Letzte Ausfahrt Kaffeefahrt

Erstellt: 9. Oktober 2012, 23:30 Uhr
Letzte Ausfahrt Kaffeefahrt Aufklärungsarbeit hat sich Adalbert Binder auf die Fahnen geschrieben.

Mühlacker-Lomersheim. Als die Schwägerin gestorben war, fanden die Lomersheimer Verwandten beim Ausräumen der Wohnung stapelweise Haushaltsgeräte vor: Kaffeemaschinen, Heizdecken und von allem mehr, als die Alleinstehende je hätte gebrauchen können – erstanden ganz offensichtlich bei zahllosen Kaffeefahrten, die eine, letztlich teuer bezahlte Abwechslung vom Alltag versprochen hatten.

Von solchen Fällen wissen nicht nur einige Besucher des Lomersheimer Frühstückstreffs zu berichten, sondern vor allen Dingen der Referent Adalbert Binder, Vorsitzender des Heilbronner Vereins „Senioren für Andere“. Der frühere Kaufmann hat es sich im Rahmen eines mit der Polizei auf den Weg gebrachten Präventionsprojekts unter dem Titel „Der goldene Herbst“ auf die Fahnen geschrieben, gerade ältere Menschen vor „vergifteten Geschenken“ in unterschiedlichster Verpackung und vor Betrügereien an der Haustür oder am Telefon zu warnen. Das Thema nehme an Brisanz zu, liest der seit einem Vierteljahrhundert ehrenamtlich Engagierte an der Fülle an Einladungen ab.

Aufklärungsbedarf bestehe nach wie vor reichlich im weiten Feld zwischen Kaffeefahrt und Enkeltrick, auf dem sich mittlerweile nicht mehr einzelne schwarze Schafe, sondern ganze Herden hochprofessioneller Krimineller tummelten. Entsprechend aufrüttelnde Beispiele führt Adalbert Binder seinen Zuhörern vor Augen. Freilich wolle er niemandem einreden, hinter jedem Busch lauere Gefahr; auch seien es längst nicht nur die Senioren, die Betrügern auf den Leim gingen. Und doch gelte es, einige wichtige Regeln zu beachten. „Lassen Sie keine Fremden in Ihre Wohnung“, schickt der Referent etwa seinen Ausführungen zum Thema Haustürgeschäfte voraus. Ein freundliches Lächeln des Verkäufers sei längst kein Argument, und wer auch immer an der Tür stehe, eine Armlänge Abstand sei einzuhalten. „Wenn Sie sich bedrängt fühlen, nutzen Sie das wehrhafte Organ Ihrer Stimme“, rät Binder, laut zu werden und unerwünschte Besucher anzuschreien. Zu diskutieren sei fruchtlos, Verträge oder auch nur Rapportzettel zu unterzeichnen, nicht ratsam.

Eindringlich warnt der Vereinsvorsitzende auch vor einer Masche, die immer häufiger zu verzeichnen sei: Falsche Amtsträger, ob in die Montur des Wasserwerks oder in Polizeiuniform gehüllt, klingeln Sturm und verschaffen sich unter einem Vorwand Zutritt zur Wohnung. „Lassen Sie sich das nicht gefallen“, appelliert Binder an seine Zuhörer. Blindes Vertrauen und überzogener Respekt öffneten Betrügern Tür und Tor. Kritisch zu hinterfragen gelte es auch teilweise das eigene Verhalten. So erlebe er immer wieder, dass in Todesanzeigen die komplette Anschrift des Verstorbenen angegeben werde. Dabei hätten sich Kriminelle nicht nur darauf spezialisiert, während der Trauerfeier das Haus auszuräumen, sondern bedienten sich auch eines besonders perfiden Tricks: Sie schickten an den Verstorbenen Rechnungen eines Sex-Versandes, die die Hinterbliebenen dann – peinlich berührt und ohnehin mit anderen Dingen beschäftigt – zumeist stillschweigend beglichen.

Immer dreister nutzten Betrüger auch das Telefon. „Bei Gewinnmitteilungen oder Kaufangeboten gleich auflegen“, nennt Adalbert Binder seine Devise. „Was da angeboten wird, brauchen Sie nicht“, bezieht sich der Experte auch auf Kaffeefahrten und berichtet Haarsträubendes von einer Tour, die er testweise mitgemacht hat. 13 Gutgläubige hätten am Ende für ach so günstige 798 Euro ein Präparat gekauft, das ihnen die ewige Jugend verhieß. Dabei habe sich mancher Mitfahrer wohl etwas ganz anderes von der Tour versprochen. „Eine Frau sagte mir, die Einladung zur Kaffeefahrt sei der einzige Brief gewesen, den sie innerhalb von sechs Wochen bekommen hatte“, erinnert sich Adalbert Binder. Die Kaffeefahrt als letzte Ausfahrt aus der Einsamkeit? Für die Gäste des Frühstückstreffs gibt es Alternativen. „Ich komme auch so genug unter Leute“, sagt Besucherin Helene Herrigel. Und Neues zu erzählen hat sie jetzt auch.

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