Baubiologe warnt vor Mobilfunk-Risiken

Erstellt: 12. April 2010, 00:00 Uhr
Baubiologe warnt vor Mobilfunk-Risiken Aufklärung über die Gefahren eines bedenkenlosen Umgangs mit Mobilfunkstrahlen tut not. Darüber sind sich Andrea Wochele (IVUM), Neulingens Bürgermeister Michael Schmidt, Claudia Braun (IVUM) und Referent Jörn Gutbier (v. li.) einig. Foto: Manfred Schott

Großes Interesse an Informationsveranstaltung – Referent fordert eine starke Reduzierung der Grenzwerte

Von Manfred Schott

Neulingen/Enzkreis. Die gemeinsame Informationsveranstaltung über den Mobilfunk und seine Risiken des Vereins IVUM Enzkreis-Neulingen und der Gemeinde Neulingen stieß auf eine große Resonanz in der Region. Referent war der Architekt und Baubiologe Jörn Gutbier, der Stadtrat in Herrenberg ist. Gutbier ist ein Kenner der vielfältigen Studien rund um das Thema Mobilfunk. Er ist auch Sprecher des Arbeitskreises Elektrosmog im BUND Regionalverband Stuttgart und Mitbegründer verschiedener bundesweiter Initiativen.

 Wie die IVUM-Vorsitzende Claudia Braun feststellte, folgten in der Büchighalle rund 150 Zuhörer aus 20 Orten des Enzkreises und darüber hinaus mit großem Interesse seinen Ausführungen. Eingeladen waren auch vier Bundestags- und drei Landtagsabgeordnete. „Das sind diejenigen, die uns zum Teil helfen könnten, andere Rahmenbedingungen zu schaffen“, sagte Bürgermeister Michael Schmidt. Dass kein Parlamentsmitglied gekommen war, bedauerte er. Und IVUM-Vorsitzende Braun fügte hinzu: „Weder Staat noch Mobilfunkindustrie scheinen Interesse daran zu haben, verbindlich und verantwortungsvoll mit diesen Themen umzugehen.“

 Und genau bei der Haltung von Politik und Behörden zu den Grenzwerten im Mobilfunkbereich setzte Jörn Gutbier in seinem zweieinhalbstündigen Vortrag mit dem Titel „Gesundheitsschäden durch Mobilfunk – Eine Erfindung der Bürgerinitiativen?“ an. „Sicherlich ist es das nicht“, betonte Gutbier und wies auf das Deutsche Medizinische Wochenblatt vom August 1932 hin. Bereits damals erschien dort der Bericht „Mikrowellensyndrom der Funkfrequenzkrankheit“ über gegebene Gesundheitsgefahren.

 Gutbier beklagt, dass die Mobilfunkindustrie und die amtlichen Regierungsstellen ausschließlich auf dem Standpunkt stünden, dass die Grenzwerte ausreichend vor gesundheitlichen Gefahren schützten und es keine wissenschaftlichen Nachweise für solche Gefahren gebe. Dabei berufe man sich auf unabhängige internationale Expertengremien und die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO).
 Dies stimme so nicht. Der amtliche Grenzwert in Deutschland liege für UMTS-Einrichtungen bei 10000000 Mikrowatt, erläutert Gutbier. Dabei würden 0,0005 Mikrowatt nach Angaben eines Mobilfunkanbieters ausreichen, um die Funktion von Handys zu gewährleisten. Andere Länder seien vorsichtiger. So habe die Schweiz einen Vorsorgewert (innen) mit 45000 Mikrowatt, die ehemalige Sowjetunion (GUS) einen Grenzwert von 20000 Mikrowatt. Ein französisches Pilotprojekt gehe sogar von nur 1000 Mikrowatt aus. Bei der Expertengruppe, welche die Richtlinien zu Nichtionisierender-Strahlung ausgearbeitet hat, handele es sich um eine private Organisation mit Sitz in München, so Gutbier. Sie bestehe derzeit aus 13 Ingenieuren und Physikern, berufe sich selbst und sei keiner Kontrolle unterworfen.

 Professor Neil Cherry von der Neuseeländischen Lincoln University habe schon im Jahr 2000 Kritik an der Einschätzung der Auswirkungen auf die Gesundheit dieser Richtlinien geübt und deren Feststellungen als selektiv, irreführend, unangemessen und fehlerhaft bezeichnet. Nach traditionell wissenschaftlicher Bewertung seien gepulste Wellen erbgutverändernd, krebserregend und führten zu Fehlbildungen. Gutbier zitierte auch Professor Alexander Volger, RWTH Aachen, der 2001 gesagt habe: „Die Behauptung einer Schutzwirkung der Grenzwerte durch die Behörden ist als wissenschaftliche Falschinformation anzusehen. Dies entspricht rechtlich allen Merkmalen des Betrugs und schließt grob fahrlässige bis absichtliche Körperverletzung ein.“ Es sei daher kein Wunder, so Gutbier weiter, wenn ein Rückversicherer wegen der gesundheitlichen Risiken zu dem Ergebnis komme: „Mobilfunk ist nicht versicherbar.“
 Referent Gutbier führt auch Professor Karl Hecht aus Berlin an, der 878 russische Studien ausgewertet und dabei 15 subjektive Beschwerden (Erschöpfung, Leistungsminderung, Kopfschwindel, Schmerzen) und 17 objektive Beschwerden (EEG-, EKG – Veränderungen, Blutbildveränderungen, Infektanfälligkeit, Schlafstörungen) festgestellt hat.

 Den zweiten Teil seines Vortrages widmete Jörg Gutbier den Lösungsmöglichkeiten zur Verminderung der Strahlenbelastung. Grundvoraussetzung ist für ihn die markante Reduzierung der Grenzwerte. Rückbau der Funknetze (ein Netz für alle Anwendungen), die Verminderung der Grundlast durch Änderung des Organisationssignals und Entwicklung neuer Funktechnologien sieht er als technische Lösungen. Das „Mobilfunkvorsorgekonzept“ im Bereich der Flächennutzungs- und Bauleitplanung sieht er als kommunales Handlungsfeld.

 Dabei sollten Grundversorgung und Schutzstandards definiert sowie Positivstandorte für Sendeanlagen ausgewiesen und die übrigen Bereiche gegen den Bau von Antennenanlagen geschützt werden. Auch ein Ab- und Umbau von Altanlagen bei Vertragsende müsse erfolgen. Handyverbote für Kinder, in Büros und in öffentlichen Einrichtungen mahnt Gutbier als weitere Handlungsfelder an.

 Schließlich sollten auch zu Hause die „Dauerstrahler“ im Telefon- und PC-Funknetzbereich bis hin zu den Babyphonen kritisch beäugt und geändert werden.

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