Alles nur noch Flegel und Lausebengel?

Erstellt: 29. November 2008, 00:00 Uhr
Alles nur noch Flegel und Lausebengel? Gemeinschaft erleben und Rücksicht nehmen. Im Sportverein lernen Kinder wichtiges soziales Verhalten. Foto: Eigner

Trainer zeichnen ein differenzierteres Bild der sportlich aktiven Kinder in den Vereinen

Die Sportvereine können und wollen kein Ersatz für die fehlende Erziehung in der Familie sein“ – das hat Manfred Michallik unlängst öffentlich betont. Oft werde versucht, die Verantwortung einfach an den Verein abzuschieben, so der Vorsitzende des TV Mühlacker weiter. Das Mühlacker Tagblatt hat sich bei Trainern mehrerer Vereine umgehört. Sie sehen die Situation differenzierter.

VON STEFFEN-MICHAEL EIGNER

Annemarie Gutscher kennt die Jugendarbeit von verschiedenen Seiten. Zum einen war sie 13 Jahre lang Jugendleiterin bei den Fußballern von Phönix Lomersheim, zum anderen arbeitet sie in der Sprachförderung an Schulen. Für beide Bereiche stellt Gutscher fest: „Rüpel gab es früher auch. Trotzdem: Die Kinder sind heute nicht mehr so wohlerzogen wie früher.“

 Anders als noch vor zehn oder zwölf Jahren gehe heutzutage viel Zeit drauf, um einzelne Kinder zu disziplinieren. Ein Problem für die Trainer in Lomersheim, die diese verlorene Zeit lieber für die fußballerische Ausbildung ihres Teams nutzen würden, anstatt Erziehungsarbeit zu leisten. „Damals konnte man mit den Kleinen relativ schnell gut arbeiten“, erinnert sich Gutscher, heute eine von vier Vorsitzenden des Vereins, wie sie Mitte der neunziger Jahre das Amt der Jugendleiterin bei Phönix übernahm. „Vor zehn Jahren haben sich die Kinder schneller in die Gruppe eingefügt. Die Grundlagen der Erziehung waren einfach da. Heute brauchen wir bei manchen Kindern viel Zeit, ihnen soziale Ordnung beizubringen.“

 Ein Grund, den Annemarie Gutscher für diesen Wandel ausgemacht hat, klingt zunächst paradox: Die Kinder seien heutzutage zu behütet. „Die Gruppe erzieht. Da entsteht ein soziales Gefüge untereinander. Aber heute können sich Kinder doch kaum noch irgendwo ungezwungen bewegen – ohne Erwachsene“, beobachtet die Phönix-Vorsitzende. „Wir sind doch früher einfach raus auf d’Gass’. Dort haben wir jede Menge Kumpels getroffen, Verstecken und Fangen gespielt. Mitterweile sind Kinder immer mehr darauf angewiesen, dass die Eltern sie von A nach B fahren. Manche Eltern sind zu ängstlich geworden, ihre Kinder alleine spielen gehen zu lassen.“
 Ein weiterer Aspekt ist laut Gutscher die besondere Situation im Fußball. „Bei uns kommen Kinder der unterschiedlichsten Nationalitäten, Kulturen und Bevölkerungsschichten zusammen. Vermutlich mehr als in jeder anderen Sportart. Das ist auch schön so. Aber das bedeutet auch, dass dabei entsprechend unterschiedliche Vorstellungen von Erziehung zusammenkommen.“ Wogegen sich Annemarie Gutscher ebenso wie Michallik wehrt, ist: „Wenn manche Eltern meinen, die Erziehung ihrer Kinder wäre quasi in der Leistung des Vereins inbegriffen. Unser Ziel ist aber, den Kindern Fußball beizubringen.“

„Ich hab’ sie im Griff“, sagt Rainer Moser über seine Turnbuben zwischen sieben und zwölf Jahren, die er beim TV Mühlacker, trainiert. Das sei im nicht ganz ungefährlichen Geräteturnen auch notwendig. „Eine gewisse Disziplin ist in dieser Sportart einfach Voraussetzung. Aber man muss trotzdem ständig nach allen schauen.“
 Deshalb betreut er die 15-köpfige Turnerriege auch zusammen mit zwei weiteren Übungsleitern. Trotzdem findet Rainer Moser rückblickend: „Als ich so klein war, war ich schon anders.“

Karin Lutz pflichtet ihrem „Vereinsboss“ Michallik nur zum Teil bei: „Die Kinder sind heute nicht flegelhafter als früher. Aber es herrscht bei vielen Eltern eine Unsicherheit.“ Lutz leitet das Kinderturnen beim TV Mühlacker, ist zudem Erzieherin im Mühlacker Rabennest.

 „Wichtig ist, dass Kinder früh Gemeinschaft erleben. In der Gruppe lernen sie, Rücksicht auf andere zu nehmen“, betont Karin Lutz. „Und sie müssen auch lernen, Frustrationen zu schlucken.“ Im Verein wie auch im Beruf stellt sie fest: „Wenn man den Kindern klare Vorgaben macht, funk-tioniert das auch.“
 Karin Lutz äußert Verständnis für Eltern: „Jeder will das Beste für sein Kind.“ Aber das mittlerweile unüberschaubar große Angebot an Tipps und wohlfeilen Ratschlägen in punkto Erziehung verunsichere viele. Und dann schlägt sie in dieselbe Kerbe wie Annemarie Gutscher: Mehr Freiraum für Kinder, wünscht sich Lutz. „Selbst bei manchen Vierjährigen ist heute schon alles durchgeplant. Und deahalb lieben sie es, einfach mal kreuz und quer durch die leere Halle zu toben.“

 Eltern rät sie, ihre Kleinen ruhig in verschiedene Sportarten und Hobbys hineinschnuppern zu lassen. „Aber irgendwann sollten die Kinder sich für eines entscheiden und sagen: Dabei bleibe ich.“ Sonst bestehe die Gefahr, überall nur das fünfte Rad am Wagen zu sein. Lutz warnt Eltern aber auch davor, zu überfordern: „Das Kind muss nicht überall Erster werden. Vielleicht hat es ja auch eher Talent für Musik als für Sport.“

„Wir hatten bis jetzt immer das Glück, dass zu uns Kinder gekommen sind, die leistungsorientiert schwimmen wollen“, sagt Jürgen Stein, und der Vorsitzende der Wasserfreunde Mühlacker fügt hinzu: „Erziehungsarbeit haben Trainer schon immer geleistet. Das waren schon immer Respektspersonen.“

 Anstrengender sei das Training für die Übungsleiter dennoch geworden: „Weil die Kinder heute selbstbewusster sind, sich von den Größeren weniger sagen lassen und mehr hinterfragen. Im Prinzip ja auch eine positive Entwicklung“, findet Stein.
 Er beobachtet noch eine andere Entwicklung: „Eltern sind heute seltener ein Regulativ für die Trainer.“ Bei Meinungsverschiedenheiten ergreifen sie demnach häufiger die Partei ihres Kindes als dem Trainer beizupflichten. Und Jürgen Stein beobachtet eine sich öffnende Schere: „Auf der einen Seite gibt es Eltern, die deutlich mehr Geld bezahlen würden, dann aber auch Ansprüche stellen. Etwa dass der Kurs zu der von ihnen gewünschten Zeit stattfindet, selbst wenn wir die Schwimmhalle da gar nicht haben. Und auf der anderen Seite gibt es Eltern, die ihre Kinder betreut haben wollen – für so wenig Kosten wie möglich.“

 Bei Chung Hun Mühlacker erziehen sich die Kinder schon untereinander. „Wenn einer mal die obligatorische Verbeugung gegenüber dem Trainer vergisst, zischen die anderen ihm das sofort zu“, sagt Peter Fischer, Vorsitzender und Trainer des Vereins. „Höflichkeit, Integrität, Disziplin und Fairness sind Hauptziele des Taekwondo. Die Endung -do bedeutet geistiger Weg“, betont Fischer. Deshalb erfahre der Verein auch viel positive Resonanz von den Eltern.  Taugt Taekwondo als Super-Nanny? Sicherlich nicht, findet Fischer. „Es kommt schon vor, dass alleinerziehende Mütter bei mir anrufen und über ihren Sohn sagen: Dem fehlt der Vater, bringen Sie dem mal etwas Disziplin bei“, berichtet er. „Aber das kann kann ein- oder zweimal Training pro Woche nicht ersetzen.“ Insgesamt findet er, „sind die Kinder heute nicht flegelhafter als früher.“ Und: „Die Kinder sollen doch keine Duckmäuser werden, sondern selbstbewusst und mit beiden Beinen im Leben.“ Er spüre aber deutlich an der Leistungsfähigkeit der Kinder im Training, dass der Leistungsdruck in der Schule „nicht ohne“ sei.

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