Fehlende Übung

Erstellt: 4. Januar 2017, 00:00 Uhr

Zu: „Kein Recht auf pädagogische Freiheit“ vom 28. Dezember

Ja, gibt’s denn das noch? Im Kultusministerium sitzt ein Mensch, der nach der Ursache schlechter Rechtschreibung sucht. Frau Eisenmann hat recht, wenn sie dieses lange brachliegende Gebiet zu beackern versucht. Die Ursachen sind multifaktoriell.

Zum einen begann das Übel mit der „Rechtschreibreform“, die in der Tat, wie der ehemalige Kultusminister Roman Herzog sagte, „so unnötig wie ein Kropf“ ist. Seither gibt es unterschiedliche Schreibweisen – sogar offiziell zugelassene wie auch von Institutionen selbst erfundene. Dazu gibt es Zeitungsredaktionen, die sie gar nicht erst mitmachen, aber für Kinder und besonders für Lese- und Rechtschreibschwache ist die babylonische Schriftverwirrung nachteilig. Ein Legastheniker muss ein Wort mindestens 300 Mal gesehen haben, bis er sich die Wortgestalt einprägen kann. Nun sieht er die Wörter im Schulbuch anders als in der Freizeitlektüre, selbst darf er nach Gehör schreiben. So schreiben zwar alle Kinder zuerst, aber das sollte nicht im Unterricht gefördert werden, denn das Umlernen ist schwieriger, als gleich das später Geforderte zu üben. Das ist beim Erlernen eines Instruments bekannt, und das ist bei den Kulturtechniken nicht anders. Dass die Rechtschreibreform die Rechtschreibung der Schüler nicht verbessert hat, braucht nicht erwähnt zu werden.

Der zweite Punkt ist, dass die Übung fehlt. Früher schrieben die Kinder Texte von der Tafel oder Abschnitte aus dem Lesebuch ab, was nicht nur die Schreibfertigkeit erhöht, sondern auch die Wortbilder einprägt. Heute bekommen sie Arbeitsblätter mit Lückentexten, die schnell ausgefüllt sind und in denen allenfalls das einzutragende Wort eine gewisse Aufmerksamkeit erhält.

Zum Dritten sollte mehr gelesen werden. Lesen fordert auf zwanglose Weise die Rechtschreibung. Es gibt so viele spannende Bücher. Handy, Fernsehen und Computerspiele sind in diesem Zusammenhang keine guten Lehrmeister.

Nach Maßgaben einer früheren Probearbeit, wie sie in den 80er Jahren zur Aufnahme ins Gymnasium gefordert war, wurde ein Diktat mit zwölf Fehlern mit der Note sechs bewertet. Das war in der Tat zu hart, zumal auch noch ein Zeichenfehler als halber Fehler zählte. Aber nach diesen Kriterien würde heute kaum noch ein Kind ins Gymnasium kommen. Es wird zuweilen vergessen, dass man Rechtschreibung lernen kann.

Dr. Rosemarie Klotz-Burr, Ötisheim

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