Verwandlung ohne Zauberstab

Hinter den Kulissen des Theaters Pforzheim – Teil elf: Maskenbildnerin Ulrike Lehmann-Ort

Von Carolin Becker Erstellt: 14. Januar 2016, 00:10 Uhr
Verwandlung ohne Zauberstab Jasaman Roushanaei wird zwischen zwei Vorstellungen von „Geschichten aus 1001 Nacht“ kurz von Natalie Kottmann nachgeschminkt. Sie zählt zu den Freiberuflern, die das Team verstärken. Foto: Becker

Sie verpasst unschuldigen Menschen Narben, Tattoos von furchteinflößender Größe, und sie lässt auch mal Blut fließen. Alles ungestraft. Schließlich übt Ulrike Lehmann-Ort keine Gewalt, sondern eine hohe Kunst aus.

Pforzheim. Vielleicht war die Großtante schuld, die ihr Abonnement nicht immer selbst in Anspruch nehmen konnte und ab und an die junge Großnichte ins Karlsruher Theater schickte. Vielleicht hätte diese ihr kreatives Potenzial aber auch ohne den familiären Impuls in jenen Bereich gelenkt, in dem die heute 53-Jährige ihre berufliche Erfüllung gefunden hat: Als Maskenbildnerin ist Ulrike Lehmann-Ort seit zwölf Jahren am Theater Pforzheim tätig.

Der Weg zum ersehnten Ziel führte über die als Grundlage erforderliche Friseurlehre zurück zum Ort der ersten Begegnung mit der Welt der Bühne, dem Staatstheater in Karlsruhe, wo Ulrike Lehmann-Ort ihren Traumberuf erlernte und in diesem bis zu einer Familienpause tätig war. Als die Kinder etwas größer waren, arbeitete sie freiberuflich unter anderem fürs Fernsehen und im Bereich Film. „Der Beruf ist unheimlich vielseitig“, berichtet die Maskenbildnerin unter anderem von SWR-Shows, deren Akteuren sie dabei half, möglichst vorteilhaft auf dem Bildschirm zu erscheinen. Das Feuermal eines gewissen Herrn Gorbatschow freilich habe sie nicht verschwinden lassen, erzählt sie von einer spannenden Begegnung.

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  • Ulrike Lehmann-Ort zeigt ein Tattoo, das ein Darsteller in der „West Side Story“ trägt. (Foto: Becker)

  • Aufwendig hergestellt oder umgearbeitet werden auch zahlreiche Perücken und Toupets. Das dafür eingesetzte Haar ist echt – und dementsprechend kostbar. (Foto: Becker)

  • Aufwendig hergestellt oder umgearbeitet werden auch zahlreiche Perücken und Toupets. Das dafür eingesetzte Haar ist echt – und dementsprechend kostbar. (Foto: Becker)

  • Unzählige Arbeitsstunden hat Ulrike Lehmann-Ort in den Wassermann-Kopf investiert, der in der Oper „Rusalka“ zum Einsatz kam. (Foto: Becker)

  • Aufwendig hergestellt oder umgearbeitet werden auch zahlreiche Perücken und Toupets. Das dafür eingesetzte Haar ist echt – und dementsprechend kostbar. (Foto: Becker)

  • Beim Schminken geht alles genau nach Plan. (Foto: Becker)

  • Jasaman Roushanaei wird zwischen zwei Vorstellungen von „Geschichten aus 1001 Nacht“ kurz von Natalie Kottmann nachgeschminkt. Sie zählt zu den Freiberuflern, die das Team verstärken. (Foto: Becker)

Spannend genug ist auch, womit sie am Theater in Pforzheim zu tun hat. „Jeder Tag bringt neue Herausforderungen mit sich“, verweist Ulrike Lehmann-Ort längst nicht nur auf den sogenannten Abenddienst, in dessen Verlauf sich streng nach Schminkplan unter ihren und den Händen einer Kollegin die Verwandlung der Darsteller vollzieht. Schließlich gelte es auch, laufende und geplante Produktionen vorzubereiten, wie es an diesem Mittwochvormittag auf ihrem persönlichen Dienstplan steht. Da wollen beispielsweise später ohne Lasereinsatz wieder zu entfernende Tattoos aus Silikon angefertigt werden. Perücken und Toupets, die auf der Bühne im Einsatz waren, gilt es wieder in einen makellosen Zustand zu versetzen, andere wollen aus dem Fundus geholt und für eine künftige Verwendung angepasst werden, wieder andere entstehen völlig neu.

Ulrike Lehmann-Ort greift hinter sich in eine Schublade und fördert daraus einen Schatz zutage. „Das ist echtes Haar aus Asien“, zeigt sie auf eine gebündelte rotbraune Pracht. Umsonst gebe es die bereits präparierte und passend gefärbte Kostbarkeit nicht: „Der reine Materialwert für eine Langhaarperücke liegt zwischen 1000 und 1500 Euro.“ An Arbeitszeit investiere sie durchschnittlich rund 40 Stunden, erzählt die Durmersheimerin.

Noch wesentlich länger habe sie sich mit Jochanaan beschäftigt – oder vielmehr mit seinem Kopf, von dem sich der Darsteller in der vor einigen Jahren in Pforzheim gespielten Richard-Strauss-Oper „Salome“ unfreiwillig trennte. Das edle Haupt, das Ebenbild des damals mit der Rolle betrauten Schauspielers, ruht in einer Schüssel, und wenn die Frau, die es mit Hilfe von Fotos und Silikon geformt hat, das schützende Tuch zur Seite zieht, erscheint ein altersloses Gesicht. „Die Haare sind einzeln eingestochen“, sagt sie, und dies sei nicht die einzige Herausforderung gewesen. „Der Kopf brauchte ein bestimmtes Gewicht, und es musste daraus Blut fließen“, berichtet die Maskenbildnerin. Ein Schwamm, getränkt mit einer Mischung aus Tee und Rote-Bete-Saft, habe für den gewünschten Effekt gesorgt. Ihr Jochanaan sei ihr ans Herz gewachsen, sagt sie, auch wenn ihr jüngeres Kind, der Wassermann aus „Rusalka“, ihm mächtig Konkurrenz mache. „Das Material ist in der Zwischenzeit immer besser geworden“, schwärmt Ulrike Lehmann-Ort von einer künstlichen Haut, der keine Risse mehr drohen.

Hautnah erlebt sie auch die leibhaftigen Stars des Theaters. „Ich mag alle hier. Berührungsängste habe ich nicht“, betont die 53-Jährige, die zu einem inklusive einer Auszubildenden sieben Mitarbeiterinnen starken Team zählt. Dieses wiederum werde von Freiberuflern verstärkt. „Wir arbeiten in einer Phase, in der sich die Darsteller vor ihrem Auftritt noch einmal sammeln können“, weiß Ulrike Lehmann-Ort. „Wenn sie hier entspannt rausgehen, haben wir unser Ziel erreicht.“ Selbst wolle sie sich im übrigen nicht in ein anderes Wesen verwandeln lassen. „In meiner Rolle fühle ich mich sehr wohl“, versichert sie, mit Herzblut bei der Sache zu sein. Mit dem Echten. Nicht jenem aus Tee und Saft.

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