Alter schützt vor Zirkus nicht

Erstellt: 29. Dezember 2010, 00:00 Uhr
Alter schützt vor Zirkus nicht Alexandra Rapp leitet das Mühlacker Mehrgenerationenhaus. Sie zieht eine positive Bilanz der Aktivitäten des zu Ende gehenden Jahres, die sie in einem Schreiben an die Wegbegleiter der Einrichtung zusammengefasst hat. Foto: Becker

Die Leiterin des Mehrgenerationenhauses sieht die Projekte auf vielversprechendem Weg – Finanzielle Förderung ist befristet

Überall glückliche Gesichter: Auf diesen knappen Nenner ließe sich die vom Mühlacker Mehrgenerationenhaus organisierte offene Weihnachtsfeier bringen, und zur Zufriedenheit gibt es auch sonst Anlass genug. Doch das drohende Versiegen der Zuschussquelle stellt die Verantwortlichen vor neue Herausforderungen.

Von Carolin Becker

Mühlacker. Es ist Donnerstag, der Tag vor Heiligabend, und so mancher Junior veranstaltet womöglich gerade einen Riesenzirkus, weil die Zeit bis zur Bescherung nicht schnell genug vergeht. Im Mühlacker Mehrgenerationenhaus stellen sich die Vorzeichen ganz anders dar. Zirkus steht zwar dort auch auf der Tagesordnung, aber statt die Nerven der Erwachsenen zu strapazieren, proben die Jungen und Mädchen selbst in den Ferien für ihr Projekt „Bella Bimba“ und legen sich ins Zeug, damit sie am 17. März als Artisten und Jongleure zu Stars in der Manege mutieren können.

 Die Zirkuswerkstatt gehört zu den zahlreichen Angeboten, die unter dem Dach des Mühlacker Altenzentrums St. Franziskus vom Team des Mehrgenerationenhauses initiiert worden sind. Eine flexible Betreuung für die Kleinen in der „Kinderstube“, Hausaufgabenbegleitung für Schüler, passgenau buchbare Ferienbetreuung in den schulfreien Wochen außer über Weihnachten – die Liste umfasst in erster Linie Projekte, die der Vereinbarkeit von Familie und Beruf dienen und Müttern den Wiedereinstieg erleichtern sollen. Dabei haben Alexandra Rapp, die Leiterin des Mehrgenerationenhauses, und ihre Kooperationspartner vom DRK-Seniorenzentrum, von der Freiwilligenagentur, vom Tagesmütterverein, der Stadtverwaltung und dem Familientreff der Volkshochschule immer auch den generationenübergreifenden Ansatz im Blick. Bewohner des Altenzentrums sind beispielsweise nicht nur gern gesehene Gäste in der Kinderstube, sondern sie bringen sich auch aktiv ein, etwa dann, wenn es Kulissen für die Zirkusaufführung zu gestalten gilt. Ziel ist, den Alltag der alten Menschen zu bereichern und der Jugend den ungezwungenen, unbeschwerten Kontakt in einem offenen Haus zu ermöglichen. Ideen dazu haben die Verantwortlichen reichlich entwickelt, seit im Januar 2008 die ersten Fördermittel des Bundesfamilienministeriums und des Europäischen Sozialfonds flossen – 40000 Euro jährlich, je zur Hälfte für Personal- und Sachkosten.

 „Dieses Jahr haben wir uns vor allem auf unser Kerngeschäft besonnen und klare Schwerpunkte gesetzt“, blickt Alexandra Rapp auf die vergangenen Monate zurück. Stark geprägt habe ihre Arbeit die kontinuierlich angebotene Ferienbetreuung, die auf „großes Interesse und Begeisterung“ gestoßen sei. Mehr als 40 Kinder hauptsächlich aus den Klassenstufen eins bis fünf hätten das Angebot an einzelnen Tagen oder auch über komplette Wochen hinweg in Anspruch genommen. Dabei sei dem Mehrgenerationenhaus ein „Meilenstein“ gelungen: „Fünf qualifizierte Tagesmütter arbeiten jetzt regelmäßig in der Kinder- beziehungsweise Ferienbetreuung und sichern den Eltern eine kompetente und verlässliche Betreuung zu.“

Großes Interesse an Hausaufgabenbegleitung

 Das Jahr sei generell von organisatorischen Fortschritten geprägt gewesen, bilanziert Alexandra Rapp. So seien die Aufgaben für bestehende Projekte neu strukturiert und klare Zuständigkeiten geschaffen worden. Tragende Säulen hätten vertraglich gebunden werden können und erhielten für ihren Einsatz nun zumindest eine Aufwandsentschädigung. Nichtsdestotrotz stehe freiwilliges Engagement im Mehrgenerationenhaus nach wie vor hoch im Kurs. „Für die Hausaufgabenbegleitung, für die 22 Kinder angemeldet sind und bis zu 14 täglich kommen, habe ich fünf, sechs Ehrenamtliche in der Hinterhand“, berichtet Alexandra Rapp, die immer wieder Menschen für die „kleinen Begegnungen und das Miteinander“ begeistern möchte.

 Doch bei allem Idealismus verliert die Leiterin des Mehrgenerationenhauses die Finanzen nicht aus den Augen. Zwar fließen – vorsichtig kalkulierte – Elternbeiträge, zwar profitiert die Einrichtung von Spenden und Zuwendungen beispielsweise des Jugendfonds Enzkreis, doch „wäre es schwer, ganz ohne Förderung auszukommen“, schaut Alexandra Rapp voraus. Schließlich sei die Hilfe des Bundes auf fünf Jahre befristet – maximal. „Bis Ende 2011 sind die Gelder genehmigt, dann besteht eine Option auf ein weiteres Jahr“, erläutert sie. Wie viele andere Mehrgenerationenhäuser, deren Zuschüsse schon früher auslaufen, sei auch die Mühlacker Einrichtung gefordert, sich nach alternativen Fördertöpfen umzusehen. „Dann müssen wir entscheiden, in welche Richtung wir uns entwickeln.“ 2011 gelte es deshalb festzustellen, „wie die einzelnen Projekte finanziell aufgestellt sind und mit wem wir ins Gespräch kommen können“. Ziel sei auch, das Angebot noch fester im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern.

Mit dem Rollstuhl am Sandstrand

 Mutmacher für ihr Aufgabenpaket nimmt Alexandra Rapp reichlich mit ins neue Jahr, etwa wenn sie an die Verleihung des Bürgerschaftspreises der Sparkasse vor wenigen Monaten zurückdenkt. Wie berichtet, wurde damals das Urlaubsprojekt in Kooperation mit der Uhlandschule ausgezeichnet. Gerne dürfe das gemeinsame Verreisen von Senioren und Schülern eine Neuauflage erfahren – am liebsten in Form eines Urlaubs am Meer, schwebt Alexandra Rapp, gewissermaßen als Luxus-Problem, ein im Sand steckengebliebener Rollstuhl vor. Ausbremsen lasse sich die große Idee hinter all den einzelnen Anstrengungen ohnehin nicht. „Wenn neue Visionen nicht im Sand verlaufen, sondern auch von außen gesehen und unterstützt werden, beflügelt uns das und macht Mut“, schreiben Alexandra Rapp und Markus Schellinger, der Leiter des Altenzentrums St. Franziskus, in ihrer Jahresbilanz an die Freunde des Hauses. Und deren Zahl wird wachsen. Glückliche Besucher und Helfer der Weihnachtsfeier werden dafür wohl ebenso sorgen wie die Kinder, die endlich einmal richtig Zirkus machen dürfen.

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