Immer am Zug

Hinter den Kulissen des Theaters Pforzheim – Teil sieben: Bühnentechniker Thomas Kricheldorf

Von Carolin Becker Erstellt: 8. Januar 2016, 00:01 Uhr
Immer am Zug Schwindelfrei muss ein Bühnentechniker auf jeden Fall sein – hier ein Blick vom Schnürboden auf die gut 13 Meter tiefer liegende Spielfläche. Foto: Becker

In Quadratmetern misst er seinen winzigen Arbeitsplatz, an dem er während der Vorstellung sitzt, nicht. Umso größer ist die Verantwortung, die der Bühnentechniker Thomas Kricheldorf trägt.

Pforzheim. Zügig geht die Arbeit voran. Das gilt nicht nur für die fast schlafwandlerische Sicherheit, mit der sich der 46-Jährige im Labyrinth der schmalen Gänge und Treppen neben, unter und über der Bühne bewegt. Der Begriff prägt auch im wörtlichen Sinn den Alltag von Thomas Kricheldorf, sorgt er doch mit sogenannten Handzügen und den elektrisch gesteuerten Pendants dafür, dass sich wie von Zauberhand Teile des Bühnenbilds von oben nach unten oder umgekehrt bewegen. Doch bevor exakt nach Ablaufplan Wände und mehr wandern, kommt dem Bühnentechniker eine für die Zuschauer elementar wichtige Aufgabe zu: Er öffnet auf das Kommando des Inspizienten hin den Hauptvorhang. Dessen Position liest er auf den Zentimeter genau auf einem hinter der Bühne platzierten Monitor ab.

Dort im Halbdunkel beginnt der Aufstieg des gelernten Elektroinstallateurs, der sich mit jeder Probe, jeder Vorstellung neu vollzieht: Ein steiler Aufstieg ist es, den er über eine Leiter meistert. Sie verbindet die Ebene der Bühne mit dem gerade für einen kleinen Tisch samt Stuhl ausreichenden Podest, von dem aus die E-Züge gesteuert werden. „Platzangst darf man natürlich nicht haben“, beschreibt Thomas Kricheldorf eine Grundvoraussetzung für seinen Job. Höhenangst wäre ebenso hinderlich, führt der Weg des aus Karlsruhe stammenden Wahl-Eisingers doch in alle Bereiche des Theaters – auch mal hinauf auf den Schnürboden, von dem aus am besten nur der Blick rund 13,70 Meter tief nach unten fällt. Scheinwerfer, Zugstangen, Stahlseile: Technik prägt hier das Bild. Noch hängt eine Wand auf halber Strecke, die später am exakt richtigen Ort platziert werden will. „Das ist schon eine verantwortungsvolle Aufgabe“, weiß Thomas Kricheldorf.

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  • Thomas Kricheldorf auf Stufen, die ins Reich unter der Bühne führen. (Foto: Becker)

  • Die Bühne ist hell erleuchtet. (Foto: Becker)

  • Nicht so Thomas Kricheldorfs Arbeitsplatz, den er über eine schmale Leiter erreicht. (Foto: Becker)

  • Ein Walkie-Talkie ist immer griffbereit. (Foto: Becker)

  • Zuständig ist der Bühnentechniker unter anderem auch für den Hauptvorhang, dessen Position sich zentimetergenau auf einem Monitor ablesen lässt. (Foto: Becker)

  • Effektives und leises Arbeiten ist hinter den Kulissen gefordert.

  • Schwindelfrei muss ein Bühnentechniker auf jeden Fall sein – hier ein Blick vom Schnürboden auf die gut 13 Meter tiefer liegende Spielfläche. (Foto: Becker)

Ein falscher Handgriff – und im schlimmsten Fall drohe den Akteuren auf der Bühne eine tödliche Gefahr. Umso mehr, wenn diese sich nicht auf den Brettern, die die Welt bedeuten, sondern darüber in der Luft bewegen: Stahlseile und das Know-how der Bühnentechniker lassen die Darsteller, wenn es die Handlung erfordert, abheben. Doch auch in die andere Richtung führen Mittel und Wege: Nicht nur Kulissenbestandteile können trickreich Richtung Unterbühne befördert werden, auch Schauspieler oder Sänger zieht es mitunter in die „Unterwelt“. Die dafür zuständige Technik sei nicht vor Ausfällen gefeit, erinnert sich Thomas Kricheldorf an ein streikendes Hubpodium. Die von ihm eigentlich zu transportierende Dame habe aber, ohne dass das Publikum die Panne bemerkt habe, über eine Treppe ihren Einsatzort erreicht.

Dass sein Arbeitsplatz einmal Theater heißen, dass er als Vorarbeiter und Obermaschinist mit Zusatzqualifikationen zum großen Technik-Team zählen würde, war im Leben des Thomas Kricheldorf keineswegs vorgezeichnet. Als seine vorherige Firma Kurzarbeit angemeldet habe, sei er zu einem Neuanfang gezwungen worden, blickt er zurück. Da habe es sich glücklich gefügt, dass das Theater gerade einen Bühnentechniker, damals noch kein Lehrberuf, gesucht habe. „Voraussetzung war eine handwerkliche Ausbildung“, berichtet Kricheldorf. Die brachte er ebenso mit wie die Fähigkeit, kräftig zupacken zu können. 300 Kilogramm könne ein Bestandteil des Bühnenbilds durchaus einmal auf die Waage bringen. Und ab- und aufgebaut werde zwischen Märchenvorstellung und Musical, Oper und Schauspiel, Probe und Vorstellung ständig. „Nach der Vorstellung sind wir noch etwa eineinhalb Stunden mit dem Abbau beschäftigt“, erläutert er. Stünden, wie derzeit häufig, schon am Morgen die „Geschichten aus 1001 Nacht“ auf dem Programm, beginne der Tag mit dem Aufbau bis zu zwei Stunden vorher. Den Gang ins Fitnessstudio könne er sich jedenfalls sparen, sagt der Eisinger, der, wenn es sein im Zweischichtbetrieb getakteter Einsatzplan zulässt, in der Freizeit gern Motorrad fährt.

Doch auch beruflich zieht es ihn immer wieder hinaus – dann nämlich, wenn das Theater Gastspiele in anderen Städten gibt. „Es ist eine Herausforderung, die Kulissen dem Spielort anzupassen, ohne sie zu verschandeln. Das ist manchmal ganz schön knifflig“, sagt der Bühnentechniker mit Blick auf einige seiner Kollegen, die gerade einen Bestandteil eines Bühnenbildes reisefertig machen und dafür sorgsam zerlegen. Was gerade weder auf der Pforzheimer noch auf einer anderen Bühne benötigt wird, findet sich im großen Lager wieder, wo die Skaterrampe aus Bernsteins Musical „West Side Story“ in friedlicher Koexistenz mit einem Kulissenteil aus Monteverdis Oper „Die Krönung der Poppea“ lebt.

Die Rückseite des schönen Scheins ist stets unscheinbar, die Vorderseite wie etwa das Bühnenbild der „Csárdásfürstin“, für die an diesem Vormittag geprobt wird, dafür umso aufwendiger gestaltet. Lohnt sich für ihn persönlich der Aufwand, wenn den Beifall am Ende doch nur die auf der Bühne oder im Orchestergraben sichtbaren Akteure entgegennehmen ? „Auf jeden Fall“, versichert Thomas Kricheldorf. „Mein Job ist vielseitig und macht tierisch Spaß. Man kann sich immer wieder selbst einbringen und Ideen entwickeln.“ Und den Beifall gönne er den Darstellern. „Da bin ich nicht neidisch. Schließlich erbringen sie die Hauptleistung.“ Aber erst dann, wenn ihnen der Mann, der im Hintergrund am Zug ist, den Vorhang geöffnet hat.

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