Der Lugwald als das kleinere Übel?

Erstellt: 14. August 2009, 00:00 Uhr
Der Lugwald als das kleinere Übel? Zwischenstopp: Im strömenden Regen haben gestern Abend rund 20 Teilnehmer eines Ortstermins das künftige Gewerbegebiet Lug/Osttangente besucht und dabei die Pläne studiert. Gastgeber der kritischen Runde waren Thomas Köberle vom BUND (vorne links) und Hermann Gommel als Vertreter des Landesnaturschutzverbands. Foto: Eier

Naturschützer und ihre Gäste diskutieren über das künftige Gewerbegebiet zwischen Osttangente und Krankenhaus.

Vertreter von Naturschutzverbänden und interessierte Gäste aus der Bevölkerung haben am Donnerstagabend das Gelände des neuen Gewerbegebiets Lug/Osttangente besucht.

Von Thomas Eier

Mühlacker. Die Kritiker der neuen Gewerbeflächen waren weitgehend unter sich, und dennoch gab es lebhafte Diskussionen. Zum Beispiel darüber, ob nicht eine Erweiterung im Lugwald das kleinere Übel wäre, als die Wiesen und Felder westlich der Osttangente zu opfern. Für einen überzeugten Naturschützer allerdings ist das eine Wahl zwischen Pest und Cholera.

 „Es ist ein Spagat“, sagte am Rande des Ortstermins Thomas Köberle vom BUND und meinte die Anhörung der so genannten „Träger öffentlicher Belange“, zu denen neben der Landwirtschaft und der Forstwirtschaft auch die Naturschutzverbände gehören. Regelmäßig prallen, wenn es um die Frage neuer Bauflächen geht, die unterschiedlichen Positionen aufeinander – mal mehr, mal weniger heftig. „Die Städte und Gemeinden wollen für sich das Maximale, und der Naturschutz will ihnen nur das Minimum zugestehen.“

 Auch im Fall des etwa sechs Hektar großen Gewerbegebiets, das sich von der Osttangente aus bis auf 400 Meter an das Krankenhaus heranschieben wird, ist den Naturschützern nicht wohl. „Es ist wegen seiner vielfältigen Nutzung mit Gärten, Obstwiesen, Feldern und Wiesen durchaus ein sensibles Gebiet“, macht Köberle klar. „Auch wenn es noch Schlimmeres gibt.“

 Gemeint ist der Sprung der Waldäcker über die B10. Doch während dieser Schritt im Gemeinderat umstritten ist und bislang keine Mehrheit gefunden hat, gilt das Gebiet Lug/Osttangente in der Kommunalpolitik als kleinster gemeinsamer Nenner, wenn es um neue Bauplätze für Betriebe geht. „Hören Sie nicht nur auf den Gemeinderat“, appellierte deshalb Hermann Gommel vom Landesnaturschutzverband.

 Einstimmig hatte der Gemeinderat das Gebiet auf den Weg gebracht, und Stadträtin Brigitte Dingler musste bei der Ortsbesichtigung begründen, warum selbst ihre LMU-Fraktion keinen Einspruch erhoben hatte: „Der politische Druck war groß, man kann nicht alles ablehnen. Es ging darum, eine kleine Kröte zu schlucken, um eine weitaus größere zu verhindern.“ Den Sprung der Waldäcker über die B10.

 „Es ist ein zweischneidiges Schwert“, bestätigte Hermann Gommel als ehemaliger Stadtrat den Zwiespalt des Kommunalpolitikers zwischen der Stadtentwicklung und dem Erhalt der Naherholungsgebiete. Als Sprecher des Landesnaturschutzverbandes allerdings ist seine Position eindeutig: „Wir als Naturschutzverbände sind der Anwalt der Natur und wollen das Bewusstsein dafür schärfen: Jeder Quadratmeter Fläche, der verbaut wird, ist ein Verlust.“

 Als Kommunalpolitiker habe er vor Jahren für die Ausweisung der Waldäcker gestimmt, räumt Gommel ein. Doch eine weitere Ausdehnung in die freie Landschaft sieht der Lomersheimer, der bis 2004 fast 30 Jahre lang als Stadtrat mitentschied, überaus kritisch, plädiert stattdessen dafür, Brachflächen in den bestehenden Industriegebieten neu zu überplanen. „Irgendwann muss man einsehen: Es ist Schluss.“ Als ein Negativbeispiel für den Flächenfraß sieht er die Nachbarstadt Vaihingen an, wo in Ensingen-Süd riesige Grundstücke von Speditionen mit nur wenigen Beschäftigten belegt würden.

 Und was ist mit Knittlingen?, warf da einer der Teilnehmer ein. „Eine Katastrophe“, kritisierte Thomas Köberle, „die gehen voll in die Streuobstwiesen rein.“ Im Vergleich mit anderen Kommunen sei Mühlacker noch zurückhaltend bei der Flächenausweisung, gestand Köberle ein, der die Einsicht bei vielen Lokalpolitikern vermisste: „Andere sind voll durchgeknallt.“

 Geschützte Tierarten oder eine außergewöhnliche Pflanzenwelt gibt es im Gebiet Lug/Osttangente nicht, aber dennoch hatten die etwas mehr als 20 Teilnehmer des Ortstermins, darunter der Grünen-Bundestagskandidat Memet Kilic, ihre Probleme mit den Plänen. Welche Betriebe sollen hier zugelassen werden? Und gibt es überhaupt Bedarf für neue Gewerbeflächen? „Es gibt keine Anfragen und keinen aktuellen Bedarf. Es geht um eine reine Vorratshaltung“, behauptete darauf Thomas Köberle.

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