Behr-Mitarbeiter können aufatmen

Erstellt: 28. Februar 2008, 00:00 Uhr
Behr-Mitarbeiter können aufatmen Produktion bei Behr in Mühlacker: Die Arbeitsplätze werden nicht nach Tschechien verlagert. Foto: Behr GmbH & Co KG

Standortvereinbarung sichert 2300 Arbeitsplätze – Unternehmen investiert 13 Millionen Euro

Mühlacker – Die 2300 Behr-Mitarbeiter in Mühlacker, Vaihingen und Pforzheim können aufatmen: Ihre Arbeitsplätze sind bis mindestens 2013 gesichert. Der Automobilzulieferer investiert 13 Millionen Euro in die Werke und verlagert die Produktion nicht – wie befürchtet – nach Tschechien.

VON FRANK GOERTZ

Nach viermonatigen harten Verhandlungen haben jetzt die Geschäftsführung, IG Metall und der Betriebsrat eine Vereinbarung zur Standortsicherung unterzeichnet. Durch den Ergänzungstarifvertrag müssen auch die Arbeitnehmer Opfer bringen.
 „Die Region Mühlacker hat im Vergleich zu unseren tschechischen Standorten einen deutlichen Kostennachteil. Um diesen zumindest teilweise ausgleichen und damit den möglichen Ausbau wirtschaftlich verantworten zu können, benötigten wir eine Senkung der Arbeitskosten und mehr Flexibilität. Die gemeinsam erreichte Kostensenkung ist das Minimum, damit wir die geplanten Investitionen betriebswirtschaftlich verantworten können“, erklärte gestern Jürgen Holeska, Mitglied der Geschäftsleitung von Behr Deutschland.

600 Arbeitsplätze wären weg gewesen

„Wir haben am Dienstagabend den endgültigen Durchbruch geschafft“, freut sich Martin Kunzmann, Erster Bevollmächtigter der IG Metall. Er glaubt: „Das Ergebnis ist für beide Seiten in Ordnung.“

 Die Geschäftsleitung hatte gefordert, dass die Beschäftigten durch Zugeständnisse die finanzielle Last der Millionen-Investitionen übernehmen. Wie viel am Ende davon übrig geblieben ist, verrät Kunzmann nicht: „Wir haben vereinbart, nicht über Geld zu reden.“
 Wobei es schwierig sein dürfte, den Beitrag der Arbeitnehmer exakt zu beziffern, denn der Vertrag koppelt beispielsweise die Höhe des Weihnachtsgeldes an den Erfolg des Unternehmens. Die Mitarbeiter bekommen mindestens 23 Prozent des ihnen zustehenden Weihnachtsgeldes und maximal 150 Prozent, wenn die Geschäfte gut laufen. „Dadurch partizipieren die Mitarbeiter am Erfolg des Unternehmens und nicht nur am Misserfolg“, sind Betriebsratsvorsitzender Dieter Kiesling und sein Stellvertreter, Heinz Rau, zufrieden. Wie wichtig die Standortvereinbarung ist, haben die Arbeitnehmer-Vertreter gestern im Rahmen eines Pressegesprächs deutlich gemacht. „Der Standort Pforzheim mit 300 Mitarbeitern stand massiv auf der Kippe, weil hier Produkte auslaufen. Auch in Mühlacker hätten ohne Standortvereinbarung beziehungsweise ohne die Investitionen 300 Menschen ihren Arbeitsplatz verloren.“ Jetzt hingegen sei es sogar möglich, dass mehrere hundert Arbeitsplätze in der Region geschaffen statt vernichtet werden. Außerdem würden alle 50 Auszubildenden in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis übernommen. Betriebsbedingte Kündigungen wird es bis zum 30. Juni 2012 definitiv nicht geben, danach nur unter erschwerten Bedingungen.

 Außerdem haben Geschäftsführung und Betriebsrat vereinbart, dass maximal 150 Mitarbeiter einen befristeten Arbeitsvertrag haben. „Zurzeit sind 180 Mitarbeiter befristet beschäftigt“, sagt Dieter Kiesling . Wenn die Standortvereinbarung am 1. März in Kraft tritt, müssten also mindestens 30 befristete Arbeitsverhältnis in unbefristete umgewandelt werden. Außerdem schließe die Vereinbarung Leiharbeit bei Behr aus. „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit – was anderes machen wir nicht mit“, betont Kunzmann, dass das Thema Lohndumping durch Leiharbeiter für die Gewerkschaft auch eine Grundsatzfrage ist.

„Wir standen einige Male vor dem Scheitern“

„Die Verhandlungen waren schwierig, und wir standen einige Male vor dem Scheitern“, blickt Martin Kunzmann auf die vergangenen vier Monate zurück. Schuld daran waren seiner Ansicht nach die überzogenen Forderungen der Geschäftsführung. Sie hätten beispielsweise fünf Stunden unbezahlte Arbeitszeit pro Woche oder Zugeständnisse bei Urlaubs- und Weihnachtsgeld gefordert. Außerdem sollten die Behr-Mitarbeiter an 25 Samstagen arbeiten – ohne Mehrarbeitszuschlag.

 Jetzt sieht der Ergänzungstarifvertrag ein flexibles Arbeitszeitkonto von 70 Stunden vor, um Auftragsschwankungen abzufangen. Für diese 70 Stunden, darin sind fünf Pflicht-Samstage enthalten, gibt es keine Zuschläge. Bei den übertariflichen Zulagen haben die Arbeitnehmer ebenfalls Zugeständnisse gemacht. Im Gegenzug dazu erhalten Gewerkschaftsmitglieder 100 Euro für ihre Altersvorsorge, und falls der Unternehmensgewinn vor Steuern um 3,5 Prozent steigt sind weitere 100 Euro – diesmal für alle Mitarbeiter – für die betriebliche Altersvorsorge fällig. Sollte der Gewinn um vier Prozent oder mehr steigen, werden die Mitarbeiter durch ein erhöhtes Weihnachtsgeld belohnt. „Wir haben mit der Standortvereinbarung etwas Historisches erreicht. Denn die Arbeitsplätze waren schon fast weg nach Tschechien“, atmete gestern IG Metaller Martin Kunzmann noch einmal erleichtert auf.

Weiterlesen
Spitzensport in Illingen bleibt unbemerkt

Spitzensport in Illingen bleibt unbemerkt

Illingen. Immer wieder schepperten die Degen der Teilnehmer mit ihrem metallenen Klang aneinander. Der SV Illingen hatte zehn Fechtbahnen in der Stromberghalle aufgebaut, auf denen sich die Sportler aus Württemberg… »