Aleviten wollen ihre Wurzeln bewahren

Erstellt: 19. Februar 2007, 00:00 Uhr
Aleviten wollen ihre Wurzeln bewahren Integration, ohne die Identität aufzugeben: Einweihung des Cem-Hauses der Aleviten mit farbenfroher Folklore. Foto: Filitz

Religionsgemeinschaft weiht ihr „Cem-Haus“ im Mühlacker Industriegebiet ein – OB setzt auf Begegnungen

Mühlacker – Die Glaubengemeinschaft der Aleviten in Mühlacker hat sich mit der Eröffnung ihres „Cem-Hauses“ im Industriegebiet ein Stück Heimat geschaffen. Vor zahlreichen Festgästen, darunter auch Mühlackers Oberbürgermeister Arno Schütterle, fand am Freitag die offizielle Einweihung statt.

VON EVA FILITZ

Aleviten leben, vereinfacht ausgedrückt, eine liberale Form des Islam, in der Toleranz und Ablehnung von Gewalt sowie die Achtung der Menschenrechte grundlegende Werte sind. Sie gehen nicht in eine Moschee, sondern in das Cem-Haus, das neben dem geistlichen zugleich den kulturellen Mittelpunkt ihrer Gemeinde bildet.
 Am Freitag nun konnte Devran Baskaya, Vorstandsmitglied der Alevitischen Gemeinde Deutschlands, zur offiziellen Einweihung im Kißlingweg Glaubensbrüder aus der gesamten Region, Vertreter der Kommune, der Kirchen, der Lehrerschaft, der Gewerkschaften, der Polizei, der am Bau beteiligten Handwerker und der Sparkasse Pforzheim Calw als beteiligte Bank begrüßen. Sein Dank galt allen, die einen Beitrag zum Gelingen des Cem-Hauses geleistet haben. In nur sechs Monaten sei das Werk gelungen, so Baskaya. Zum Schluss, als der Zeitplan zu platzen drohte, seien nach einem Aufruf viele Aleviten aus anderen Städten, sogar aus dem benachbarten Straßburg gekommen, um zu helfen.

 Mit vereinten Kräften ist – wie bereits berichtet – eine frühere Montagehalle in ein Kulturzentrum verwandelt worden. 600 Quadratmeter Fläche wurden zu einem ansprechenden Versammlungsraum umgestaltet, an den eine Küche und ein Vereinslokal angrenzen sowie ein Gästezimmer, ein Jugendraum und die sanitären Anlagen. Alle Maßnahmen wurden ökologisch verträglich durchgeführt, Elektro- und Heizungsanlage auf den neuesten Stand gebracht, schon um die Versicherungsgebühren für das Gebäude niedrig zu halten. Im ersten Stock wurden Wohnungen renoviert und vermietet. Eine Außenterrasse wird bis zum Sommer fertig.
 Zweck und Ziel der Gemeinde sei es, die alevitische Kultur nach außen bekannt zu machen, den alevitischen Kindern eine soziale und kulturelle Identität zu geben, sich zu integrieren, ohne dabei die eigenen Wurzeln zu verlieren, fasste Baskaya zusammen, der sich für die Einführung eines alevitischen Religionsunterrichts einsetzt.

 Ein Grußwort sprach Ali Ertan Toprak, Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschlands, der ein Bild des Alevitentums, wie es sich in Deutschland darstellt, vermittelte und eindringlich die aktuelle Situation seiner Glaubensbrüder in der Türkei schilderte, wo es für diese keine Religionsfreiheit gebe. Die etwa 800000 Aleviten in Deutschland seien keine Muslime, sondern eine eigenständige Religionsgemeinschaft. Für Nationalismus, Terror und Gewalt sei kein Platz in ihrem Glauben. „Alevitentum ist gelebter Humanismus und eine Philosophie des Herzens“, endete Toprak.

„Das größte zu lesende Buch ist der Mensch“

Mühlackers Oberbürgermeister Arno Schütterle hob in seiner Ansprache zur Einweihung besonders die jährlichen Treffen in der Stadt „zwischen den Kulturen“ hervor. Er freue sich über das „Haus der Begegnungen“, denn eine lebendige Stadt brauche ein gutes Miteinander, doch sei noch ein langer Weg zu gehen.

 Eine grundlegende Einführung in die Philosophie und Humanologie der alevitischen Lehre gab Zeynel Arslan, der Dede der alevitischen Gemeinden, der in etwa einem Schriftgelehrten und Seelsorger entspricht. Von Konfuzius über die Mystik des vorderen Orients im 13. Jahrhundert, von Angelius Selesius bis zu Imanuel Kant spannte er einen weiten Bogen. „Das größte zu lesende Buch ist der Mensch“, so seine zentrale Aussage. Zur Saz, der türkischen Gitarre, sang er auf deutsch gegen den Hass: „Mögen wir doch Frieden finden“.

 Musik spielt im alevitischen Glauben eine wichtige Rolle und ist Bestandteil des Lebens der Gemeinde. Tanzgruppen in farbenfrohen Kostümen führten Volkstänze und den rituellen Tanz der Aleviten „Semah“ vor, eine Musikgruppe spielte traditionelle Musik auf der Saz und das Duo „Grup Yildiz“ sorgte für mächtig Schwung.

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