Antisemitismus: Fälle häufen sich

Erstellt: 26. Februar 2009, 00:00 Uhr
Antisemitismus: Fälle häufen sich Mitschüler setzen ein Zeichen: Nachdem bekannt wurde, dass eine Gruppe von Pforzheimer Gymnasiasten einen jüdischen Mitschüler mit Naziparolen attackiert hat, haben sich die Schüler und Lehrer zu einer sponanten Kundgebung auf dem Schulhof getroffen, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Am Kepler-Gymnasium, so der Tenor der Zusammenkunft, ist kein Platz für Antisemitismus.Foto: Ehmann

Polizei ermittelt wegen „Propagandadelikten“, Sachbeschädigungen und Volksverhetzung

Enzkreis/Pforzheim – Pforzheimer Gymnasiasten beleidigen einen jüdischen Mitschüler, rechte Schmierereien prangen an den Hauswänden: Rassistische und antisemitische Parolen scheinen wieder auf dem Vormarsch.

VON THOMAS SADLER

 Der bislang letzte Vorfall: Unbekannte hängen in Pforzheim Zettel an mehrere Fototafeln, die Straßen und Plätze nach dem Bombenangriff vom 23. Februar 1945 zeigen. Der menschenverachtende Text: „Glücklicherweise konnten die jüdischen Mitbürger frühzeitig evakuiert werden.“ Der Staatsschutz ermittelt.

 Bereits im Dezember hatten in Ispringen zwei angetrunkene Männer Hakenkreuze an Wände geschmiert. Ebenfalls in Ispringen sollen zwei 16 und 18 Jahre alten Mädchen einen Kiosk und die evangelische Kirche mit rassistisch-antisemitischen Schmierereien besudelt haben.

 Für Schlagzeilen sorgte auch ein weiterer Fall: Eine Gruppe von Schülern des Pforzheimer Kepler-Gymnasiums schreit am zweiten Weihnachtsfeiertag vor dem Elternhaus eines 17-jährigen jüdischen Mitschülers in Niefern rassistische, antisemitische Parolen. Außerdem werden Feuerwerkskörper auf das Haus abgeschossen.

 Während an der Schule in der vorigen Woche eine spontane Kundgebung stattgefunden hat, in der sich die Mitschüler mit dem Opfer der Diffamierungen solidarisierten, ermittelt die Polizei wegen Beleidigung und Volksverhetzung gegen die Täter, sieben Schüler im Alter von 17 Jahren. „Die Vernehmungen sind abgeschlossen“, sagt Polizeisprecher Wolfgang Schick zum Stand des Verfahrens.

 Allerdings sei noch nicht klar, wer aus der Gruppe was getan habe. Wie in solchen Fällen üblich, werde jetzt auch geprüft, ob die deutschen Mitglieder der Gruppe oder Teile von ihr in Verbindung mit rechtsextremistischen Organisationen stehen. Anschließend „werden wir überlegen, was wir zusammen mit der Schule erzieherisch tun können“, so der Polizeisprecher.

 Antisemitische und andere rassistische Ausschreitungen nehme die Polizei „sehr ernst“. Die Statistik: Ungefähr 25 so genannte „Propagandadelikte“ wie Hakenkreuzschmierereien oder das Anbringen von Nazi-Symbolen wie den SS-Runen registriere die Polizei pro Jahr in Pforzheim und dem Enzkreis. Hinzu kämen zwei bis fünf Fälle von Volksverhetzung und circa fünf Sachbeschädigungen mit rechtsextremistischem Hintergrund.

 Ob zuletzt eine Steigerung zu verzeichnen ist, konnte Schick noch nicht sagen, da die Kriminalitätsstatistik noch nicht fertiggestellt sei. Sie soll in der kommenden Woche der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Klar sei indes, dass die Gesellschaft keineswegs gleichgültig reagiere. Mittlerweile würden mehr Straftaten dieser Art angezeigt als früher. „Darüber sind wir froh, denn so bekommen wir einen besseren Überblick und können eher Maßnahmen ergreifen – sowohl im repressiven Bereich als auch durch Schulungen mit Jugendlichen und durch Kontaktaufnahme mit Eltern und Schulen“, sagt Wolfgang Schick unserer Zeitung.

 Das Thema Antisemitismus schlägt derzeit bundesweit hohe Wellen. Der türkischstämmige Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir sagte, in der „muslimischen Community, insbesondere bei männlichen arabischen, türkischen und kurdischen Jugendlichen“ gebe es antisemitische Denkweisen.

 Hasan Ali Özer, Sprecher der türkisch-muslimischen Vereine und Mitglied des Integrationsbeirats der Stadt, weist die pauschale Behauptung für Mühlacker zurück. Es sei zu unterscheiden zwischen der Kritik an der Gaza-Politik des Staates Israel und dem Phänomen eines ideologisch begründeten Antisemitismus. Er halte es für möglich, so Özer, dass es unter den Muslimen „eine gewisse Sympathie für die Moslembrüder“, also die Palästinenser, „als die Schwächeren“ gebe, doch sei dies nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen. Israel sei ein wichtiger Partner der Türkei.

 Auch hätten sich in der Vergangenheit die Juden in Deutschland bei Übergriffen gegen Migranten muslimischen Glaubens hinter die Rassismusopfer gestellt. „Antisemitismus hat in unserer Gesellschaft nichts zu suchen“, macht Özer klar. „Wenn das in Mühlacker vorkäme, würde ich es unterbinden.“

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