„Umbau ist billiger“

Erlenbach Center, neue Kulturhalle oder Sanierung des Mühlehofs ? Ulrich Bandle, Jörg Sattler und Rainer Wenz stellen ihr Konzept vor

Von Fragen von Thomas Eier Erstellt: 23. Juli 2016, 00:10 Uhr
„Umbau ist billiger“ Wortführer des Widerstands: Ulrich Bandle, Jörg Sattler und Rainer Wenz (v. li.) wollen statt eines neuen Einkaufszentrums die Kultur am Kelterplatz erhalten – und dafür den Mühlehof umbauen. Foto: Eier

Mühlehof sanieren oder abreißen ? Neue Kulturhalle oder Einzelhandel ? Seit der Gemeinderat mehrheitlich den Abbruch beschlossen hat, machen
Ulrich Bandle, Rainer Wenz und Jörg Sattler gegen das Erlenbach Center mobil und fühlen sich durch die Absage der Ankermieter H & M und New Yorker bestätigt.

Vor der Gemeinderatssitzung am kommenden Dienstag umreißt das Trio im Interview seine Vorschläge für einen Neuanfang – und zwar mit Mühlehof.

Eine Prognose bitte: Wie sieht das Mühlacker Stadtzentrum in zehn Jahren aus ?
Wenz: Wie wir in der Verwaltung immer zu sagen pflegten: „Nach dem derzeitigen Stand der Planungen“ ist der Mühlehof dann abgerissen, das Erlenbach Center ist gebaut und steht als Ruine da.

Bandle: Ich meine, unsere eigene Initiative hat gute Chancen. Es gibt neue Aspekte, die gegen ein Erlenbach Center sprechen.

Sattler: Nach den derzeitigen Mehrheitsverhältnissen im Gemeinderat wäre der Mühlehof abgerissen, wenn es kein Umdenken gibt, nachdem die Ankermieter abgesprungen sind und eigentlich allen klar sein muss, dass ein Erlenbach Center schon aus diesem Grund scheitern muss.

Haben Sie Verständnis für diejenigen, die genug haben vom Stillstand ?
Bandle: Absolut. Der Ist-Zustand ist absolut unbefriedigend.

Sattler: Wir haben mittlerweile den vierten Versuch, hier etwas zu ändern, und das Ganze dauert schon viel zu lang. In dieser Zeit wird ein Standort irgendwann totgeredet, und das betrifft den Kulturbetrieb genauso wie mögliche Investoren.

Es gebe von den Gegnern eines Erlenbach Centers nur Vorwürfe, keine Vorschläge, sagt Oberbürgermeister Frank Schneider . . .
Wenz: Wobei der Oberbürgermeister den Abbruch ja schon lange betreibt. Seit dem Wahlkampf . . .

Sattler: Das muss man ihm zugestehen, da war er ehrlich. Wobei wir im Zweifel auch offen wären für einen Abriss und den Neubau einer Kulturhalle an gleicher Stelle.

Wenz: Nicht unbedingt, denn nach unserem Kenntnisstand wäre ein Umbau billiger als ein Neubau.

Sattler: Wir stellen uns einen Umbau des Mühlehofs vor unter Erhalt der Bausubstanz. Also keinen Totalabriss.

Bandle: Stichwort Revitalisierung.

Sattler: Es geht darum, den Kulturteil, der heute kaum als solcher zu erkennen ist, nach außen sichtbarer zu machen. Handel an diesem Standort ist gescheitert, deshalb Dienstleistungen – Finanzamt, Volkshochschule, Enzkreis-Behörden . . .

Nochmals zur Klarheit: Das wäre Ihr Konzept ?
Bandle: Wir hatten am Wochenende ein intensives, mehrstündiges Gespräch mit einem renommierten Architekten aus der Region, einem ausgewiesenen Kenner des Mühlehofs. Die Alternative, die sich ergeben hat, sieht folgendermaßen aus: Der kulturelle Teil bleibt bei der Stadt, der andere Teil wird getrennt davon mit Dienstleistern und eventuell Wohnungen neu genutzt, indem private Investoren den Umbau mitfinanzieren. Die Fassade wird neu gestaltet, das Kupfer kommt weg, und insgesamt erhält der Mühlehof ein neues Erscheinungsbild. Der Kulturbereich wird optisch und technisch aufgewertet.

Wenz: Der Kulturbereich bleibt städtisch, der Rest wird privat.

Ihr Vorschlag wäre eine erneute Teilprivatisierung des Mühlehofs ? Was wäre dann das Neue ?
Bandle: Kein Handel mehr und keine leer stehenden Gewerbeflächen.

Sattler: Es geht darum, die Alternativen sorgfältig auszuloten, denn die Substanz, sagt der Architekt, ist grundsätzlich gut.

Wenz: Und ein Umbau sei billiger als ein Neubau.

Bandle: Und es gäbe die ganzen Unwägbarkeiten nicht mehr, die mit einem Abriss verbunden wären.

Sie hätten tatsächlich die Hoffnung, dass sich ein Investor für den privaten Teil finden lässt ?
Sattler: Vorstellbar wäre ein Konsortium, wobei sich Bürger mit beteiligen könnten. Geld ist vorhanden, sowohl bei Banken wie auch bei privaten Geldanlegern. Die Mieteinnahmen und die Rendite wären durch öffentlich-rechtliche Mieter wie das Finanzamt, die Volkshochschule oder andere Behörden sowie durch Arztpraxen garantiert.

Bandle: Man muss sich auch vor Augen halten, dass der Mühlehof nach dem Umbau völlig anders aussehen würde. Vielleicht sogar mit einem neuen Namen . . .

Stellen wir uns das Verfahren vor: Drohen dann nicht mindestens weitere fünf Jahre Stillstand ?
Wenz: Das hängt davon ab, wie entschlossen man das betreibt und dass man es nicht schleifen lässt wie bisher.

Bandle: Bislang hat man die kreativen Ideen vermisst, es gab immer nur den Status quo, also mit Einzelhandel, der an diesem Standort nicht funktioniert.

Wenz: Mit dem Beschluss, dass abgebrochen wird, war sowieso alles andere vom Tisch. Nehmen Sie den Brandschutz, dafür gibt es überall – ob in Asylunterkünften oder in Schulen – einfache Lösungen. Oder was eine neue Bühnentechnik für den Theaterbetrieb betrifft, die ist heute deutlich billiger.

Sattler: Was uns atmosphärisch ärgert: Es wird ein richtiger Hass gegen den Mühlehof aufgebaut. Die CDU spielt jetzt die Schulen gegen den Mühlehof aus.

Andererseits bedienen Sie sich teilweise auch eines, mit Verlaub, aggressiven und nicht immer sachlichen Tonfalls . . .
Sattler: Das sei dahingestellt, aber wir befinden uns in einer heftigen Kontroverse, da muss man Farbe bekennen und darf auch einmal schärfere Töne anschlagen. Sonst wacht ja niemand auf.

Wenz: Der große Fehler war, dass es keinen Bürgerentscheid gab.

Wie hätte für Sie, bei einem komplexen Thema, die passende Frage an die Bürger gelautet ?
Bandle: Soll die Kultur an diesem Standort bleiben ?

Womit die Frage des Mühlehofs – sanieren oder abreißen ? – weiter ungeklärt geblieben wäre . . .
Wenz: Ein 30 Jahre altes Haus reißt man nicht ab.

Und wenn ein neues, moderneres billiger ist ?
Bandle: Das ist das Problem, dass man die 30 Millionen Sanierungskosten wie eine Monstranz vor sich herträgt. Sollte eine realistische Überplanung ergeben, dass eine Sanierung in jedem Fall teurer wäre, würden wir nicht am Mühlehof hängen – aber am Standort für den Kulturbetrieb.

Sattler: Der Standort ist dafür ideal, mit der Tiefgarage und allem Drumherum.

Eine neue Halle wird auf zehn bis 15 Millionen Euro geschätzt . . ,
Wenz: Das reicht nie. Ich habe allein für den Mühlehof-Saal mal hochgerechnet, und etwas Vergleichbares läge heute bei 20 Millionen Euro.

Was wären Sie bereit, für eine Sanierung beziehungsweise für einen Umbau des Mühlehofs ausgeben ? Bitte eine konkrete Summe.
Sattler: Im Gespräch mit dem Architekten waren wir uns einig, dass eine Sanierung des kulturellen Teils im Bereich von zehn Millionen Euro liegen würde.

Der Bereich der künftigen Dienstleister, wie immer eine räumliche Trennung aussehen könnte, müsste von privaten Investoren saniert werden ?
Sattler: Die Bereiche wären konsequent voneinander getrennt, soweit das rechtlich, technisch und organisatorisch möglich ist.

Bandle: Was die Frage nach Investoren betrifft: Warum hat sich ein Investor für ein Erlenbach Center gefunden ? Weil er sich Einnahmen verspricht, und die wären bei unserem Alternativvorschlag durch Mieter wie das Finanzamt und die Volkshochschule garantiert.
Was im Übrigen bislang gar nicht stattgefunden hat, ist eine Aufarbeitung der Sitzung vom 22. März, als der Investor die Namen H & M und New Yorker genannt hat und alle Befürworter über das Stöckchen gesprungen sind, das er ihnen hingehalten hat. Die Mehrheit im Gemeinderat hat sich bei ihrer Entscheidung an den bekannten Namen H & M und New Yorker orientiert, und da stellt sich schon die Frage, ob OB Schneider gewusst hat, dass die Verträge noch nicht unterschrieben sind . . .

Verträge werden unter Verschluss gehalten, Gutachten sind mutmaßlich gefälscht, den Investoren werden angeblich Versprechungen gemacht, für die die Stadt nachher bluten muss: An Verschwörungstheorien mangelt es – auch in Leserbriefen – nicht. Weshalb dieses Misstrauen ?
Bandle: Ich zweifle das Gutachten von Drees & Sommer nicht an, aber die Zielsetzung war völlig falsch – keine maximale, sondern eine kostengünstigste Sanierung sollte die Aufgabe des Gutachtens sein.

Wenz: Das ist den Leuten nicht zu vermitteln, dass eine Sanierung der Liederhalle in Stuttgart 17 Millionen kosten soll und die des Mühlehofs 30 Millionen.

Sattler: In dem Gutachten stecken Dinge drin, die fern der Realität sind. Und der Mühlehof wurde so lange systematisch vernachlässigt, bis irgendwann ein Zustand erreicht ist, wo es heißt, es lohne sich nicht mehr.

Aber noch mal die Frage: Woher kommt dieses Misstrauen ?
Wenz: Warum konnten die Investoren nicht vorher sagen, wer die Mieter sind ? Nicht einmal der Gemeinderat wusste Bescheid, das ist doch nicht normal.

Sattler: Und was den Vorwurf der Geheimniskrämerei betrifft: Dass die Investoren die Verträge nicht öffentlich machen wollen, ist einerseits verständlich, aber andererseits geht es um öffentliches Eigentum. Dass die Bürger Bescheid wissen, halte ich für wichtig, und in dieser Hinsicht warten wir ja noch auf eine Entscheidung des Regierungspräsidiums.

Bandle: Unsere kritische Sichtweise beruht nicht allein auf Unterstellungen, sondern auf dem Wissen, dass es Klauseln im Vertrag gibt, die zu einem Desaster für die Stadt führen könnten.
Grundsätzlich meine ich, der OB und die Befürworter des Abbruchs im Gemeinderat haben eigentlich gute Absichten . . .

Sattler: Sie meinen, sie tun das Beste für die Stadt.

Was würden Sie sich von den Fraktionen wünschen, die – wie Sie – das Erlenbach Center ablehnen, also von Freien Wählern und SPD ? Oder anders gefragt: Welchen Antrag würden Sie für die Sitzung am Dienstag formulieren ?
Bandle: Zunächst: keine Fristverlängerung für die Investoren. Dann: Rückzug vom Erlenbach Center und stattdessen Kultur an diesem Standort erhalten. Dann eine neue Überplanung beziehungsweise eine Machbarkeitsstudie für einen Teilumbau des Mühlehofs bei Erhalt der Grundsubstanz und strikter Trennung von Kulturteil und Dienstleistungsbereich unter Einbeziehung privater Geldgeber.

Wie wäre also Ihr Idealbild vom Stadtzentrum in zehn Jahren ?
Sattler: Ein belebter Mühlehof mit Kulturbetrieb und Dienstleistungen.

Bandle: Ein Mühlehof in neuem Gewand.

Und wie lange bräuchte das Verfahren ?
Wenz: Mit drei Jahren müsste man sicherlich rechnen. Aber bei einem Abbruch dauert es mindestens genauso lang.

 

Zu den Personen:

Rainer Wenz:
Der 74-Jährige war von 1971 bis zum Eintritt in den Ruhestand 2005 im Bau- und Planungsamt der Stadt Mühlacker beschäftigt, zuletzt als stellvertretender Amtsleiter und Abteilungsleiter für die Stadtplanung.

Jörg Sattler:
Der 75-jährige Notariatsassessor im Ruhestand war, bis er auf eigenen Wunsch ausschied, von 1968 bis 1995 Mitglied des Gemeinderats, zuletzt als Fraktionschef der SPD.

Ulrich Bandle:
Als selbstständiger Einzelhändler hat der 62-Jährige, der eine Periode für die SPD im Gemeinderat saß, gut zehn Jahre lang verschiedene Textilgeschäfte in Mühlacker betrieben.

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