Von der Turnmatte zur Handtasche

Katja Leibensperger aus Königsbach-Stein rückt mit ihrer Nähmaschine abgehalfterten Sportgeräten zuleibe

Von Susanne Roth Erstellt: 27. Dezember 2016, 00:00 Uhr
Von der Turnmatte zur Handtasche Allerlei aus Turnmatten und anderen ausrangierten Sportgeräten: Ihre Taschenidee haben die Besucher des Neuenbürger Adventmarkts Katja Leibensperger nur so aus den Händen gerissen. Foto: Roth

Nicht nur für Turner und andere Sportskanonen könnte das bald der letzte Schrei sein: Handtaschen, Kulturbeutel, Rucksäcke, Schulmäppchen und Sporttaschen mit athletischer Vergangenheit. Katja Leibensperger aus Königsbach-Stein macht aus ausrangierten Turnmatten nämlich Taschen aller Art.

Rattern zur Entspannung: Manchmal sitzt Katja Leibensperger den ganzen Tag an der Nähmaschine.Rattern zur Entspannung: Manchmal sitzt Katja Leibensperger den ganzen Tag an der Nähmaschine.

Königsbach-Stein. Die Familie kennt das schon, wenn die Nähmaschine wieder auf dem Esstisch rattert. Dann ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass Katja Leibensperger mal wieder einer Turnmatte den Garaus gemacht hat. Das ist nämlich derzeit ihre Lieblingsbeschäftigung. Und wenn die 45-jährige gelernte Friseurin damit fertig ist, dann kann sich ihr Sohn Tim (14) wieder eine Sporttasche umhängen oder ihre Tochter Julia (17) einen neuen Kulturbeutel bestücken. Genau das entsteht nämlich aus den blauen Teilen, die zuvor die Sprünge der Turner abgefedert haben.

Vor kurzem war die handwerklich begabte Frau aus Stein das erste Mal auf dem Neuenbürger Adventmarkt und erfuhr eine so überraschend positive Aufmerksamkeit, dass sie zwischen den beiden Markttagen noch nachts bis halb vier Uhr an der Nähmaschine saß. Ihr Mann Markus musste die Matten nach einem von ihr entworfenen Schnittmuster zurechtschneiden.

Für Katja Leibensperger, die schon als Kind gern genäht hat, dann irgendwann Taschen aus Fell, einem Feuerwehrschlauch und nun aus alten Turnmatten fertigt, war nicht nur der Verkauf, sondern auch die Wertschätzung ihrer recycelten Idee eine tolle Erfahrung. „Das zersetzt sich vielleicht in Hunderten von Jahren, da ist es doch besser, man macht was damit“, findet sie.

Es war aber eher ein Zufall, der sie vergangenes Frühjahr an die Matte führte. Die Trainerin ihres turnenden Sohnes fragte sie, ob sie mit einer alten, ausgedienten Matte etwas anfangen könnte. Diese war schon zerlegt, das Innenfutter aus Kokos bereits beim Wertstoffhof entsorgt. Warum nicht? Dachte sich Katja Leibensperger und packte die „Haut“ ein. „Dann standen die Tüten mit dem Material erst mal ein halbes Jahr rum“, sagt sie. Vielleicht steckte ihr auch noch die Erfahrung mit dem Feuerwehrschlauch in den Knochen. „Nie wieder“, sagt sie dazu und erzählt, wie sie unter Aufbietung aller Kräfte und mit ganzem Körpereinsatz zusammen mit ihrem Mann den Gummi von der Beschichtung getrennt hat.

Dann rückte sie dem blauen Kunststoff der Turnmatte doch noch zu Leibe. „Erst mal geschrubbt ohne Ende habe ich, mit der Wurzelbürste, dann kam der Dampfstrahler und zuletzt landeten die Teile in der Waschmaschine.“ Beim letzten Waschgang freilich waren die Stücke schon nach einem selbst entworfenen Schnittmuster zerlegt. Dann machte Katja Leibensperger erst einmal ein „Schlampermäppchen“ für die Schule. So tastete sie sich Stück für Stück vor, denn erst einmal muss man mit dem Material warm werden. Es sei wichtig, dass die Überlappungen stimmen, der Reißverschluss an der richtigen Stelle sitze und dergleichen mehr. Beim Entwerfen ihrer Taschen versucht Katja Leibensperger nämlich, genau die Fehler zu vermeiden, die sie an Taschen oft aufregen: „Wenn die etwa nicht genügend Reißverschlüsse haben oder kein Fach, in dem man eine Trinkflasche unterbringen kann, ohne dass diese umfällt.“ Ihre Taschen bekommen auch ein Futter, stabile Reißverschlüsse, auch die ledernen Ecken der Matten werden verarbeitet. An einem aufwändigen Rucksack sitzt sie den ganzen Tag. „Ich sage jedem, der eine kauft, dass er gut auf sie aufpassen soll“, sagt sie.

Während ihr Mann ab und zu die Kopfhörer aufsetzt, wenn wieder mal die Nähmaschine rattert, ist es für seine Frau eine Entspannung. Bei dem monotonen Rattern könne sie gut abschalten, sagt Katja Leibensperger, die bei Wettkämpfen ihres Sohnes jetzt immer ein Teppichmesser dabei hat. Denn es ist nicht so einfach, an alte Turnmatten heranzukommen und es könnte ja sein, dass eine gerade am Wettkampftag den Geist aufgibt.

Weiterlesen
Turnen ist viel zu cool, um ganz davon zu lassen

Turnen ist viel zu cool, um ganz davon zu lassen

Das Mühlacker Tagblatt steuert wieder schnurstracks auf eine Sportlerwahl zu. Grund genug, einmal nachzuforschen, was aus früheren Sportlerwahl-Siegern geworden ist, die in jüngster Zeit nicht mehr mit Schlagzeilen von sich… »