: Würden auch die Keller gleich beseitigt, entstünden für zu lange Zeit große Baugruben, die aufgefüllt werden müssten. Deshalb sollen die Keller erst relativ kurz vor der geplanten Neubebauung weichen. Am „Kanne“-Standort zum Bischof-Wurm-Platz hin plant die Firma FWD ein Ärztehaus, und im rückwärtigen Bereich des „Kanne“- und „Eisen-Schuler“-Areals möchte derselbe Investor betreute Altenwohnungen bauen.

Gestern Morgen hat Jürgen Sandmeier vom gleichnamigen Knittlinger Abbruchunternehmen mit einem rund fünfköpfigen Team die Weichen für den Abriss gestellt und damit begonnen, die alte Gaststätte auszuräumen. Die eigentliche „Entkernung“ des Gebäudes laufe noch in dieser Woche an, sagte Sandmeier unserer Zeitung. Danach wird das Dach abgedeckt und die „Kanne“ von den Nachbarhäusern getrennt. Der eigentliche Abbruch erfolge etagenweise und starte vielleicht Ende nächster Woche, meint Sandmeier.

Gerade wegen der besonderen Konstellation mit den Außenwänden sei ein gründliches Vorgehen geboten. „Wir müssen uns scheibchenweise voranarbeiten, prüfen, wie sich die Verhältnisse darstellen und sorgfältig Stück für Stück freilegen.“ Ob die geschätzten vier Wochen für die Arbeiten ausreichen, hängt von der Witterung ab. Die angrenzenden Gebäude müssten mit einer Diamantsäge freigesägt werden. Weil dazu Wasser benötigt werde, sei seine Mannschaft darauf angewiesen, dass Plusgrade herrschten, da ansonsten das Sägewasser gefriere.

Vor unlösbare Schwierigkeiten stellt das Dürrmenzer Vorhaben die Firma Sandmeier jedoch nicht. „Früher wurde überall viel zusammengebaut. Die ,Kanne‘ ist ein normales Innenstadtgebäude“, stellt der erfahrene Abbruchspezialist fest, der seit 15 Jahren selbstständig ist und zuvor als Mitarbeiter eines Stuttgarter Abbruchunternehmens einschlägige Erfahrungen sammelte. Direkt bei der „Kanne“ steht auch das niedrigere Schlachthaus der Metzgerei Jurende. „Doch das Schlachthaus hat eine eigene Wand“, so Jörg Soulier, der die Verhältnisse durch Vermessungen kennt und nicht glaubt, dass sich dadurch Erschwernisse ergeben.

Die „Kanne“ wurde im Jahr 1700 erstmals urkundlich erwähnt, ist aber deutlich älter. Das ursprüngliche Haus stammt angeblich aus dem 15. Jahrhundert und soll eine zu den Besitztürmern des Klosters Maulbronn gehörende Brauerei beherbergt haben. 1922 kaufte Wilhelm Schneider das Objekt und baute zwei Jahre später den bekannten „Kanne“-Saal für gesellschaftliche Veranstaltungen.

Ob Jahrgangsfeiern oder Tanzabende: Die „Kanne“ war über viele Jahre „das“ Lokal in Dürrmenz. Von 1985 an war darin gut 20 Jahre lang bis 2006 die Kleinkunstbühne „theater in der kanne“ eingerichtet, die sich weit über die Grenzen der Stadt hinaus einen Namen machte. Auf den Brettern dieser Bühne traten etliche Künstler, Kabarettisten und Gruppen auf, deren Karriere damals noch in den Anfängen steckte und die mittlerweile längst TV-bekannt sind: Sissi Perlinger, Lisa Fitz, Eisi Gulp, Uli Keuler, Christoph Sonntag und „Die kleine Tierschau“.

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