Die Hüterin der Schätze

Hinter den Kulissen des Theaters Pforzheim – Teil neun: Requisiteurin Annette Pagani

Von Carolin Becker Erstellt: 12. Januar 2016, 00:10 Uhr
Die Hüterin der Schätze Ein Paradies längst nicht nur für Kinder ist der Fundus der Requisite des Stadttheaters in Pforzheim. Dort wird auf engem Raum alles gelagert vom Stofftier bis zum Spazierstock. Foto: Becker

Am Flughafen würde der zerfledderte, abgelaufene und zur Krönung noch mit einem falschen Foto ausgestattete Pass seinem Besitzer einen Auftritt vor der Polizei bescheren. Am Theater Pforzheim dagegen kommt eben jener Pass vor Publikum zur Geltung – wie zahllose andere Requisiten, über die Annette Pagani und ihre Kolleginnen wachen.

Pforzheim. Über den Lautsprecher der Mithöranlage dringen die Stimmen der Schauspieler, die an diesem Montagmorgen für das Märchen „Geschichten aus 1001 Nacht“ auf der Bühne stehen, bis hinunter ins Büro der Requisite. Und märchenhaft mutet auch die Ansammlung von Gegenständen unterschiedlichster Art an, die hier in beschrifteten Schubladen, in schweren, die Flure säumenden Stahlschränken und im Fundus nur darauf warten, den Sprung ins Rampenlicht zu schaffen. Dort benötigt schließlich Schauspieler x eine Sonnenbrille, Sängerin y eine Handtasche und Musicaldarsteller z ein Bügelbrett.

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  • Wenn auf der Bühne ein Ausweisdokument benötigt wird, gehen Requisiteure wie Annette Pagani kreativ zu Werke: Da wird entweder ein ungültiger Pass mit dem Foto des Schauspielers ausgestattet, oder ein Notizbuch im passenden Format kommt zu unverhofften Ehren. (Foto: Becker)

  • Ein Paradies längst nicht nur für Kinder ist der Fundus der Requisite des Stadttheaters in Pforzheim. Dort wird auf engem Raum alles gelagert vom Stofftier bis zum Spazierstock. (Foto: Becker)

  • Brillen, Bettzeug, ein historisches Telefon, ein Steuerrad und alte Waffen: Es gibt praktisch nichts, was im Theater nicht irgendwann in einer Produktion benötigt werden könnte. (Foto: Becker)

  • Brillen, Bettzeug, ein historisches Telefon, ein Steuerrad und alte Waffen: Es gibt praktisch nichts, was im Theater nicht irgendwann in einer Produktion benötigt werden könnte. (Foto: Becker)

  • Brillen, Bettzeug, ein historisches Telefon, ein Steuerrad und alte Waffen: Es gibt praktisch nichts, was im Theater nicht irgendwann in einer Produktion benötigt werden könnte. (Foto: Becker)

  • Brillen, Bettzeug, ein historisches Telefon, ein Steuerrad und alte Waffen: Es gibt praktisch nichts, was im Theater nicht irgendwann in einer Produktion benötigt werden könnte. (Foto: Becker)

  • Brillen, Bettzeug, ein historisches Telefon, ein Steuerrad und alte Waffen: Es gibt praktisch nichts, was im Theater nicht irgendwann in einer Produktion benötigt werden könnte. (Foto: Becker)

Dies und noch viel mehr vom Buch über das Geschirr bis hin zur Bettwäsche bringen Annette Pagani, seit Januar Leiterin der Requisite, und ihre drei Kolleginnen in enger Absprache mit dem für das jeweilige Stück zuständigen Ausstatter auf die Bühne. „Mal bleibt mehr, mal weniger Raum für eigene Kreativität“, berichtet die 52-Jährige von teils bis ins Detail zeichnerisch festgehaltenen Vorgaben, teils von eher pauschal formulierten Ideen. „Manchmal erübrigt sich aber auch jede Diskussion, wenn wir von einem gewünschten Gegenstand genau ein Exemplar vorrätig haben.“

Einzigartig, oft skurril, wertvoll und in einigen Fällen sogar von historischer Bedeutung ist tatsächlich mancher Schatz, den Annette Pagani hütet. „So etwas sieht man sonst im Museum“, verweist sie beispielhaft auf ein altes Telefon, das, sollte es in einer Produktion benötigt werden, erst kurz vor der Aufführung „persönlich“ erscheinen würde. Ansonsten würden anstelle filigraner oder schwer wiederzubeschaffender Gegenstände zunächst Probenrequisiten, also pflegeleichte Alternativen, verwendet. Statt den gut erhaltenen Bader-Katalog aus dem Jahr 1967 herauszugeben, werde im Zweifelsfall lieber ein Exemplar täuschend echt kopiert.

Anderes wiederum ist unverfälscht in beeindruckenden Mengen vorhanden: Tischtücher etwa, Spitzendeckchen, Flaschen, Gläser, Teller und weitere Haushaltswaren. Auch Bücher füllen ganze Schränke. „Don Quijote“ teilt sich ein Regal mit einem Predigtbuch, und für den Durchblick beim Lesen ist ebenfalls gesorgt: „Brillen werden sehr häufig benötigt“, verweist die Requisiteurin auf sorgfältig beschriftete Schubladen in ihrem Büro, in denen sie für jede Gelegenheit das passende Nasenfahrrad findet. Auch an Handtaschen, die im Fundus dicht an dicht sicher mancher Betrachterin leuchtende Augen bescheren, besteht kein Mangel. Ob Designerstück oder Massenware: „Irgendwann kommt auch für diese Tasche die große Stunde“, zeigt Annette Pagani auf ein vielleicht nicht besonders schönes, dafür aber auffälliges Exemplar.

Vieles, was im Untergeschoss des Theaters gelagert wird, sei gespendet worden, erzählt Annette Pagani von Haushaltsauflösungen, Zeitungsaufrufen, in denen um bestimmte Artikel gebeten werde, und von ganz persönlichen Geschenken. So habe eine alte Dame den Koffer ihres Vaters abgegeben, den dieser selbst aus Holz gebaut habe und mit dem er aus der Kriegsgefangenschaft von Afrika nach Pforzheim zurückgekehrt sei. Dieses Stück befinde sich im Außenlager. „Sollte dem Koffer etwas passieren, würde es mir das Herz brechen“, sagt Annette Pagani.

Dass Koffer auf der Bühne tatsächlich gefährlich leben, habe unlängst die Premiere der Operette „Die Csárdásfürstin“ bewiesen, in deren Verlauf ein Exemplar Schäden davongetragen habe. Der Weg führe dann ins Büro der Requisite, wo kleinere Reparatur- und Bastelarbeiten durchgeführt werden. Ein weder von menschlichen Essern noch von Mäusen bedrohtes Baguette auf Zeitungspapiergrundlage etwa hat das Budget ebenso wenig belastet wie ein selbst gebautes Wandtelefon aus Holz. „Wir kaufen zwar bestimmte Stücke ein, früher häufig auf Flohmärkten, mittlerweile meist übers Internet. Handwerkliches Geschick ist aber unbedingt erforderlich, um Dinge herzustellen oder den Anforderungen entsprechend umzumodeln“, nennt Annette Pagani eine Grundvoraussetzung für ihren Beruf. Zu diesem ist die seit jeher theateraffine Pforzheimerin, deren Vater als Bauleiter den Neubau vorangetrieben hat, deren Sohn Kontrabass studiert und deren Ex-Mann Andrea Matthias Pagani lange dem Musiktheaterensemble des Hauses angehörte, auf Umwegen gelangt. Statisterie, Aushilfe in der Schneiderei, eine Schwangerschaftsvertretung in der Requisite: Dies sind die Stationen der 52-Jährigen hin zu jenem Betätigungsfeld, das sie nach wie vor fasziniert.

„Die Abwechslung ist groß. Jedes Ausstattungskonzept bringt neue Herausforderungen mit sich“, sagt Annette Pagani. Die bereits gemeisterten Aufgaben finden sich im sogenannten Tagesfundus, wo für jede aktuelle Produktion ein Wagen mit den Requisiten bereitsteht. Sektflaschen und Gläser verraten auch ohne die Beschriftung die Zugehörigkeit zur „Csárdásfürstin“, und der Hexenbesen nebenan wird selbstredend in „Hänsel und Gretel“ benötigt. Und nach der letzten Vorstellung ? „Wir bemühen uns, so viel wie möglich zu erhalten“, erläutert Annette Pagani, weshalb der Bestand im Fundus ständig wächst. Freilich könne nicht jedes Element bei Bedarf wieder aus den Schränken und Regalen gezogen werden. Ein Beispiel: die riesengroßen Bücher, die für die Oper „Nabucco“ verwendet werden. „Die sind so markant, dass sie die Zuschauer sofort wiedererkennen würden.“

Unproblematisch sind dagegen die Käse- und Wurstbrote aus Filz und Schaumgummi, das Plastikobst und die Styroportorten, die nicht einmal der Kühlung bedürfen. „Soll auf der Bühne tatsächlich gegessen werden, lege ich häufig Apfelschnitze dazu“, erläutert die Requisiteurin. „Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht, das mag und verträgt eigentlich jeder.“ Am Apfel verschluckt hat sich nur Schneewittchen. Aber dieses Märchen wird ja gerade nicht gespielt . . .

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