Auf den Gipfel der Champions

Erstellt: 18. November 2006, 00:00 Uhr
Auf den Gipfel der Champions Serhat Akin geht derzeit für den RSC Anderlecht auf Torejagd. Foto: p

Der steile Aufstieg des Serhat Akin – Zur Reha geht’s nach Knittlingen:

Serhat Akin kann sich noch gut daran erinnern: „Als ich fünf war, habe ich in Oberderdingen auf dem Bolzplatz hinter dem Freibad gekickt oder daheim gegen das Garagentor geballert. Das hat die Nachbarn tierisch aufgeregt. War mir aber egal“, sagt der heute 25-jährige Profifußballer vom RSC Anderlecht. In seine Heimat kehrt er noch heute zurück – zu seinem Physiotherapeuten Carlo Keller nach Knittlingen.

VON DOMINIQUE JAHN

Fußballverrückt war Serhat Akin schon von klein auf. Aber vor gut 14 Jahren konnte man beim SV Oberderdingen noch nicht ahnen, welches großes Talent hier schlummerte. In der E-Jugend fing alles an. „Uwe hieß mein Trainer“, erinnert sich Akin, „den Nachnamen habe ich allerdings vergessen.“ Ein guter Trainer sei er gewesen – und mit Serhat vorne im Sturm auch sehr erfolgreich. Nie ging ein Spiel nur knapp 1:0 aus. Denn wenn Akin auf dem Platz stand, herrschte ordentlich Alarm im gegnerischen Strafraum.

 Sein damaliger Sportlehrer Wolfgang Müller von der Strombergschule wollte Akin eigentlich zur Leichtathletik überreden. Doch Akin, der in Bretten geboren wurde, entschied sich für den Mannschaftssport. Seinem Lehrer ist er aber heute trotzdem zu großem Dank verpflichtet, „denn die Leichtathletik hat mich im Fußball weitergebracht.“ Mit seiner Schnelligkeit und ungeheuren Sprungkraft lässt er heute so manchen Gegenspieler alt aussehen.

 Über Jöhlingen und Eppingen kam Akin dann zum KSC. Sportdirektor Guido Buchwald war auf den wieselflinken Stürmer aufmerksam geworden. Ab 1999 wirbelte er für ein Jahr unter Coach Ede Becker bei den Amateuren die Abwehrreihen durcheinander. Klar, dass der Türkische Fußballverband auf ihn aufmerksam wurde und Akin türkische Vereinen empfahl. Fenerbahce schnappte Tranzonspor und Besiktas schließlich den Jungen vor der Nase weg. Bei seinem „Traumverein“ unterschrieb der Linksfuß einen Zweijahresvertrag und gewann in seiner ersten Saison bereits die Meisterschaft. 2004 und 2005 kamen noch zwei weitere Titel hinzu.

 In rund 100 Spielen schoss der Angreifer mit der Nummer neun auf dem Rücken 42 Tore und ballerte sich in die Herzen der Fenerbahce-Fans. „Es war ein Traum für meinen Lieblingsklub im Stadion vor 60000 Zuschauern auflaufen zu dürfen. Da bekommst du einfach Gänsehaut, wenn du den Rasen betrittst und sie dir beim Torjubel alle um den Hals fallen wollen“, blickt Akin zurück. Doch er lernte in seiner „Heimat“ auch die Schattenseiten des Profifußballs kennen. „Wenn wir gegen Galatasary gespielt haben, herrschte Krieg auf den Straßen. Im Stadtderby ging es immer zur Sache. Und wenn du dann auch noch verloren hast, konntest du dich tagelang nicht auf die Straße trauen.“

 Schlechte Erfahrungen musste Akin auch im vergangenen Jahr mit der türkischen Nationalmannschaft machen, für die er im August 2002 beim 3:0-Erfolg über Georgien sein Debüt feierte. Akin war beim skandalösen WM-Qualifikationsspiel gegen die Schweiz dabei. „Schon im Hinspiel sind wir von den Schweizern provoziert worden“, berichtet der schmächtige Stürmer. Im Rückspiel hat er dann den dritten Elfer rausgeholt, gereicht hat es am Ende dann doch nicht. Doch während Alpay und Co. nach der Partie unangenehm auffielen, versuchte Akin zu schlichten. „Der Schiri war Belgier und da ich jetzt auch in Belgien spiele, habe ich versucht meine Landsleute aus der Schiedsrichterkabine zu drängen. Es herrschte nur noch Chaos“, so der türkische Kicker.

 Doch die Vorfälle sind Vergangenheit. So wie seine Zeit bei Fenerbahce, wo er nach fünf Jahren die Segel streichen musste. Denn Akin bekam Superstar Nicolas Anelka vor die Nase gesetzt und auf der Bank schmoren, das wollte er nicht. Also machte sich sein Berater Turgut Devekiran auf die Suche nach einem neuen Topklub. Etliche deutsche Bundesligisten waren dabei. Hertha, Hamburg, Schalke. Doch Akin entschied sich 2005 für einen Dreijahresvertrag beim RSC Anderlecht. Dort avancierte der Mann mit der Nummer 24 schnell zum Publikumsliebling, schoss in 27 Spielen zehn Treffer und wurde auf Anhieb belgischer Meister.

 In Belgien fühlt sich der Türke wohl. Mit seinem Bruder Serkan (19 Jahre/Verteidiger), der auch über den KSC zum RSC kam und dort nun in der B-Mannschaft spielt, wohnt er in Anderlecht zusammen. „Hier ist alles ruhiger“, sagt Akin, der kräftig am Französisch büffeln ist und auch schon paar Brocken Flämisch kann. Täglich um acht Uhr klingelt sein Wecker, um 10 Uhr ist Training, danach Massage, Friseur oder Einkaufen. Mittags ist nochmal Training und abends geht Akin mit Freunden ins Kino oder zieht seinen Bruder an der Playstation ab. „In der Türkei konntest du dich nicht frei bewegen, da waren die Fans zu fanatisch. In Belgien lassen sie dich in Ruhe“, so Akin.
 Wo seine Wurzeln liegen hat er nicht vergessen. Wenn es die Zeit erlaubt, düst er mal schnell die 500 Kilometer nach Oberderdingen zu seinen Eltern und Verwandten im Urbanweg. „Es ist immer wieder schön nach Hause zu kommen“, meint der Profifußballer. Erst kürzlich war er wieder zu Hause – gezwungenermaßen. Im letzten Spiel der vergangenen Runde riss sich Akin die Bauchmuskulatur und verletzte sich schwer an der Leiste. Bei einem Spezialisten in Warschau ließ er sich operieren, zur Reha kam er allerdings nach Knittlingen zu seinem Physiotherapeuten und besten Freund Carlo Keller. „Wir telefonieren täglich. Er hat mich damals beim KSC und als ich in Istanbul war, betreut, und auch diesmal wieder hinbekommen.“

 Im Champions-League-Spiel gegen den AC Milan saß Akin schon wieder auf der Bank und auch zum Länderspiel am vergangenen Mittwoch in Italien wurde er wieder eingeladen. Welche Ziele hat sich der türkische Nationalspieler noch gesetzt? „Spanien oder England würde mich reizen“, sagt Akin. „Aber irgendwann will ich wieder zurück nach Deutschland. Vielleicht nochmal in die Bundesliga spielen und dann hier auch für immer leben.“ Bis 33 will Akin die Kickstiefel schnüren und weiterhin mit den Ronaldinhos, Ballacks und Drogbas die Fußballwelt begeistern.

 Nach seinem Karriereende will er dann erst einmal ganz weit weg und abschalten. „Australien oder so“, meint er, „und dann natürlich eine Familie gründen.“ Geht’s irgendwann zurück nach Oberderdingen? „Mal sehen, warum nicht“, meint Akin. Wer weiß, vielleicht kicken seine Kinder ja in ein paar Jahren auf dem Bolzplatz hinter dem Oberderdinger Freibad oder im Urbanweg gegen das Garagentor.

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