Behinderte haben weiter das Nachsehen

Erstellt: 30. August 2006, 00:00 Uhr
Behinderte haben weiter das Nachsehen Hürde für Rollstuhlfahrer: Treppen führen im Mühlacker Bahnhof von der Unterführung zu den Gleisen. Foto: Sadler

Zugang zu Gleisen am Mühlacker Bahnhof bleibt vorerst ein Problem – Derzeit entsteht Bäckerei mit Café.

Mühlacker – Die Deutsche Bahn (DB) möchte Schritt für Schritt ihre Bahnhöfe behindertengerecht umbauen. Auch in Mühlacker. Wann und wie, stehe noch nicht fest, teilte eine Sprecherin der DB gestern auf MT-Anfrage mit. Gewerkelt wird indes schon zurzeit: Am Standort der früheren Bahnhofsgaststätte entsteht ein Bäckerei-Café.

VON THOMAS SADLER

Rollstuhlfahrer, die an Gleis eins in Richtung Stuttgart fahren, haben Glück: Sie können durch Haupteingang und Halle stufenlos und damit ohne Hindernisse ihren Bahnsteig erreichen. Hart trifft es hingegen Behinderte, die an anderen Gleisen auf ihren Zug warten oder aussteigen. Ihrem Ziel stehen steile Treppen im Wege. Ein Zustand beziehungsweise Missstand, der seit Jahren seiner Beseitigung harrt.

 „Wir haben in Baden-Württemberg eine Vielzahl von Bahnhöfen, die behindertengerecht ausgebaut werden müssen“, weiß Bahnsprecherin Birgit Januschke. Deshalb gelte es, eine Prioritätenliste zu erstellen und diese sukzessive „abzuarbeiten“. Außerdem müsse in jedem Fall untersucht werden, ob Rollstuhlfahrern das Leben an Bahnhöfen mit Rampen oder durch Aufzüge erleichtert werden könne. Zu Kosten und möglichen Terminen könne sie nichts sagen, so die Sprecherin. Die zuständigen Fachleute bei der DB seien derzeit im Urlaub. Immerhin droht der Bahnhof der Großen Kreisstadt nicht in Vergessenheit zu geraten: „Man hat Mühlacker im Blick“, versichert Birgit Januschke, die darauf hinweist, dass neue Haltepunkte wie der im Rößlesweg von vornherein behindertengerecht gestaltet würden.

 Matthias Lieb, Landesvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland (VCD), weiß Bescheid: „Es gibt 19 Bahnhöfe in Baden-Württemberg, in denen Fernzüge halten und für die eine Prioritätenliste erstellt werden soll.“ Dazu gehörten auch die Hauptstationen Mühlacker und Pforzheim.

 Zwei Umstände seien schuld daran, dass Rollstuhlfahrer in Mühlacker das Nachsehen haben. Zum einen seien die Bahnsteige so niedrig, dass die Gehunfähigen nicht barrierefrei in den Zug einsteigen können, und zum anderen bildeten die von der Unterführung zu den Bahnsteigen führenden Treppen gravierende Hindernisse.

 Lieb schlägt vor, die Stufen durch Rampen zu ersetzen. Und zwar durch Rampen, die steiler sind, als sie in Deutschland sein müssten, um als behindertengerecht durchgehen zu können. Vorteil dabei: Dadurch würde weniger Platz benötigt und Geld gespart. Denn die Finanzierung sei ein immenses Problem, das noch nicht geklärt sei. Da vom klammen Land Baden-Württemberg keine Zuschüsse zu erwarten seien und die Bahn sich ebenfalls nicht gerade spendabel zeige, „muss man davon ausgehen, dass die Stadt auf jeden Fall etwas zahlen muss“, befürchtet Matthias Lieb.

 Im Übrigen favorisiere die DB seines Wissens nicht die Rampen-Variante, sondern plädiere für die Einrichtung von Aufzügen. Und von diesen bräuchte man in Mühlacker gleich drei. Die von ihm im Gegensatz dazu empfohlene Lösung habe schon mal zwei Vorteile: „Rampen brauchen keinen Strom und können nicht durch Vandalismus zerstört werden.“

 Wann der Missstand am Mühlacker Bahnhof beseitigt wird, entzieht sich derweil auch der Kenntnis von Oberbürgermeister Arno Schütterle. „Für uns ist die behindertengerechte Gestaltung ein wichtiges Thema“, betont er. Doch mit der Aufstellung der DB-Prioritätenliste sei erst nach der Landesfahrplankonferenz im Herbst 2006 zu rechnen, wenn feststehe, welche Strecke welche Bedeutung erhalte. Wohl erst „Ende des Jahres“ werde die Bahn Neues verlauten lassen.

 Während die hürdenfreie Umgestaltung des Mühlacker Bahnhofes also weiter auf sich warten lässt, wird im Innern dieser Tage kräftig gehämmert, geklopft und umgebaut. Grund: Dort, wo sich früher die Bahnhofsgaststätte befand – nachdem der Pächter 2005 gekündigt hatte, stand sie längere Zeit leer – , entsteht eine „Bäckerei mit Sitzcafé“ der Wiener Feinbäckerei Heberer, die in mehreren alten und neuen Bundesländern und in Holland „knapp 500 Filialen“ habe, wie Bauleiter Hans-Jürgen Chilla unserer Zeitung sagte. Circa 70 Quadratmeter soll die neue Einrichtung, die voraussichtlich Ende Oktober eröffnet werde, umfassen. Vorgesehen sei neben einer Verkaufstheke auch ein Sitzbereich mit ungefähr fünf Tischen.

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