Auch ein Triathlet braucht mal Feierabend

Erstellt: 30. August 2008, 00:00 Uhr
Auch ein Triathlet braucht mal Feierabend Erfrischung während des Rennens. Nach dem Ziel darf es auch mal ein Bier sein.

Sebastian Kienle tastet sich an den Ironman heran – Fokus auf den Sport, aber nicht um jeden Preis

Auf der olympischen Triathlondistanz hat Sebastian Kienle bereits reichlich Erfolge gesammelt. Seit diesem Jahr wagt sich der 24-Jährige aus Knittlingen auch an die Halbdistanz, den so genannten Half-Ironman. Langfristiges Ziel: nicht nur halb, sondern ganz eisern werden. Dafür dreht Kienle sogar sein Physik-Studium auf Sparflamme zurück.

VON STEFFEN-MICHAEL EIGNER

Mit Platz drei beim Half-Ironman in Rapperswil hat Sebastian Kienle im Juni ein Traumdebüt auf der Halbdistanz hingelegt. Kommende Woche geht es zum zweiten Auftritt in der „70.3-Serie“ nach Monaco. „70.3 steht für 70,3 Meilen Gesamtdistanz“, erklärt Sebastian Kienle, der an der Côte d’Azur eine starke Konkurrenz erwartet. Unter anderem werden Thomas Hellriegel und Chris McCormack am Start sein, die beide schon den berühmten Ironman auf Hawaii für sich entschieden haben. Hellriegel 1997, McCormack im vergangenen Jahr. Aus mehreren Nationen haben zudem Triathleten für Monaco gemeldet, die die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Peking knapp verpasst hatten, wie etwa der Deutsche Andreas Raehlert. Monaco als Trostpflaster für verhinderte Olympioniken? Vielleicht.

 Vielleicht auch mehr als das. Möglicherweise ist es die Tatsache, dass Platz eins und zwei in Monaco bereits die Qualifikation für den Ironman Hawaii im kommenden Jahr bedeuten. Möglicherweise ist es auch das weltmännische Flair der Steueroase und die Tatsache, im Mekka der Formel 1 Fersengeld zu geben, weshalb Monaco zum am zweitbesten besetzten Triathlon der Welt nach den Weltmeisterschaften wurde. Die Laufstrecke des Triathlon folgt teilweise dem gleichen Stadtkurs: um das Hafenbecken herum, am Schwimmbad vorbei, sogar durch den berühmten Tunnel. „Wussten Sie, dass die langsamste Kurve der Formel 1 die schnellste im Triathlon ist“, fragen die Veranstalter keck auf ihrer Homepage. Sebastian Kienle wird es testen – gemeinsam mit 1103 weiteren Startern.
 Auf die 5000 Dollar Siegprämie macht er sich angesichts der starken Mitbewerber keine Hoffnungen. Ohnehin: „Beim aktuellen Dollarstand minus 30 Prozent Steuern wird man da eh nicht reich“, scherzt er. Dabei könnte er das Geld gut gebrauchen. 700 Euro pro Nase werden ein Freund und er für den Trip nach Monaco ausgeben. Doch für Kienle zählt etwas anderes: „Man kann sich nur einen großen Namen machen, wenn man die großen Namen schlägt.“

 An einigen der namhaften Konkurrenten vorbeiziehen, das ist also sein Ziel. Sich selbst allmählich an den Ironman heranführen. „Nächstes Jahr werde ich mit Sicherheit einmal auf der Langdistanz starten“, kündigt Kienle an. Vermutlich noch nicht auf Hawaii, aber vielleicht in Roth. „Wenn man auf Weltklasseniveau laufen will, sind mehr als ein, zwei Ironmans pro Jahr auch gar nicht möglich. Dazwischen kann man allenfalls mal auf der kurzen olympischen Distanz starten, aber das dann nur zum Training und ohne Siegesambitionen“, erklärt er. Nach Monaco will Kienle in diesem Jahr noch ein weiteres Mal auf der halben Ironman-Distanz antreten. Nämlich bei den 70.3-Weltmeisterschaften, die am 10. November in Clearwater in Florida ausgetragen werden.

 Zum Triathlon ist Sebastian Kienle mit zwölf oder 13 Jahren gekommen. „Wir waren bei meiner Oma in Ulm im Urlaub und sind aus Langeweile dort zu einem Triathlonrennen in der Nähe gefahren“, erzählt er. „Ich war sofort fasziniert von den Leuten in den Gummianzügen auf ihren futuristischen Maschinen mit den Scheibenrädern.“ Noch im selben Jahr fing Kienle selbst mit dem Triathlontraining an. Große Bedeutung maßen seine Eltern dem anfangs nicht bei, schließlich hatte ihr Spross bereits Faustball, Fußball, Leichtathletik und Tischtennis ausprobiert.

 Doch diesmal war es Kienle ernst. Vor allem die Technik beim Radfahren, bis heute seine beste der drei Disziplinen, begeistert ihn. „Ich bin ein Tüftler“, sagt er. Sogar bei der Müllabfuhr hat er schon gejobbt, um sich ein Fahrrad kaufen zu können. Sein derzeitiges Zeitfahrrad sei immerhin 10000 Euro wert. „Es gibt aber auch schon Triathlonräder für unter 1000 Euro“, sagt er. Nur 5,6 Kilogramm wiegt die Maschine, mit der er in Monaco auf die Strecke gehen will. 400 Gramm leichter als bei der Tour de France erlaubt wäre. „Zum Glück gibt es im Triathlon keine Gewichtsbegrenzung“, sagt Sebastian Kienle, der sich in naher Zukunft stärker auf den Triathlon konzentriert. „Ich möchte jetzt mal zwei Jahre sehen, wie weit ich mit dem Hauptaugenmerk auf dem Sport komme.“

 An der Universität in Karlsruhe macht er deshalb nur noch das Nötigste für sein Physik-Studium – was Wunder, dass ihn da insbesondere Aerodynamik und Fluiddynamik, also Luftwiderstand und Wasserwiderstand interessieren. Das Training hat er nicht intensiviert, aber: „Wenn man nach dem Sport nicht an die Uni geht, sondern auf dem Sofa die Beine hochlegt, regeneriert sich der Körper schneller und besser. Die Leistungsfähigkeit nimmt zu“, erklärt Sebastian Kienle.
 Von seiner Wohnung in Karlsruhe aus radelt er bevorzugt nach Ettlingen und von dort hinauf in den Schwarzwald. „Eine Trainingseinheit auf dem Rad ist bei mir nie unter 40 Kilometer.“ Zum Lauftraining nutzt er den Hartwald und den Oberwald in Karlsruhe, zum Schwimmen je nach Witterung die nahe gelegenen Seen oder eines der öffentlichen Schwimmbäder in Karlsruhe. Sein Trainingspensum liegt im Schnitt bei 22 Stunden pro Woche, im Trainingslager wie jüngst in Freiburg können es auch mal 37 Stunden sein, unterbrochen durch die für die körperliche Leistungsfähigkeit immens wichtigen Ruhe- und Entlastungstage.

 Auch seine Ernährung hat der Ausdauersportler größtenteils auf seine sportliche Karriere ausgerichtet. „Ich koche selbst sehr gerne. Das ist in dieser Sportart schon mal ein großes Plus. Und natürlich dann nur mit frischen Zutaten“, betont er. Trotzdem ist er ab und zu auch mal bei McDonald’s oder Burger King anzutreffen. „Man muss ja im Einklang von Körper und Geist leben. Und ab und zu Fast Food ist gut für den Geist“, sagt er mit breitem Grinsen. Sich kasteien bis aufs Letzte, wie manch anderer Sportler der Szene, will er also nicht. „Man darf sich nicht immer und überall Gedanken darüber machen. Auch nicht, wenn man den Sport als Beruf sieht. Sonst hat man ja nie Feierabend.“

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