Der Wengerter in der Winzerstraße

Erstellt: 31. August 2010, 00:00 Uhr
Der Wengerter in der Winzerstraße Bietet Diskussionsstoff: die Winzerstraße im Vaihinger Stadtteil Gündelbach. Foto: Disselhoff

Ein kleiner sprachlicher Exkurs durch die schwäbischen und badischen Weinberge
 

Von Thomas Eier

Mühlacker/Vaihingen. Die Winzer in der Region rüsten sich für den Endspurt vor der Lese – und die Aussichten sind, falls noch einige sonnige Tage und Regen in Maßen folgen, durchaus gut.

 Doch Vorsicht: Was heißt hier Winzer? „Wir sind Wengerter“, stellt der Mühlhäuser Stadtrat und Hobby-Wengerter Wolfgang Schreiber fest, der davon überzeugt ist, dass sich keiner im Ort spontan als Winzer bezeichnen würde.

 Ganz ähnlich sieht es ein Bürger aus der Nachbarstadt Vaihingen, der sich in diesen Tagen mächtig über die „Winzerstraße“ in Gündelbach echauffiert hat, die bis zur Eingemeindung noch Kelterstraße hieß. „Saudumm“ sei es geradezu, aus den typisch schwäbischen Steillagen-Wengertern „Allerweltswinzer“ zu machen.

 Eine Winzerstraße gibt es nicht nur in Gündelbach, sondern auch in Ellmendingen – während im Enzkreis ausgerechnet die Gemeinde Friolzheim, die in der jüngeren Geschichte weniger als Weinbau-Hochburg aufgefallen ist, eine schwäbisch korrekte „Wengertstraße“ hat. In Mühlacker dagegen sind bislang weder die Winzer noch die Wengerter im Straßennetz vertreten, dafür aber gibt es immerhin den neutralen „Weinbergweg“ in Enzberg, und das in Mittlerer und Unterer Ausführung.

 In ganz Württemberg, weiß der Keltermeister der Weingärtnergenossenschaft Roßwag-Mühlhausen, Jürgen Essig, sticht aus vielen Weingärtnergenossenschaften nur eine einzige Winzergenossenschaft heraus, in Löwenstein im Landkreis Heilbronn. Andererseits sind die Kollegen Weingärtner in Cleebronn im Internet unter der Adresse cleebronner-winzer.de zu finden. Ein Zeichen dafür, dass die vermeintlich strikten Trennlinien sich langsam aufheben? „Wer weiß, ob das in 15 Jahren noch ein Thema ist“, mutmaßt Jürgen Essig, der die Frage rein privat betrachtet ohnehin nicht für ein Politikum hält: „Was hört sich besser an: Die Winzerstraße oder die Weingärtnerstraße?“

 Außerdem: Wer sein Handwerk mit Ausbildung betreibt, ist ein gelernter Winzer. Andererseits sind die Weingärtner stark verwurzelt in Württemberg, beziehe sich der Name doch auf die alte Art des Weinanbaus, der noch in der Ebene auf von Mauern umgebenen Flächen stattfand, den Weingärten eben. Erst als die Bevölkerung wuchs und die Flächen für den Ackerbau gebraucht wurden, zog der Weinbau um an die Hänge, wo die Steillagen wie im Enztal ihre Vorzüge boten. „Zum einen ist hier die Sonneneinstrahlung stärker, zum anderen speichern die Trockenmauern die Wärme“, erläutert Jürgen Essig.

 Was von der früheren Tradition blieb, ist der Begriff des Weingärtners oder Wengerters – und der Ortsname Weingarten, wobei in der gleichnamigen Gemeinde im Landkreis Karlsruhe die „Winzergenossenschaft Weingarten“ den Brückenschlag zwischen Baden und Württemberg schafft. Wobei, wie Keltermeister Essig schmunzelnd anmerkt, eine „Weingärtnergenossenschaft Weingarten“ auch des Guten zu viel wäre.

 Im Mühlhäuser Enztal gibt es weder eine Winzergasse noch einen Wengerterweg, dafür aber, wie Wolfgang Schreiber erinnert, einen Rebenweg – und einen Trollingerweg. Weinbautechnisch prägnant und bundesweit verständlich.

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