Autoren prangern Filz-AG im Ländle an

Erstellt: 31. Dezember 2010, 00:00 Uhr
Autoren prangern Filz-AG im Ländle an Gedankenaustausch (v.li): MT-Redakteur Frank Goertz mit Rainer Nübel, Susanne Stiefel und Josef-Otto Freudenreich, den Autoren der Bücher „Die Taschenspieler – Verraten und verkauft in Deutschland“ und „Wir können alles – Filz, Korruption und Kumpanei im Musterländle“. Foto: Franz

Redaktionsbesuch: Die Journalisten Susanne Stiefel, Rainer Nübel und Josef-Otto Freudenreich über Korruption und Kumpanei

Filz, Korruption und Kumpanei im Musterländle nimmt die Autorengruppe um Josef-Otto Freudenreich regelmäßig ins Visier. Aus ihrem neuesten Buch „Die Taschenspieler – Verraten und verkauft in Deutschland“ haben Susanne Stiefel, Rainer Nübel und Josef-Otto Freudenreich gestern beim Altjahresempfang der Grünen gelesen.

Von Frank Goertz

Mühlacker. Vor dem Empfang bei den Grünen in Illingen (Bericht in der Ausgabe vom 3.Januar) haben die drei Journalisten beim Besuch in der MT-Redaktion Klartext geredet. „Filz und Korruption ist kein Problem ausschließlich von Baden-Württemberg“, stellt Wächterpreisträger Josef-Otto Freudenreich klar. „Die Wahrscheinlichkeit von Filz und Korruption nimmt überproportional zu, je länger die Protagonisten aus Politik und Wirtschaft an der Macht sind“, glaubt der ehemalige Chefreporter der Stuttgarter Zeitung.

 Dieser Mechanismus sei nicht nur in Baden-Württemberg zu beobachten, sondern auch im Ruhrgebiet, dem Stammland der SPD. Was das Musterländle aber auszeichne, sei das Sinnbild der Baden-Württemberg AG, bei der naturgemäß alle in einem Boot sitzen. Eine geschlossene Gesellschaft.

 Stern-Autor Rainer Nübel bringt – neben Politik und Wirtschaft – noch einen weiteren Protagonisten ins Spiel, der das System wasserdicht macht: die Justiz. Bei dem Straftatbestand der Korruption werde in unterschiedlichen Bundesländern unterschiedlich ermittelt. Beispiel: „Während in der Siemens-Affäre die Staatsanwaltschaft München kein Stein auf dem anderen lässt, ist die Staatsanwaltschaft Stuttgart nicht durch besonderen Ermittlungseifer in der Affäre um Selbstbedienung und Bestechlichkeit im Vertrieb des Daimler-Konzerns aufgefallen“, stellt Nübel fest. Wenn die Justiz Teil des Systems werde, sei es wahnsinnig schwierig, da reinzustechen.

 „Vielleicht macht sich der Berlusconi-Effekt breit“

 Anderseits: Warum geht die Öffentlichkeit so leger mit aufgedeckten Korruptionsskandalen um? Ein paar schwarze Kasse haben die wenigsten Politikkarrieren zum Einsturz gebracht. „Vielleicht macht sich der Berlusconi-Effekt breit“, mutmaßt Susanne Stiefel, die bis 2009 Chefreporterin bei Sonntag aktuell war. Der Bürger habe das Gefühl, er sei völlig machtlos. „Die Unzufriedenheit wächst, und irgendwann ist das da, was der Spiegel als ,Wutbürger‘ bezeichnet hat.“

 „Wir diskutieren untereinander sehr intensiv, ob die Debatte um Stuttgart 21 die Menschen auch jenseits von Kopf- oder Tiefbahnhof politisiert hat“, berichtet Rainer Nübel. Er stelle sich aber die Frage, ob der Protest ausschließlich politisch motiviert sei. „Bei Stuttgart 21 ist bei vielen Menschen etwas aufgebrochen, besonders nach dem Wasserwerfereinsatz im Schlossgarten“, glaubt Nübel, dass die Protestbewegung auch ein starkes emotionales Moment habe, das sogar die CDU-Festung erschüttert hat. Inzwischen hätten sich die Wogen etwas geglättet.

 „Stefan Mappus, der früher den Stuttgart 21-Gegnern den Fehdehandschuh hingeworfen hat, redet jetzt plötzlich nur noch von Transparenz und repräsentativer Demokratie“, merkt Josef-Otto Freudenreich mit bitterer Miene an.

 „Das sind doch nur Lippenbekenntnisse“, macht Nübel auf den jüngsten EnBW-Aktiendeal aufmerksam, den Mappus alter Männerfreund Dirk Notheis von Morgan Stanley abwickelt. Wobei laut Nübel die Kernfrage sich nicht um die Affinität zwischen Mappus und Notheis drehe, sondern darum, mit welcher Schnelligkeit Mappus drei Monate vor der Wahl hinter dem Rücken des Landtags das Geschäft in trockene Tücher gebracht hat. „Die Motivation von Stefan Mappus ist immer noch völlig unklar“, findet Nübel.

 Auch wenn die Halbwertszeiten von Skandalen immer geringer werden, befürchten die drei Journalisten die Langfristfolgen: „Die Entfremdung zwischen Politik und Bevölkerung verfestigt sich doch immer mehr.“ Susanne Stiefel glaubt allerdings nicht, dass der Polizeieinsatz im Schlossgarten im September 2010 so ohne Weiteres an der CDU bei der Wahl im März 2011 vorbeigehe. „Ich werde nie vergessen, wie mir eingefleischte CDU-Wähler gesagt, haben, dass sie diese Partei nie mehr wählen. Ihr Weltbild wurde in seinen Grundfesten erschüttert.“

Medien geraten bei Stuttgart 21 zwischen die Fronten

 Auch die Medien seien im Streit um Stuttgart 21 zwischen die Fronten geraten, stellen Stiefel, Nübel und Freudenreich unisono fest. „Es gab eine große Unzufriedenheit über die Berichterstattung“, reflektieren die Journalisten und sind plötzlich wieder beim Thema Filz. „Es gibt ein Schmiergeld namens Nähe“, weiß Freudenreich. „Ein guter Journalist braucht hingegen Distanz, um seine Aufgaben wahrnehmen zu können.“

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