Die Kreativen von der Platte

Die Gemeinschaftsschule Heckengäu hat die Theaterpädagogik fest in ihrem Schulprofil verankert

Von Carolin Becker Erstellt: 15. März 2017, 00:00 Uhr
Die Kreativen von der Platte Mal kurz für die Presse in den Requisitenvorrat greifen und dann eine fototaugliche Szene produzieren? Kein Problem für die Sechstklässler Robbie (v.re.), Razul, Natalie, Malin und Felix. Theaterpädagogin Karin Winter kann sich auf die Rolle der Beobachterin beschränken. Foto: Becker

Wenn es in der Schule Theater gibt, erntet dafür niemand Applaus. Wenn die Schule dagegen Theater im ursprünglichen Sinn macht, springt dabei sogar mehr als Beifall heraus. Mit entsprechenden Erfahrungswerten kann die Gemeinschaftsschule Heckengäu dienen.

Mönsheim. Es verbessert die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten, stärkt das Selbstbewusstsein und den Zusammenhalt in der Gruppe: Theaterspielen, davon sind die Verantwortlichen der Heckengäuschule überzeugt, wirkt sich positiv auf Persönlichkeit, Kreativität und Sozialverhalten aus und kommt auch anderen Fächern zugute. Deshalb wurde an der Einrichtung, die auf die Standorte Wiernsheim und Mönsheim verteilt ist, mit Einführung der Gemeinschaftsschule Theater als Fach ins Schulcurriculum integriert. Diese Form dürfte landesweit ihresgleichen suchen, weshalb die Theaterpädagogin der Heckengäuschule, Karin Winter, am Freitag, 24. März, bei einer Fachtagung in Reutlingen von ihren Erfahrungen berichten wird. Von einer nachhaltigen und kontinuierlichen Arbeit will sie erzählen, von einem Ansatz, der allen Schülern und nicht nur den freiwilligen Teilnehmern einer Arbeitsgemeinschaft den Zugang zu kultureller Bildung und mehr ermöglicht.

Während Karin Winter, Rektorin Monika Becker und Konrektorin Judith Klöfer das Schulprofil an diesem Dienstagnachmittag vor Pressevertretern vorstellen, wirft der Beamer für das Funktionieren des Konzepts ein Beweisfoto nach dem anderen auf die Leinwand: Da reisen Schüler schauspielernd, tanzend, singend ins Weltall, in die Welt des Wolfgang Amadeus Mozart, oder sie setzen Wilhelm Hauffs „Kaltes Herz“ in Szene. Ob großes Musical mit über 500 Beteiligten oder eher überschaubare Aufführung: Die Freude am gemeinsamen Tun ist den Kindern und Jugendlichen anzusehen.

Doch markieren öffentliche Auftritte wie zuletzt im Rahmen eines literarischen Abends nur die nach außen wahrnehmbaren Höhepunkte einer Arbeit, die viel früher ansetzt. „Los geht es mit kleineren Projekten schon in den Klassen eins und zwei“, sagt Monika Becker. Diese würden von den Klassenlehrern betreut, ergänzt Karin Winter, die sich wiederum bei ihr Tipps holen könnten. Damit sind die Kollegen an der richtigen Adresse: Karin Winter hat berufsbegleitend den Erweiterungsstudiengang Spiel- und Theaterpädagogik belegt und ist mittlerweile für die Regierungspräsidien Karlsruhe und Stuttgart als Schultheatermultiplikatorin tätig. Schon lange vor Einführung der Gemeinschaftsschule gab sie ihre eigene Theaterbegeisterung an den Nachwuchs weiter. Doch die klassische Arbeitsgemeinschaft am Nachmittag habe sich schon allein aufgrund der weiten Schulwege, die viele Jugendliche zurückzulegen hätten, nicht etabliert. „Die Gemeinschaftsschule war unsere Chance“, blickt Schulleiterin Monika Becker zurück.

Nun habe sich in der Sekundarstufe folgendes System verfestigt: Die Fünftklässler kommen wöchentlich auf durchschnittlich eineinhalb Theaterstunden und erarbeiten eine große Produktion. Sklavisches Textlernen ist dabei nicht angesagt. „Es gibt Improvisationsaufgaben, es wird viel reflektiert, beobachtet, aufeinander abgestimmt, und daraus setzt sich schließlich ein Ganzes zusammen“, erläutert Karin Winter. In Klasse sechs steht eine Wochenstunde Theater auf dem Stundenplan, und nach einem Schwerpunkt, der im ersten Halbjahr auf Sprechen, Artikulation und Textdeutung liegt, richtet sich in Halbjahr zwei der Fokus auf die Gestaltung eines literarischen Abends. Im siebten Schuljahr findet sich das Theaterspiel als vierwöchiges Projekt wieder, das in den Kunstunterricht eingebettet ist. „Auch danach wird es weitergehen, die Planungen für Klasse acht laufen“, schaut Karin Winter voraus. An der Motivation der Schüler fehle es nicht, und glücklicherweise sei nun auch eine zweite Theaterlehrerin an Bord. Besonders bereichernd sei zudem das Mitwirken der Kinder aus den Kooperationsklassen der Gustav-Heinemann-Schule für geistig- und körperbehinderte Schüler.

Dass Theater Brücken bauen kann, hat auch Razul aus Afghanistan erlebt. „Als er hierherkam, sprach er kein Deutsch“, erinnert sich Karin Winter. Ein Schuljahr später sitzt der Zwölfjährige neben vier Kameraden aus der Stufe sechs und kann seinen Gewinn aus dem ganz besonderen Fach schon in Worte fassen. „Ich habe am Anfang nicht verstanden, was die Lehrerin sagte, aber beim Theaterspielen habe ich mir einfach von den anderen abgeschaut, was zu tun war“, sagt Razul. Auch schwer auszusprechende Vokabeln hielten ihn nicht davon ab, in die Rolle des Holländer-Michel zu schlüpfen. Diese teilte er sich mit zwei Kollegen, denn ein Prinzip werde immer befolgt: „Alle Schüler sind Teil der Aufführung“, betont Karin Winter. Den einen Star im Mittelpunkt gebe es nicht. So wüchsen auch Akteure, die am Anfang fast sprachlos seien, über sich hinaus. „Manche Eltern erkennen ihr Kind nicht wieder“, gibt Monika Becker Reaktionen nach Aufführungen wieder.

Die Gemeinschaftsschule sieht sich mit ihrem Profil auf dem richtigen Weg. Dass diesen noch mehr Bildungseinrichtungen beschreiten können, habe sich der Landesverband Theater in Schulen Baden-Württemberg auf die Fahnen geschrieben und jüngst ein Positionspapier vorgelegt. Doch nicht überall seien die Voraussetzungen so günstig wie in der vergleichsweise großen Heckengäuschule, die durch Schwerpunktsetzung Räume für die Theaterarbeit gefunden habe. Um diese auch andernorts fest zu etablieren, brauche es Personal und Stunden, sagt Monika Becker, „und da hält sich das Ministerium sehr zurück“.

Razul und seine Freunde Robbie, Felix, Malin und Natalie jedenfalls können für das Profil nur werben. „Man sammelt Erfahrungen, wird selbstbewusst und traut sich mehr zu“, zählt Robbie die Vorzüge auf. Und Beifall gibt es noch dazu.

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