Die erste Frau bei de Fuaßbäller

Erstellt: 8. Oktober 2012, 23:30 Uhr
Die erste Frau bei de Fuaßbäller Ihr herzhaftes Lachen ist das Markenzeichen von Klara Weber, die stolz ein paar Geschenke ihrer Sportfreunde zeigt: einen Pokal mit Inschrift „Für unseren treuen Fan Klara“ und einen Bierkrug mit einem lustigen Mannschaftsfoto. Fotos: Eigner

Sie verpasst kein Fußballspiel der Sportfreunde Mühlacker. Auf dem Vereinsgelände im Letten hat die Ehrenvorsitzende sogar ihre eigene „VIP-Loge“ am Spielfeldrand. Klar, dass die Sportfreunde ihre Klara Weber heute hochleben lassen. Schließlich feiert sie an diesem Dienstag ihren 90. Geburtstag.

Von Steffen-Michael Eigner

Mühlacker. Bei dieser Geburtstagsfeier braucht es keinen Butler James, der nicht vorhandene Gratulanten mimt und zwischendrin das Essen serviert. Wenn Klara Weber ihren 90. feiert, ist das kein „Dinner for one“, sondern eine „Party für alle“. Ein Feuerwerk soll es heute sogar zu ihren Ehren am Sportfreunde-Clubheim geben. Auf diese Feier freut sich Klara Weber schon seit Wochen. Nirgends fühlt sie sich wohler als im Kreise ihrer Sportfreunde. „Wenn es früher schon Frauenfußball gegeben hätte, ich hätte bestimmt gespielt“, verrät die heute 90-Jährige dem Mühlacker Tagblatt. Stattdessen spielte sie damals Feldhandball. Dabei war ihr bereits vor 25 Jahren verstorbener Ehemann Otto „schuld, dass ich mich heute für Fußball interessiere.“

Otto Weber, den sie 1946 geheiratet hatte, war Vorstandsmitglied bei den Sportfreunden Mühlacker, und als eines Tages händeringend ein neuer Kassier gesucht wurde, sprang Klara ein. Dass sie die einzige Frau „bei de Fuaßbäller“ war, wurde ihr zunächst gar nicht bewusst. „Ich musste jährlich die Mitgliederliste zum Fußballverband nach Stuttgart melden. Und als ich eines Tages die Else vom Gasthaus Adler stolz als ,erstes weibliches Wesen‘ im Verein gemeldet hab’, kam aus Stuttgart ein Brief zurück, ob ich denn kein weibliches Wesen sei“, erzählt sie und lacht herzhaft. Dieses herzhafte Lachen ist gewissermaßen Klara Webers Markenzeichen – ebenso wie kleine selbstironische Scherze mit deutlich schwäbischem Zungenschlag.

Als Klara Seemüller kam sie am 9. Oktober 1922 zur Welt und wuchs in Lomersheim auf. Nach sieben Jahren Schulzeit arbeitete sie bei der örtlichen Weberei Wendler, spulte dort Kettfäden auf und brachte es schließlich bis zur Betriebsratsvorsitzenden. „Als die Weberei zugemacht hat, war ich die Letzte, die den Betrieb verlassen hat“, blickt sie zurück.

Doch mit wehmütigen Rückblicken hält sich Klara Weber nicht lange auf, sie hat Spaß am Leben. Schon fällt ihr der nächste Schwank ein. Einmal sei sie mit den Fußballern in die Mühlacker Discothek Shamanna gegangen. „Da war ich schon älter und verheiratet“, erzählt sie und schätzt, sie müsse da wohl schon über 60 gewesen sein. „Der Barkeeper hat mich vielleicht verdutzt angeguckt“, sagt sie. Erneut dieses schelmische Grinsen. Die Frage des Barkeepers, ob Sie einen Kaffee oder Tee wolle, konterte Klara Weber typisch: „Awa! Ich trink’ Wodka Orange!“ Den Drink genoss sie dann tatsächlich.

„Mich reut, dass ich nie ein Tagebuch geschrieben habe“, verrät sie. „Dann könnte ich heute noch viel mehr so Geschichten erzählen.“

In welchem Jahr genau sie erstmals zum Kassier gewählt wurde, weiß sie nicht mehr. Aber bis vor zwei Jahren hatte Klara Weber stets ein Vorstandsamt bei den Sportfreunden Mühlacker inne, war zuletzt Zweite Vorsitzende. Und als vor Kurzem Einbrecher das Clubheim heimsuchten, auf der Suche nach Barem Türen und Fenster demolierten, spendete Klara Weber spontan Geld für die Reparaturen. „Obwohl es manche mehr könnten als ich, aber das ist mir dann egal“, sagt die zweifache Mutter und vierfache Großmutter fast trotzig. Zurzeit freut sie sich außerdem auf die Geburt des zweiten Urenkels.

Schon 1974 wurde Klara Weber zum Ehrenmitglied der Sportfreunde ernannt, erhielt 1995 die silberne Ehrennadel des Badischen Fußballverbandes, dem der Verein inzwischen angehört. Stolz zeigt sie die Urkunden, die sie in ihrer Wohnung aufgehängt hat: natürlich die Urkunde zur Verleihung der Landes-Ehrennadel 2002, unterzeichnet vom damaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel, eine Dankesurkunde der Stadt Mühlacker von 2006, die Ehrenurkunde für 25 Jahre Teilnahme an der Seniorengymnastik der Sportfreunde Mühlacker („Bei Sabine Lindauer – da gehe ich immer noch jede Woche hin.“) und andere.

Auch bei den Fußballspielen der Sportfreunde fehlt Klara Weber nie. Die Mannschaft bestreitet kein Heimspiel und fährt zu keinem Auswärtsspiel, ohne vorher ihren Edel-Fan zu Hause abzuholen. „Als wir letzte Saison bei Hellas Mühlacker gespielt haben, haben die mir einen Stuhl gebracht. Dabei hätte ich doch stehen können“, erzählt sie. Bei Heimspielen hat Klara Weber ihren Stammplatz seit vielen Jahren hinter der Torauslinie bei der Eckfahne. „Dort ist eine einbetonierte Platte, auf der ,Klara‘ steht.“ Mittlerweile steht an ihrem Stammplatz aber noch mehr.

Vor zwei Jahren überraschten die Vereinskameraden ihre Klara mit einem besonderen Geschenk. „Da steht ja ein Häusle“, entfuhr es ihr damals, als man sie auf den Sportplatz führte. In dem kleinen Holzhäusle, ihrer persönlichen VIP-Loge, sitzt sie seither bei Heimspielen. Am Vereinsheim zwischen den anderen Zuschauern mag sie während der Spiele ohnehin nicht bleiben: „Das Geschwätz anderer Fans brauche ich nicht. Ich will mir beim Spiel selber Gedanken machen und auch mal den Schiedsrichter schelten.“

Nach den Spielen aber genießt sie gerne das Beisammensein mit den anderen und bedauert, dass heutzutage die meisten Spieler das Vereinsheim bald nach dem Schlusspfiff verlassen. „Früher war da mehr Zusammenhalt. Die Mannschaft ist nach Spielen länger dageblieben und hat Lieder gesungen“, erinnert sie sich und schmettert aus voller Brust los: „Haben wir ein Spiel verloren, ist es gar nicht schlimm. Müssen wir noch mehr trainieren, dass wir ’s nächst’ Mal gwinn’.“ Wieder lässt sie ihr herzhaftes Lachen hören.

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