Alles andere als Amateure

Erstellt: 29. September 2012, 09:52 Uhr
Alles andere als Amateure Helmut Frey ist bereits ein alter Hase, der weiß wo es langgeht. Seit 1985 hat der heute 60-Jährige die Trainerlizenz und ist immer noch wissbegierig. Foto: Eigner

„In Deutschland kommt es nicht so sehr drauf an, was man kann, sondern was man gelernt hat“, so brachte es Kabarettist Gerhard Polt auf den Punkt, dass hierzulande für alles ein Zeugnis verlangt wird. Auch Fußballtrainer absolvieren viele Schulungsstunden, um ihre Lizenz zu erwerben und zu behalten.

Von Steffen-Michael Eigner

Enzkreis. „Es wäre anmaßend zu behaupten, dass ich genauso viel könnte und wüsste wie ein Bundesligatrainer“, sagt Jürgen Widmann, der mit einem Profitrainer gut befreundet ist. Vor etlichen Jahren waren Jürgen Widmann und Frank Leicht Jugendtrainer beim 1.FCDonzdorf auf der Schwäbischen Alb. Widmann betreute die A-Junioren, Leicht die C-Junioren. Danach entwickelten sich die Karrieren unterschiedlich: Frank Leicht war später Jugendtrainer beim VfB Stuttgart, trainierte zuletzt den SV Sandhausen in der 3. Liga. Jürgen Widmann ist heute für die Spvgg Zaisersweiher in der Kreisliga Pforzheim verantwortlich. Befreundet sind Widmann und Leicht nach wie vor und treffen sich gelegentlich auf Trainerfortbildungen. „Die haben schon einige Dinge mehr drauf und reden auch ganz anders mit ihren Spielern“, hat Widmann bei solchen Gelegenheiten beobachtet.

Jürgen Widmann wurde zwar kein Profitrainer. Was sein Know-How betrifft, ist er aber auch alles andere als ein Amateur. Zuletzt hat Widmann, der seit 1995 als Trainer tätig und Inhaber der A-Lizenz ist, zwei Lehrgänge beim Badischen Fußballverband (BFV) absolviert, für November hat er sich zu einer Schulung beim württembergischen WFV angemeldet. „Da kenne ich viele Trainerkollegen, die ich sonst nie sehe“, begründet er. Außerdem reizt ihn das Lehrgangsthema: „Angriffstaktische Konzepte“. Auch eine Torwart-Trainerlizenz hat Widmann erworben. „Das hat viel Spaß gemacht“, erinnert er sich an diese Schulung. „Man muss immer am Ball bleiben, und auch immer wieder was Neues bringen, um seine Spieler im Training nicht zu langweilen.“ Und dann nennt er noch einen wichtigen Unterschied zu Bundesligatrainern: „Die haben einen großen Stab mit Co-Trainer, Fitnesscoach, Torwarttrainer und so weiter. Ich mache alles alleine.“

Auch Eberhard Carl, der als ehemaliger Bundesliga-Profi schon allerhand im Fußball erlebt hat, bildet sich immer wieder fort. „Man muss innerhalb von drei Jahren 21 Unterrichtsstunden nachweisen, um die Trainerlizenz zu verlängern“, erklärt der Trainer von Phönix Lomersheim. „Ich war erst letzte Woche auf einer Schulung in Balingen“, berichtet er.

Unter der Überschrift „Life Kinetics“ ging es dort um Bewegungslehre. „Das war hochinteressant“, so Carl, der sich freilich nicht nur aus Schulungen neue Anregungen holt: „Ich bin Mitglied im Bund Deutscher Fußballlehrer, da gibt es viele Angebote.“ In dieser Vereinigung sind ausschließlich Inhaber der Fußballlehrer-Lizenz, die in der 3. Liga und darüber verlangt wird, und der A-Lizenz organisiert, die zum Trainerjob in der Regional- und Oberliga berechtigt. „Außerdem schaue ich viele Spiele an, dabei kann man sich eine Menge aneignen“, fährt Carl fort. „Und ich habe natürlich auch einiges an Erfahrung, habe selbst schon alle möglichen Systeme gespielt, ob mit Libero, Viererkette, Mittelfeldraute…“ In der Bundesliga ist er aktuell vor allem vom Aufsteiger Fortuna Düsseldorf beeindruckt: „Wie da jeder für jeden kämpft, wie alle hinter den Ball kommen – das ist schon klasse.“

Auch Sportmedizin gehörtbei Fortbildungenzu den Schulungsthemen

Ein alter Hase im Trainergeschäft ist Helmut Frey, derzeit beim TSV Ötisheim und zuvor acht Jahre bei den Sportfreunden Mühlacker tätig. Schon 1985 machte Frey seinen Trainerschein, ist im Besitz der B-Lizenz, die nach dem neueren DFB-System nun C-Lizenz heißt. „Damit dürfte ich bis zur Verbandsliga als Trainer arbeiten. 2013 müsste ich sie wieder verlängern lassen“, sagt Frey. Ob er sich zum entsprechenden Lehrgang anmeldet, hat er noch nicht entschieden: „Ich bin nun auch in einem Alter, wo man ans Aufhören denkt“, gibt der 60-Jährige zu.

Schleifen lassen hat es Helmut Frey in den vergangenen Jahren nie, alle drei Jahre zweieinhalb Tage Lehrgang in der Sportschule Schöneck in Karlsruhe absolviert. „Ich persönlich finde es wichtig, immer neue Erfahrungen zu sammeln. Die Themen kann man sich aussuchen, da wird viel angeboten“, sagt Helmut Frey, den insbesondere Seminare rund um taktisches Abwehr- und Angriffsverhalten reizen. „Weil man da immer wieder neue Varianten kennenlernt.“ Dennoch hat er sich nie dazu verleiten lassen, immer nur seinen Lieblingsfächern nachzugehen. „Ich suche mir immer wieder etwas Neues aus.“ Sogar sportmedizinische Schulungen hat Helmut Frey schon besucht, um Verletzungen seiner Kicker bereits auf dem Rasen fachgerecht behandeln zu können. In einer seiner letzten Schulungen befasste er sich mit Freistoß- und Eckballvarianten. „Sehr spannend“ sei dieses Seminar gewesen.

Doch es gibt auch Trainer, die ohne Lizenz arbeiten. Zum Beispiel Martin Kern. „Ich bin noch nicht ganz fertig mit dem Trainerschein“, gibt der Trainer des TSV Maulbronn zu, zuletzt vor drei Jahren eine Schulung besucht zu haben. „Um den Prüfungslehrgang zur C-Lizenz zu absolvieren, müsste ich 14 Tage Urlaub nehmen. Das geht bei mir zurzeit einfach nicht“, begründet Kern, der immerhin schon einige Jahre als Trainer aktiv ist und auch Erfolge vorzuweisen hat. Den TSV Mühlhausen/Enz etwa führte er 2007 zum Aufstieg in die Kreisliga B, beim TSV Maulbronn ist er nicht zum ersten Mal tätig. Um einen Trainerposten beworben habe er sich nie, betont Kern: „Die Vereine vertrauen auf meine Erfahrung und fragen bei mir an.“

Deutscher Fußballbundbietet viel Material imInternet zum Download an

Auch ohne Lizenz verfügt Martin Kern über ein erhebliches Fachwissen. „Ich lese viel, lade mir auch Material vom DFB aus dem Internet runter“, berichtet der Maulbronner, der ein besonderer Fan von Koordinationsübungen ist. „Das machen wir immer mindestens einmal pro Woche für 25 Minuten“, unterstreicht Kern. Auch immer wieder neue Übungen zur Kräftigung der Muskulatur lässt er seine Spieler oft machen. „Man merkt, dass die Verletzungen weniger werden“, erkennt er als Erfolg dieser Maßnahmen. Viele der Inhalte der Schulungsmaterialien könne er aber gar nicht anwenden, weil den Spielern in der B-Klasse das dafür notwendige technische Können oder die nötige Athletik fehle.

Einen Großteil seines Know-How verdanke er außerdem Ulli Stengel, dem Trainer des FV Niefern, dessen Co-Trainer er in Maulbronn und bei der SG Ölbronn-Dürrn war. „Ulli hat die A-Lizenz und mir immens weitergeholfen. Auch jetzt hole ich mir noch immer wieder Tipps von ihm“, sagt Martin Kern, der so immerhin Gerhard Polt widerlegt: Er kann was, auch ohne entsprechenden Sachkundenachweis.

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